23. April 2001 Nr. 102

Gesteigerter Wertverlust

Sachsens Wirtschaftsminister Kajo Schommer sprach vergangenes Jahr davon, dass "die noch zum Verkauf anstehenden Unternehmen VEAG und LAUBAG (...) stark im Wert" sinken würden (Pressemitteilung 10.8.2000). Er beanstandet inzwischen auch das schädliche Verhalten der amerikanischen Mirant, die "alle an der Nase herum" führen würde (Die Welt, 04.04.2001). Doch er selbst hat dieses Unternehmen Monate lang hofiert (s. Rückblende).

Die NRG Energy, Inc. (www.nrgenergy.com) übernahm kürzlich ein Drittel der Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag). Der niedrige Verkaufspreis hat die Entwertung der Ostbraunkohle erneut bestätigt.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Landstrich der Geduldigen: Nach Meinung des Beauftragten der Bundesregierung für die neuen Bundesländer, Rolf Schwanitz, wird in 15 bis 20 Jahren der Leipziger Südraum eine "hochinteressante Region" sein (Leipziger Volkszeitung, 02.04.2001). Bis August 2001 läuft ein von der Südraum Leipzig GmbH koordiniertes EU-Projekt über langfristige urbane Nachhaltigkeitsstrategien. Ray Harris, Vertreter der englischen Thames Gateway Project Partnership betrachtet die Region als künftiges "Seenviertel von Deutschland". Der Verein Kohlebahn e. V. hat eine Dampflokomotive KTL 10 aus dem Jahr 1944 erhalten, die nach der Instandsetzung 2002 für Fahrten auf der Schmalspurbahn ab Regis-Breitingen eingesetzt wird (Bornaer & Geithainer Rundschau, 05.04.2001). Der Kunstmaler Wolfgang Matheuer unterstützt den Erhalt der von der Sprengung bedrohten Tagebaubrücke Zwenkau (Leipziger Volkszeitung, 06.04.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 101).

Zoff um Strom: Sachsens Wirtschaftsminister Kajo Schommer hat bei der Übernahme der Berliner Bewag dessen US-Hauptaktionär Mirant eine "Hinhalte-Taktik" vorgeworfen, die "Arbeitsplätze in den neuen Ländern und die Wettbewerbsfähigkeit der ostdeutschen Wirtschaft" gefährden würde (Die Welt, 04.04.2001). Das Unternehmen will den Aufbau eines "Nordost-Versorgers" als Gegengewicht zu RWE und E.on erst "schrittweise in zwei bis drei Jahren" verwirklichen (s. Rückblende). Zur gesteigerten Wettbewerbsfähigkeit reduziert die RWE Rheinbraun ihren Personalbestand bis zum Jahre 2004 auf rund 10.700 (d. h. um 30 Prozent) (Kölner Stadtanzeiger, Erftkreis, 04.04.2001).

Gefragte Expertise: Ostdeutsche Unternehmen der Braunkohle- und Energiewirtschaft und des Maschinenbaus rechnen mit Millionenaufträgen in Jugoslawien bei der Reparatur von Tagebaugeräten sowie zur Modernisierung von Bergbau- und Energieanlagen (Berliner Zeitung, 06.04.2001). Bei der Maschinenbaufabrik Sket Magdeburg wurden im Jahre 2000 mit 350 Mitarbeitern Windenergieanlagen für insgesamt 60 Millionen DM umgesetzt, 25 Prozent mehr als 1999 (Leipziger Volkszeitung, 07.04.2001). Windkraftkomponenten werden sowohl für die Enercon GmbH als auch für den Gesellschafter Heinz Buse gefertigt.

Umsatzflaute: Im Jahre 2000 hat die Vereinigte Energiewerke AG (Veag) 54,6 Milliarden Kilowattstunden (kWh) Strom abgesetzt und damit erstmals das Niveau des Jahres 1991 übertroffen (Berliner Zeitung, 07.04.2001). Der Stromumsatz ging jedoch um 28 Prozent zurück. (Im Jahre 1999 wurde ein Umsatz von 4,4 Milliarden DM erzielt; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 80). Die nordostdeutsche Energie Nord AG (e.dis) verzeichnete 2000 einen Umsatzrückgang von 11,2 Prozent (Lübecker Nachrichten, 07.04.2001). Rund 74 Prozent der abgesetzten 12,15 Milliarden kWh Elektronenergie würden aus Braunkohlekraftwerken der VEAG bezogen, 17 Prozent aus anderen Erzeugungsanlagen und fast 9 Prozent aus regenerativen Quellen einschließlich 920 angeschlossener Windturbinen bezogen.

Grenzenlos: Die Horno-Allianz richtet einen "weltweiten Aufruf" an Umweltverbände, Menschenrechtsorganisationen, Künstler, Wissenschaftler und Politiker, um den künftigen Eigentümer von Veag und Laubag, den schwedischen Staatskonzern Vattenfall, sowie die Regierung Schwedens aufzufordern, auf die Zwangsumsiedlung von Horno zu verzichten (Lausitzer Rundschau, 07.04.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 97, 99, 100, 101).

Umweltbelastende Energie: Laut einem EU-Forschungsprojekt betragen die externen Kosten der Stein- und Braunkohleverstromung zwischen 2 und 15 Cents pro kWh gegenüber 0,5 Cents/kWh bei Wind- und Solarstrom (Zeitung für kommunale Wirtschaft, April 2001). Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat ein Positionspapier zur Braunkohlenutzung vorgelegt (bundservice@bund.net). Darin wird ein Auslaufen der ostdeutschen Braunkohlenförderung bis 2035 bei Schonung der Ortschaften Horno und Heuersdorf gefordert. Die Braunkohle hat derzeit in Deutschland einen Anteil von rund 10 Prozent am Primärenergieverbrauch aber 20 Prozent an den CO2-Emissionen.

Neu gewürfelt: Die US-amerikanische NRG Energy, Inc. übernimmt die Anteile des britischen PowerGen an der Mitteldeutsche Braunkohle mbH (Mibrag) sowie an der Saale Energie GmbH (SEG) und an zwei Kraftwerken der Budapester Csepel (BusinessWire, 17.04.2001). Damit verfügt NRG über 66,7 Prozent des Eigentums an der Mibrag und über eine Erzeugungsleistung von 400 Megawatt im SEG/VKR-Kraftwerk Schkopau.

Rückblende

"Schommer skeptisch zu BEWAG-Kauf durch HEW", Sächsisches Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit, 10.8.2000: "Skeptisch reagiert Sachsens Wirtschaftsminister Dr. Kajo Schommer auf die Meldung, daß die Hamburgischen Elektrikitätswerke (HEW) die Mehrheit am Berliner Stromkonzern BEWAG übernehmen. (...) Das einzig wirklich ostfreundliche Konzept für eine Übernahme von VEAG (Produktion), LAUBAG (Braunkohlelieferant) und BEWAG (Stromabnehmer) legte Schommer zufolge bisher nur das US-Unternehmen Southern Energy vor. Der Minister: 'Die Southern-Manager haben mir noch vor einer Woche in Atlanta die klare Zusage für die langfristige Sicherung der Braunkohleverstromung wiederholt.'"

"Die Veag ist neu geboren. HEW übernimmt Ost-Stromversorger", Lausitzer Rundschau, 14.12.2000: "Das Tauziehen um die Vereinigte Energiewerke AG (Veag) ist beendet. Neuer Eigentümer sind die Hamburgischen Electricitäts-Werke (HEW) und deren schwedische Mutter Vattenfall. Albrecht von Truchseß ist erleichtert: 'Das Warten hat ein Ende, für das Unternehmen, die Beschäftigten und für die Lausitz', sagt der Veag-Sprecher. (...) Auch Sachsens Wirtschaftsminister Kajo Schommer (CDU) ist froh über 'das glückliche Ende der Hängepartie und die Geburt einer vierten Kraft auf dem deutschen Energiemarkt'."