19. März 2001 Nr. 100

Fällige Hausaufgaben

Heuersdorf Aktuell erscheint nun seit Oktober 1996. Konnte man über viele Jahre an die Fähigkeit zur energiepolitischen Einsicht zweifeln, gab es in letzter Zeit ermutigende Anzeichen des Umdenkens. Denn der Treibhauseffekt sorgt inzwischen für einen Besinnungswandel in allen politischen Reihen.

Sollen aber trotzdem die CO2-belasteten Braunkohlekraftwerke in den neuen Bundesländern über vier Jahrzehnte weiterlaufen? Oder müssen nicht vielmehr Überlegungen angestellt werden, wie eine exportfördernde Energie- und Effizienzrevolution angegangen werden könnte?

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Mahnung an die Vernunft: Vier geschnitzte (drei Meter hohe) hölzerne Wächter sowie alte Türen und Fenster an verkohlten Balken stehen als "Geisterdorf" am Ortsausgang von Heuersdorf in Richtung des zerstörten Nachbarorts Breunsdorf, des Schleenhainer Tagebaus sowie des Kraftwerks Lippendorf (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 24./27.02.2001). Die Leipziger Freunde Andreas Kießling, Djana Legel, Marko Wuttke und Sandra Fugmann haben sich das Kunstwerk ausgedacht und installiert. Die Figuren sollen sich "symbolisch gegen die Übermächte auflehnen und dem Ort Schutz bieten". An der veralteten Energiegewinnung aus Braunkohle seien die Leipziger "mit verantwortlich".

Grüne Tadel: Bundesumweltminister Jürgen Trittin hat der deutschen Wirtschaft vorgeworfen, ihre positive Bilanz beim Klimaschutz als "Ruhekissen" zu verstehen (Berliner Zeitung, 24.02.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 99). Die Emissionen des Treibhausgases Kohlendioxid seien wieder leicht angestiegen. Infolge des Klimawandels würden Forsythien und Schneeglöckchen fünf Tage früher blühen als vor zehn Jahren. Die Wirtschaft habe ihre freiwillige CO2-Verpflichtung "bislang eingehalten, die Energiewirtschaft nicht" (Die Tageszeitung, 06.03.2001). Nur durch den schnellen Ausbau der Kraft-Wärme-Kopplung könne Deutschland nun sein ambitioniertes Klimaschutzziel erreichen (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 45, 64, 72, 76, 78, 82, 92, 93, 96, 99).

Kraftprotz: Das Kraftwerk Jänschwalde der Vereinigte Energiewerke AG (Veag) hat im vergangenen Jahr die Rekordmenge von über 25 Millionen Tonnen Rohbraunkohle verbraucht (LAUBAG report 1/2001). Damit seien "deutlich mehr als 22 Milliarden Kilowattstunden" Elektroenergie (und 23 Millionen Tonnen Kohlendioxid) erzeugt worden. Angesichts des anrückenden Tagebaus haben die Stadtverordneten der Stadt Forst den Bebauungsplan für "Neu Horno" beschlossen (Lausitzer Rundschau, 28.02.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 95, 97). Ortsvorsteher Bernd Siegert erhielt die Zusicherung, dass im Falle einer Umsiedlung künftige Änderungswünsche berücksichtigt würden. Die Umsiedlung von Kausche sei aber für Horno “kein Vorbild”. Der dörfliche Charakter des Ortes müßte erhalten bleiben. Nach Ansicht des Schriftstellers Michael Gromm sei die Braunkohle "Botschafter des Todes für die sorbische Kultur" (Guardian, 06.03.2001).

Eile mit Weile: Sachsens Umweltminister Steffen Flath hat sich für eine Beobachtung der Kühlturmschwaden des Kraftwerks Lippendorf über "mindestens 10 Jahre" ausgesprochen, um Verdunklungen um mehr als 30 Stunden pro Jahr festzustellen (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 03.02.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 79, 84, 93, 98).

Abschied von Verschwendung: Nach Einschätzung führender Klimawissenschaftlicher könnte ohne großen Kostenaufwand der weltweite Treibhausgasausstoß in den nächsten 20 Jahren erheblich verringert werden (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 06.03.2001). Für Bürgermeister Horst Bruchman, soll bei der bevorstehenden Dritten Klimakonferenz der Jugend in Heuersdorf ein "Achtungszeichen" gesetzt werden (14.03.2001). "Klimaschutz betrifft ja die gesamte Menschheit."

Gedächtnisstütze: In einem Schreiben haben Einwohner von Heuersdorf den sächsischen Ministerpräsidenten, Kurt Biedenkopf , an seinen aus dem Jahre 1993 stammenden Vorschlag erinnert, "zum Erhalt des Dorfes Kohle aus anderen Tagebauen wie Profen für das Kraftwerk Lippendorf zu nutzen" (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 06.03.2001; s. Dokumentation, Rückblende).

Kulturschub: Der Förderverein "Pro Witznitz" ist zur Entwicklung des Gesamtareals am ehemaligen Braunkohlenveredelungsbetrieb (bei Borna) gegründet worden (Anzeiger Borna/Geithain, 07.03.2001; s. Dokumentation). Angesichts vielfältiger Vorhaben erklärte Vorstandsmitglied Uwe Ferber die Standortwerbung zum vordringlichsten Aufgabe.

Natürliches Umfeld: Der Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) hat eine Wanderung mit Kindern von Heuersdorf durchgeführt, um die ersten Frühlingsboten im Dorf und auf den Feldern zu entdecken (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 09.03.2001). Helga Wagler von der Kreisgruppe Leipzig beteuerte die hohe Interessiertheit der Kinder bei der Artenbestimmung und beim Ausmalen von Arbeitsbögen.

Dokumentation

"'Neuseenland'" statt Kohle-Moloch", Sächsische Zeitung, 17.03.2001: "Die Region im Drei-Länder-Eck von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen gehörte zu den industriellen Zentren der DDR. 54 000 Menschen standen in Bergbau und Industrie in Lohn und Brot.(...) Acht Großtagebaue, 16 Brikettfabriken und sechs Großkraftwerke existierten bis zur Wende in der Region (...). Heute gibt es noch einen Tagebau, der das modernste Braunkohlenkraftwerk der Welt in Lippendorf beliefert. (...) Knapp 5 000 Menschen haben noch einen Job in Bergbau und Industrie. Die Arbeitslosenquote gehört mit 23 Prozent zu den höchsten im Land. (...) (Gegenüber dem ehemaligen Braunkohleveredlungswerk Espenhain) soll sogar in einem Tagebaurestloch eine Unterwassererlebniswelt mit Restaurant, Aquarium und Kino entstehen."

Rückblende

"Kurt Biedenkopf, Streiter für Sachsen", Das Beste, September 1993: "1977 gründete er das private Institut für Wirtschafts- und Gesellschaftspolitik in Bonn und war drei Jahre lang dessen wissenschaftlicher Leiter. (...) Er veröffentlichte eine Reihe von Schriften, die die herkömmlichen Theorien über die Notwendigkeit eines ständigen Wirtschaftswachstums in Frage stellten und vor der ökologisch verhängnisvollen Ausbeutung der natürlichen Ressourcen warnten. 'Er ist wirklich wie ein Preisboxer', sagte (...) einmal ein Bonner Journalist. 'Je härter man ihn niederschlägt, desto schneller springt er wieder auf und versucht es mit einer neuen Taktik.'"