31. Mai 2001 Nr. 105

Investitionssicherung auf Amerikanisch

Am 14. Mai 2001 hat in den USA die Washington Group International (WGI, www.wgint.com), Dritteleigentümer der Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag), ein Vergleichsverfahren angemeldet. Die Besitzer von 52 Millionen Aktien gehen dabei leer aus (The Idaho Statesman, 27.05.2001, 30.05.2001), obwohl alle ausländischen Beteiligungen - rund die Hälfte des Unternehmenseigentums - von der Liquidation unberührt bleiben. Ein Verkauf der Mibrag zur Kapitalbeschaffung wurde offenbar nicht erwogen.

Der früher als Morrison Knudsen bekannte Mibrag-Teilhaber ist bereits 1996 durch Intervention der Washington Construction Group Inc. vor einem Vergleichsverfahren gerettet worden (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 4). Da das Unternehmen weltweit 35.000 Mitarbeiter beschäftigt, wird es nicht von der Bildfläche verschwinden. Der mitteldeutsche Bergbaubetrieb dient somit der Gründung eines neuen WGI-Konzerns, an den jedoch die glücklosen Anleger keine Ansprüche mehr werden richten können.

Die Mibrag hat längst schon vorgeführt, wie man mit unbeantworteten Fragen und inflationären Zukunftsprognosen im Geschäft bleibt, obgleich der regionale Stellenwert der Braunkohle stark abgenommen hat (s. Rückblende).

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Bergbau gefährdet: Der Präsident der Europäischen Kommission, Romano Prodi, fordert die EU-Staaten zu einer Vorreiterrolle beim Klimaschutz auf (Handelsblatt, 28.05.2001). Beim EU-Gipfel am 15. - 16. Juni soll eine Klimaschutzoffensive gestartet werden, um bis 2010 "klimaschädliche Kohlebeihilfen" zu beenden. Die Bundesregierung setzt sich dennoch für einen Sockelbergbau von langfristig 15 bis 20 Millionen Tonnen Steinkohle pro Jahr ein.

Genügsames Licht: Der Pro-Kopf-Stromverbrauch lag vergangenes Jahr in Deutschland mit 6.050 Kilowattstunden (kWh) auf dem halben Niveau der USA (www.stromseite.de, www.vdew.de, 28.05.2001). Im ersten Quartal 2001 stieg der Bezug von Elektroenergie um 2,5 Prozent gegenüber dem entsprechenden Vorjahreszeitraum.

Zukunft auch ohne Braunkohle: In der vom Bergbau geschonten Gemeinde Dreiskau-Muckern ist das erste Landwirtschaftsschulheim in den neuen Bundesländern eröffnet worden (Leipziger Volkszeitung, 29.05.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 85, 92, 97, 103 ). 75 Prozent der Entstehungskosten von insgesamt 2,6 Millionen DM wurden von der Europäischen Union beigesteuert. Die Südraum Leipzig GmbH beteiligte sich mit einer halben Million DM und das Regierungspräsidium Leipzig mit 220.000 DM, so dass die Gemeinde lediglich 300.000 Mark tragen mußte.

Elektronische Artenvielfalt: Mit dem Internet-Portal "net4com" wollen die Universitäten Halle und Leipzig sowie die Leipziger Firma It-Campus den elektronischen Handel fördern (Leipziger Volkszeitung, 29.05.2001). In Sachsen sind 300 Gemeinden (Heuersdorf seit 1998) im Internet vertreten. Über die Adresse www.sachsenlotto.de können nunmehr rund um die Uhr Lotto, Glücksspirale und Super 6 gespielt werden.

Weitblick: Sachsens Wirtschaftsminister Kajo Schommer sieht in der Öko-Steuer "nichts anderes als ein Abkassieren und quasi eine Belohnung für den fehlenden Mut, endlich das Sozialsystem zu reformieren" (Leipziger Volkszeitung, 30.05.2001). "Das Argument, sie schone die Umwelt und senke die Arbeitskosten, ist verlogen und irreführend." Vielmehr seien die gestiegenen Weltmarktpreise für Energie "ein Signal" für einen "endlichen Produktionsstoff (...), den wir nicht einfach sinnlos verbrennen und verfeuern dürfen. Und das ist eine richtige Reaktion" (welche auch Heuersdorf von Anfang an vertritt!).

Unerschütterlich: Als einziger Kandidat für das Bürgermeisteramt will der parteilose Horst Bruchmann sich dafür einsetzen, "dass Heuersdorf erhalten bleibt" (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 31.05.2001). Die Streichung sämtlicher Förderungen durch den Freistaat Sachsen möchte er "beenden oder zumindest reduzieren", da das gegen die Gleichbehandlung aller Bürger verstoße. Es gilt, das Flair des Dorfes weiter zu entwickeln und größere Gebäude wie das Rittergut umzunutzen. Die Verwaltungsgemeinschaft Regis-Breitingen müsse gestärkt werden, um "den Raum über Regis hinaus" voranzubringen.

Rückblende

"Für die Verbesserung unserer Kohleversorgung", Leipziger Volkszeitung, 13.07.1946: "Ein Vertreter der Jugend gab bekannt, daß die FDJ sofort 500 Jugendliche zum Brikettpressen zur Verfügung stellen wird. Die Kohlekommission wurde angewiesen unmittelbar im Stadtgebiet Pressen einzurichten."

"29. Juni 1993 - Ministerbesuch in Heuersdorf", Gemeinsame Zeitung, August 1993: "Am 29. Juni fand in Heuersdorf eine Einwohnerversammlung statt. Anlaß dazu war der Besuch der beiden Minister Vaatz und Schommer. In einer emotional geladenen, die Stimmung der Heuersdorfer widerspiegelnden Atmosphäre fand mit den beiden Ministern eine Aussprache zur Devastierung des Ortes Heuersdorf statt. Die Bürger forderten das Stehenbleiben von Heuersdorf ein. Trotz der Darlegungen der Minister über die Notwendigkeit der Weiterführung des Bergbaus und der damit verbundenen Ortsverlegung von Heuersdorf lieferten die Heuersdorfer zahlreiche Argumente für den Erhalt ihres Ortes. So z.B. Verringerung der Kraftwerksgröße, Energieabsatz des neuen Kraftwerks nach Bayern, Energieabsatz in Sachsen nicht nachgewiesen (...) warum wird Tagebau Witznitz nicht in die Förderbilanz einbezogen, wo sind unabhängige Untersuchungen und Gutachten, die belegen, daß eine Devastierung von Heuersdorf tatsächlich unvermeidlich ist, hat die Regierung ihr Konzept gut durchdacht - oder ist sie einem Bluff der Treuhand aufgesessen u.v.a. Fragen mehr. Am Ende der Beratung sicherte Minister Schommer den Bürgern zu, daß er sich noch einmal mit den Investoren abstimmen werde, (...) welche Antworten es auf die Fragen der Heuersdorfer gibt."

"Braunkohle. Ein Aktivposten der deutschen Volkswirtschaft", Deutscher Braunkohlen-Industrieverein e. V., Juni 1994: "Das mitteldeutsche Braunkohlenrevier hat die längste Tradition aller deutschen Reviere. (...) Die drei Tagebaue, zwei Brikettfabriken und die Industriekraftwerke der privatisierten MIBRAG werden über 3.000 Arbeitsplätze bieten."