07. Mai 2001 Nr. 103

Internationale Ausflüge

Manchmal kommen Reisebusse mit Besuchern aus dem Ausland nach Heuersdorf. Sie sind von der drohenden Verwüstung immer entsetzt und bestätigen zugleich, dass der hohe kulturhistorische Stellenwert dieses 700 Jahre alten Ortes jede Zerstörungsabsicht verbieten müßte.

Man tut in Deutschland so, wie wenn die Braunkohle knapp aber die Dörfer im Überfluss vorhanden wären. Die Bergbaukonzerne wollen auch ihre Fördermengen weiter steigern. Sie werden dabei von den gleichen Politikern unterstützt, die eine CO2-Reduzierung von 25 Prozent bis 2005 versprechen. Bislang sind lediglich zwei Drittel davon erreicht worden.

Der Präsident des Naturschutzbunds Deutschland, Jochen Flasbarth, ermahnt die Bundesregierung, ihre Hausaufgabe zu erledigen (Der Spiegel, 16/2001). Nur dann könne sie "international als klimapolitisches Zugpferd auftreten".

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Ökologische Gegenoffensiven: Das Agenda-21-Büro der Ökologischen Station Borna-Birkenhain hat einen Katalog von 26 konkreten Maßnahmen für die nachhaltige Entwicklung der Region vorgelegt (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 24.04.2001).

Alte Liebe: Der Parlamentarische Geschäftsführer der CSU-Landesgruppe im Deutschen Bundestag, Peter Ramsauer, hat versichert, dass "CSU und CDU nach einem Regierungswechsel den angeblich 'unumkehrbaren' Atomausstieg wieder umkehren" würden (Pressemitteilung vom 25.04.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 88, 96, 97). Der von Rot-Grün beschlossene Atomausstieg sei "verantwortungslos", da die deutschen Sicherheitsstandards dazu beitrügen, "die Risiken der Kernkraft weltweit zu minimieren". In einer Umfrage der Presseagentur Associated Press (25.04.2001) befürwortete die Hälfte aller befragten US-Amerikaner die Kernenergienutzung (s. Zitierfähiges). In den USA werden 103 Atomkraftwerke betrieben, um ca. 20 Prozent des Strombedarfs zu decken. Der russische Ökologe Alexej Jablokow hat dennoch vorgerechnet, dass der Reaktorkatastrophe in Tschernobyl bis 2015 Folgekosten um 560 Milliarden Dollar verursachen würde, wodurch "jeder mögliche Gewinn aus der Atomenergie um ein Mehrfaches überschritten wird" (Berliner Morgenpost, 26.04.2001).

Frische Brise: Nach Erkenntnis des Umweltministers Steffen Flath gehört Sachsen zu den windreichsten Binnenländern (Leipziger Volkszeitung, 28.04.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 94, 97). Die Windenergie werde aber zu wenig genutzt. Der Anteil alternativ erzeugter Energie in Sachsen soll innerhalb eines Jahrzehnts von derzeit 1,2 auf 5 Prozent erhöht werden, wobei die Nutzung der Biomasse die Hauptrolle spielen soll.

Mühsamer Etappensieg: Die US-amerikanische Mirant und die Hamburgische Electricitäts-Werke AG (HEW) haben sich auf einen jeweiligen Anteil von 43 Prozent am Eigentum des Berliner Versorgungsunternehmens Bewag geeinigt (Die Welt, 30.04.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 78, 79, 81, 84, 88, 90, 95, 96, 97). Eine Arbeitsgruppe wurde gebildet, um bis zum 30.06.2003 alle Einzelheiten des entstehenden Großkonzerns zu bearbeiten. Eine Übernahme der Energie Sachsen Brandenburg AG (Envia) mit 1,2 Millionen Kunden zur Vervollständigung der "Vierten Kraft" in der deutschen Stromwirtschaft wurde aus finanziellen Überlegungen abgesagt. Lars Josefsson, Vorstandsvorsitzender des schwedischen HEW-Haupteigentümers Vattenfall, sieht allenfalls eine langfristige Chance zur Eingliederung der Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) in das neue Unternehmen (Handelsblatt, 01.05.2001). Der Verwaltungsrat der Treuhandnachfolgerin BvS will jedoch eine Abnahmegarantie für die Mibrag-Braunkohle von der HEW verlangen, um den Erhalt des Tagebaus Profen und eine bessere Auslastung des Kraftwerks Schkopau zu gewährleisten. (Heuersdorf schlägt hierzu seit 1999 eine Fremdbekohlung des Kraftwerks Lippendorf aus Profen vor; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 66, 68, 93, 101.) HEW, Vattenfall und Mirant haben einen "Masterplan" verabredet, der die Eckpunkte für die Bildung der "Neuen Kraft" festlegt (HEW-Pressemitteilung, 02.05.2001). Bis August 2003 "sollen die Gesellschaften unter einer Holding oder Obergesellschaft" mit Sitz in Berlin zusammengeführt werden. Die BvS stimmte am 03. Mai dem Übernahmekonzept zu (Berliner Zeitung, 04.05.2001).

Zukunftsfertigung: Die Leipziger Niederlassung der im bayerischen Neumarkt ansässigen Pfleiderer AG hat den 2222. Stahlturm für Windkraftanlagen ausgeliefert (Leipziger Volkszeitung, 30.04.2001). Der Umsatz liegt zwischen 65 und 70 Millionen DM im Jahr. Das Werk zählt mit knapp 200 Beschäftigten zu den größeren Arbeitgebern in der Region.

Kohleveredelung: Auf einer Fachtagung im englischen Birmingham ist die Wirksamkeit des abgelaufenen EU-Förderprogramms RECHAR II bewertet worden, der 1999 zwischen der Staffordshire University und der SL Südraum Leipzig GmbH aufgenommen wurde (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 04.05.2001 s. Heuersdorf Aktuell Nr. 15, 30, 80, 90, 93, 102). Im Südraum sind elf Projekte mit ca. 16 Millionen DM gefördert worden, wie beispielsweise die Dorferneuerung Dreiskau-Muckern mit über vier Millionen Mark, der Gewerbehof Mölbis des Wirtschaftsvereins Südraum Leipzig sowie der Industriestandort Böhlen-Lippendorf mit jeweils mehr als zwei Millionen Mark (s. Rückblende). Das Freizeitzentrum Böhlen, die Bürgerbegegnungsstätte Neukieritzsch, die "Straße der Braunkohle" und das Regionalmarketing-Projekt des Südraumes Leipzig konnten erst durch die bereitgestellten Mittel verwirklicht werden.

Zitierfähiges

Mark Twain: "Man muss mit Philosophen reden, wenn sie Zahnschmerzen haben."

Rückblende

Karlheinz Bauer (stellvertretender Vorsitzender des Braunkohleausschusses), Leipziger Volkszeitung, 13.02.1993: "(Wir) wollen Dreiskau-Muckern erhalten, ebenso das Eichholz, die Elsteraue, die Schauderaue und Pödelwitz. (...) Wichtig ist ja, dass wir nicht mehr Werkzeug der MIBRAG sind. Die Machtverhältnisse kehren sich um, die Vertreter der Region haben das Sagen. (...) Ich denke, so bitter das auch ist, wenn wir größere Industrie in der Region erhalten wollen, brauchen wir einen sozial verträglichen und für die Umwelt gut gestalteten Tagebau. Gewerbe- und Mittelstand sind noch unterentwickelt."