700 Jahre Heuersdorf


Die Ortschaft Heuersdorf liegt im alten slawischen Siedlungsraum zwischen Pleiße und Elbe. Nur die zwei Kirchen weisen auf ursprünglich zwei Dörfer hin. Ein urwüchsig fruchtbares Siedlungsgebiet bot Generationen von Menschen eine landwirtschaftlich geprägte Lebensgrundlage, die zu einem noch heute sichtbaren Wohlstand führte.

Eine Chronik von Helga Hillner, Inge Keller, Manfred Reuter und Jeffrey H. Michel

Ein geschichtsträchtiger Ort seit dem frühen Mittelalter

Die Gründung von Heuersdorf geht bis in die Siedlungsbewegung des 12.-13. Jahrhunderts zurück. In dieser Zeit entstanden in der Mark Meißen etwa 4000 neue Dörfer. Die geschlossene Straßendorfanlage mit aneinandergereihten Dreiseitenhöfen und den großen Flurstücken in Gelänge- bzw. Streifenform gibt Aufschluß über auf die ungefähre Entstehungszeit. Es wird angenommen, daß zahlreiche alte Rundweiler, wie es eben auch Heuersdorf ist, vielleicht schon vor 1151 dadurch erweitert wurden, daß zu beiden Seiten des Zugangsweges neue Bauernhöfe angelegt wurden, so daß auf diese Weise ein Sackgassendorf entstand. Demzufolge sind viele Orte oft älter, als sie urkundlich nachweisbar sind. Aus der “Parochie Breunsdorf mit Filial Heuersdorf” erfahren wir, daß Heuersdorf als Ort erstmals 1487 erwähnt wird. Im Laufe der Jahre erlebte der Ortsname diese Veränderungen: 1487 wurde der Ort als Heyersdorf, 1494 Heynersdorff, 1591 Heyersdorf und 1748 als Heuersdorf genannt.

Die Emmauskirche ist vor der Reformation gegründet worden und wurde 1297 erstmals erwähnt. Seit 1548 war sie Filialkirche von Breunsdorf und ab 1921 bis 1926 ist sie Filialkirche von Großhermsdorf. Der zweite Ortsteil Großhermsdorf mit Rittersitz wurde 1378 als Hermanstorfmagnum, Hermannsdorfmaior, Groß-Hermannsdorff, ab 1422 Hermsdorff maior, 1485 Groß Hermstorff, 1551 Hermsdorff uff der Heide genannt. Der Zusatz “Groß” diente zur Unterscheidung vom benachbarten Kleinhermsdorf. Großhermsdorf soll ein Filialdorf eines während der Hussitenkriege verwüsteten, südwestlich auf Ramsdorf zu gelegenen Dorfes gewesen sein. Das Dorf Großhermsdorf war früher geteilt. Eine Hälfte des Dorfes stand unter der Jurisdiktion des Rittergutes Ramsdorf, die andere stand unter dem hiesigen Rittergut, das zugleich die Gerichtsbarkeit über die Dörfer Hartmannsdorf und Röthigen und einen Teil von Deutzen ausübte. Die Obergerichte übte das Königliche Amt zu Borna aus. Besitzer aus der Zeit von 1525 sind die Herren von Fitzscher und Pflugk, die zugleich Patrone von Kirche, Pfarrei und Schule waren.

Das Rittergut bildete den Lebensmittelpunkt im Heuersdorfer Ortsteil Großhermsdorf. Neben den Bauern siedelten sich Handwerker an wie Schmiede, Sattler und Stellmacher, die im ländlichen Leben unentbehrlich waren. Sie wurden zu dieser Zeit als “Häusler” bezeichnet, da sie ohne Feldbesitz waren und sich von Lohnarbeit oder Gewerbebetrieb ernährten. Sie gingen als Tagelöhner auf dem Rittergut arbeiten und erledigten die handwerklichen Arbeiten neben der Landwirtschaft. Damit gerieten sie in die völlige Abhängigkeit der jeweiligen Rittergutsbesitzer, deren Einfluß dadurch maßgeblich war. Das war auch der Grund dafür, daß es hier nur wenig gutsituierte Bauernhöfe, dafür zahlreiche Häusler gab.

In Heuersdorf, wo es nur Bauernhöfe und kein Rittergut gab, waren nur wenige von ihnen gezwungen, auf dem Rittergut in Großhermsdorf zu arbeiten. Diese Verhältnisse änderten sich erst mit Beendigung des 2. Weltkrieges im Jahre 1945. Bis zum Beginn des 19. Jahrhunderts, ehe der Kohlebergbau im Bornaer Raum die Beschäftigungsstruktur änderte, war Heuersdorf ein Bauerndorf, das vorwiegend von Ackerbau und Viehzucht lebte. Im Dorf sind überwiegend Dreiseiten-Bauernhöfe. Die vorherrschende Bauart ist Steinbau und zum Teil auch Fachwerk.

Am 1. April 1935 wurde die Gemeinde Großhermsdorf in die Gemeinde Heuersdorf eingegliedert. 1951 waren ein Drittel aller Heuersdorfer Einwohner Neubürger (Flüchtlinge). Die sozialistische Großraumwirtschaft wird angestrebt, um mit den neuesten Erkenntnisen dem Boden höhere Erträge abzuringen. Die LPG (Landwirtschaftliche Produktionsgenossenschaft) Typ III “Frohe Zukunft” wurde 1958 mit zehn Bauern gegründet, die 102 ha landwirtschaftliche Nutzfläche einbrachten. Die letzten acht Bauern gingen in die 1960 gegründete LPG Typ I “Justus Liebig” und die LPG “Glück auf”, wodurch auch weitere 80 ha Land eingebracht werden. Die drei Heuersdorfer Genossenschaften vereinigten sich 1969 zur LPG I “Frohe Zukunft”, die sich sieben Jahre später mit der Großstolpener LPG I “Deutsch-Sowjetische Freundschaft” zusammenschloß. Gemeinsam betrieben sie Pflanzenanbau und Großviehzucht. Nach der politischen Wende 1990 wurden alle ostdeutschen Agrarbetriebe privatisiert und zum Teil als Genossenschaften weitergeführt.

Der Einzug der Kohlewirtschaft

1898 wurde von der Düsseldorfer Bank für Bergbau und Industrie die Aktiengesellschaft “Ramsdorfer Braunkohlenwerke” gegründet. Hier wurde im Tiefbau Rohbraunkohle gefördert, die in der gleichzeitig errichteten Brikettfabrik Ramsdorf weiterverarbeitet wurde. Ab 1920 erhielt die Brikettfabrik Ramsdorf Anschluß an die Reichsbahn. Bis dahin erfolgte die Abgabe der Briketts auf dem Landabsatz. Die Errichtung des Braunkohlenwerkes auf der Ramsdorfer Flur führte mehr und mehr zum Entzug der Arbeiter aus der Landwirtschaft. Mit dem Braunkohlenabbau verkleinerte sich zwangsläufig die landwirtschaftliche Nutzfläche. Seit dem industriemäßigen Abbau der Braunkohle gingen immer mehr Bauern und Bauemsöhne in die Tagebaue und Brikettfabriken arbeiten, und der eigene Hof wurde als Nebenerwerb betrieben.

Im Einwohnerverzeichnis aus dem Jahre 1909 werden in Großhermsdorf von 242 Einwohnern fünf Grubenarbeiter und in Heuersdorf von 234 Einwohnern siebzehn als Grubenarbeiter aufgeführt. 1910 wurde in Deutzen die Brikettfabrik errichtet, die 1912 in Betrieb ging. Aus dem Bezirksadreßbuch von 1922 ist ersichtlich, daß z.B. von den 310 Einwohnern in Heuersdorf 19 Bergarbeiter waren: von den 291 Einwohnern in Großhermsdorf drei Bergarbeiter, die in den umliegenden Brikettfabriken und Tagebauen arbeiteten. Mit der Braunkohlenwirtschaft war ein merklicher Anstieg der Einwohnerzahl in den beiden Gemeinden zu verzeichnen.

Wirtschaftspolitik wider die ökologische Vernunft

Die Kohlewirtschaft war stets eng verbunden mit der Tragik menschlicher Unvernunft. Während der nazistischen Gewaltherrschaft trug der regionale Bergbau und die Karbochemie zur Führung eines verbrecherischen Krieges bei. Die größten Teile der Kohlelagerstätten dienten in den folgenden 40 Jahren als Grundlage für die stalinistisch geprägte Tonnenideologie. Die Ostdeutschen setzten deshalb 1990 ihre ganze Hoffnung in die demokratische Umgestaltung der Gesellschaft. Mit dem Zusammenbruch der ostdeutschen Schwerindustrie, der Stillegung von Tagebauen und Abbau der ehemaligen Brikettfabriken Regis, Deutzen, Lobstädt, Großzössen und Borna bestand für die Heuersdorfer wieder Hoffnung auf den Erhalt ihres Ortes. Es wurde gebaut, renoviert und modernisiert. 43 von 110 Gebäuden, wie z.B. die Emmauskirche stehen unter Denkmalschutz. Am 20. Juni 1996 erhielt die Gemeinde beim Wettbewerb “Unser Dorf soll schöner werden - unser Dorf hat Zukunft” einen Sonderpreis.

Doch die gehegten Erwartungen an eine zukunftsfähige Energiepolitik erwiesen sich als Irrtum. Das amerikanische Bergbaukonsortium, die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) setzt mit Unterstützung der Sächsischen Staatsregierung eine überdimensionierte Braunkohlewirtschaft fort. Der Heuersdorfer Ortschaftsrat, die evangelische Kirchgemeinde, die Volkssolidarität, die Sportler, die Feuerwehr und der 1995 gegründete Verein “Für Heuersdorf e. V.” haben erkannt, daß die Inanspruchnahme der Ortslage durch den Bergbau vermeidbar ist. Sie wehren sich gemeinsam gegen das drohende Unrecht. Dabei geht ihre Weigerungshaltung weit über die persönlichen Interessen der Betroffenen hinaus. Heuersdorf trat deswegen 1996 dem Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) bei, um einen Beitrag zum historisch notwendigen Übergang zur regenerativen Energiegewinnung und Ressourceneinsparung zu leisten.

Ständig wachsender Beistand verantwortungsbewußter Politiker, Umweltschützer, Kirchenvertreter, Wissenschaftler und Juristen geben den Heuersdorfern Kraft und Hoffnung, ihr Dorf vor der sinnlosen Vernichtung zu retten. Sie erinnern sich an den bekannten Ausspruch Martin Luthers: “Wenn ich wüßte, daß morgen die Welt unterginge, so würde ich doch heute mein Apfelbäumchen pflanzen”.

Bereits 1991 war die Gemeinde Heuersdorf der Verwaltungsgemeinschaft Regis-Breitingen beigetreten. In dieser Zeit fanden die ersten freien Kommunalwahlen statt. Die neue Demokratie und die Freiheit, das zu sagen, was man denkt und fühlt, wurde schnell zur Selbstverständlichkeit. Damit war die Gelegenheit gekommen, um auf die Probleme, die der Kohleabbau mit sich bringt, wieder aufmerksam zu machen. 1992 wurde Horst Bruchmann zum Bürgermeister von Heuersdorf gewählt, auf den wohl die schwierigste Aufgabe fiel, die bisher je ein Bürgermeister zu bewältigen hatte. Mit einem eindeutigen Gemeinderatsbeschluß beauftragten die Gemeinderäte den Bürgermeister, einer Abbaggerung des Ortes nicht zuzustimmen und alles Erforderliche zur Erhaltung und Entwicklung des Ortes zu tun. Der Flurförderungsplan und Lückenbebauungsplan, den die Gemeinde 1992 erarbeitete, sollte dazu dienen, junge und bauwillige Familien in den inzwischen überalterten Ort anzusiedeln.

Ab 1999 diente Horst Bruchmann nur noch als Ortsvorsteher, da Heuersdorf gemäß dem Heuersdorf-Gesetz, das am 19.03.1998 vom Sächsischen Landtag verabschiedet wurde, nach der Stadt Regis-Breitingen eingemeindet worden war. Das Gesetz wurde jedoch am 14.07.2000 vom Sächsischen Verfassungsgerichtshof für nichtig erklärt. Die Gemeinde Heuersdorf erlangte mit Wirkung vom 01.10.2000 ihre kommunale Selbständigkeit wieder. Bürgermeister Horst Bruchmann wurde am 10.06.2001 mit einem Wahlergebnis von 100 Prozent im Amt bestätigt. Am 29.04.2003 legte die Sächsische Staatsregierung den Entwurf eines neuen Heuersdorf-Gesetzes vor, um eine Umsiedlung der Bewohner zu erzwingen. Das Gesetz wurde am 22.04.2004 vom Sächsischen Landtag verabschiedet. Der Gemeinderat setzt sich aber weiterhin für die Erhaltung und Erneuerung der Ortschaft ein. Hierzu wurde im Herbst 2004 eine Normenkontrollklage gegen das Gesetz eingereicht.

Durch eine bergbauliche Umfahrung der Ortslage, was schon einmal im Februar 1994 durch den Braunkohlenausschuß zur Debatte stand aber von der Sächsischen Staatsregierung im März 1994 abgelehnt wurde, bräuchte Heuersdorf nicht devastiert zu werden. Damit könnte dieser zum größten Teil unter Denkmalschutz stehende Ort mit seinen Bauwerken aus mehreren Jahrhunderten im Zeitalter nach der Braunkohle seine Entwicklung fortsetzen.

Siehe auch:

“Der bedeutendste Heuersdorfer”

“Die Geburt der Landschaft aus dem Geiste der Umweltzerstörung”