01. August 2001 Nr. 109

Braunkohle oder Erdgas?

Wird der Atomausstieg nicht durch regenerative Energiequellen und Stromsparstrategien vollständig kompensiert, dürfte sich der Neubau konventioneller Kraftwerke als unausweichlich erweisen.

Hierzu besteht die Möglichkeit, einen geplanten 900-MW-Block im sächsischen Braunkohlekraftwerk Boxberg zu errichten. Doch die Vereinigte Energiewerke AG (Veag) hält sich von diesem Vorhaben zurück. Demgegenüber werden bis 2004 zwei Gaskraftwerke mit jeweils 1200 MW von anderen Stromversorgern am früheren Atomstandort Lubmin gebaut (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 108).

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Klassenzimmer der Zukunft: An der Clemens-Winkler-Schule in Freiberg soll eine 31-kW-Photovoltaikanlage als größtes Bürgerkraftwerk in Sachsen errichtet werden (www.ires-ev.de/buergerkraftwerk). In Relzow in Mecklenburg-Vorpommern entsteht als Beteiligungsmodell die größte Photovoltaikanlage Europas mit (in der letzten Ausbaustufe) fünf Megawatt (Die Tageszeitung, 16.07.2001).

Schwarz geärgert: Die steigende Zahl von Windkraftanlagen ist von Bernd Heinitz, Geschäftsführer des sächsischen Naturschutzbundes (Nabu), scharf kritisiert worden (Leipziger Volkszeitung, 10./31.07.2001; www.nabu-sachsen.de). Angesichts des geringen Anteils am Energieaufkommen seien die negativen Folgen für Natur und Landschaft nicht zu verantworten. Der Nutzen "dieser auch vom sächsischen Ministerpräsidenten als 'ökologisch sinnlose Gelddruckmaschinen' bezeichneten Ungetüme" müsse kritisch überprüft werden (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 97). Nach Ansicht des Heuersdorfer Energiebeauftragters Jeffrey Michel könnte durch "den weiteren Ausbau der Windenergie und eine fortschrittliche Verbrauchstechnik" das Kraftwerk Lippendorf "sofort stillgelegt werden". Bundesumweltminister Jürgen Trittin sieht in der Windkraft einen notwendigen Beitrag zur Bekämpfung des Treibhauseffekts: "Wenn es uns nicht wirklich gelingt, Klimaschutz zu betreiben, werden wir keine Naturparks mehr haben" (Die Tageszeitung, 13.07.2001).

Umschaltung: Die lange umstrittene Stromdurchleitung von der österreichischen Verbund AG an die Stadtwerke Leipzig (SWL) wird nun von der Veag akzeptiert (Leipziger Volkszeitung, 11.07.2001; Heuersdorf Aktuell Nr. 73, 87). Veag-Pressesprecher Rainer Knauber widersprach dennoch der Annahme, "dass die Braunkohleschutzklausel keine Gültigkeit mehr hat". Der Bürgermeister von Heuersdorf, Horst Bruchmann, hat sich für eine Trendumkehr in der Energiepolitik ausgesprochen (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 17.07.2001). Er werde darum kämpfen, "dass auch etwas anders geht als die Braunkohle. Sie genießt hier in unserer Gegend eine derartige Vormachtstellung, die nicht sein kann." In der Folge erhalte Heuersdorf "absolut keine Förderung mehr" (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 106, Rückblende).

Neues Reichtum: Die Gläubiger des sich im Vergleichsverfahren befindlichen Mibrag-Eigentümers Washington Group International (WGI, www.wgint.com) haben den vorgelegten Umstrukturierungsplan des Konzerns bemängelt (The Idaho Statesman, 12.07.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 4, 105, 107). Davon würden an erster Stelle Firmen-Insider profitieren. Der für den Bankrott verantwortliche Vorstandsvorsitzende Dennis Washington soll als Firmenchef zurückkehren. Er dürfte bis zu 15 Prozent des neuen Aktienbestands zu Vorzugsbedingungen kaufen und insgesamt 40 Prozent übernehmen.

Klimaschutz drängt: Nach Aussage von Thomas Loster, Leiter des Fachbereichs Wetterrisiken und Klimafragen der Münchener Rückversicherungsgesellschaft, müsse man "in den nächsten Jahren mit steigenden Naturkatastrophenbelastungen rechnen, da die Anzahl und die Intensität der schädlichen Naturereignisse zunehmen werden" (Neues Deutschland, 13.07.2001). Eine jüngste Studie für das Umweltbundesamt (UBA) bescheinigt der Bundesrepublik Deutschland gute Chancen zur CO2-Zielerfüllung gemäß der Kyoto-Vereinbarung (Berliner Zeitung, 18.07.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 82, 99). In einer von mehreren evangelisch-lutherischen Landeskirchen getragenen Petition wird jedoch "mit Entsetzen" festgestellt, "dass sich der Schwerpunkt der Verhandlungen zunehmend von Maßnahmen zum Schutz der Umwelt und der betroffenen Völker entfernt und sich statt dessen auf die Schaffung von weiteren Geschäftsmöglichkeiten vor dem allgemeinen Kontext der Globalisierung konzentriert" (Neues Deutschland, 20.07.2001). Nach Ansicht des Präsidenten von Eurosolar, Hermann Scheer, ist das beschlossene Klimaprotokoll "eine Kapitulation" (Die Tageszeitung, 26.07.2001). "Die Kohlendioxidemissionen werden nicht sinken, sondern steigen." Die flexiblen Mechanismen führen dazu, "dass die konventionelle Energiewirtschaft die Hauptrolle beim investiven Klimaschutz andernorts übernimmt".

Sehenden Auges: Im Veranstaltungshaus des Kulturparkes Deutzen ist die Fotoausstellung "Kinder entdecken den Tagebau" eröffnet worden (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 16.07.2001). Heino Streller vom Ökologische Station Borna-Birkenhain verwies auf die "wunderbare Welt direkt vor unserer Haustür", die bei mehreren Schülerexkursionen durch den ehemaligen Tagebau Espenhain dokumentiert wurde (s. Rückblende).

Bitterer Nachschlag: In einer Sonderinformation des Veag-Konzernbetriebsrats wurde die Belegschaft über den voraussichtlichen Abbau von zusätzlich rund 450 Arbeitsplätzen informiert (Lausitzer Rundschau, 18.07.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 104, 107). Die Streichung von weiteren 300 Stellen im Netzbereich und eine Reduzierung der Ausbildungsquote wird ebenfalls befürchtet. Diese Pläne stünden "im krassen Gegensatz zu den Beschwichtigungen in öffentlichen Äußerungen".

Ergiebiger Boden: Nach Angabe von Peter Fromm, Sprecher der Lausitzer Braunkohle AG (Laubag), werden die Kohlevorräte in der Lausitz auf 13 Milliarden Tonnen geschätzt (Der Tagesspiegel, 25.07.2001). Das Unternehmen besitzt die Abbaurrechte an 10 Prozent davon.

Rückblende

Tobias Gohlis, Leipzig (Dumont Reise-Taschenbuch), Köln, 1998: "Die letzte Siedlung, die in Westsachsen der Braunkohle geopfert werden soll, ist Heuersdorf. Kurz vor der 700-Jahr-Feier im Sommer 1997 bot die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft MIBRAG den 320 Bewohnern rund 100 Mio. DM als Entschädigung für ihre Umsiedlung im Jahr 2000, wenn die Bagger des angrenzenden Tagebaus Schleenhain mit der Abtragung des Ortes beginnen. Wer den Ort, eine Insel altbäuerlicher Wohlhabenheit im umliegenden Meer der Vernichtung, besucht, beginnt zu zweifeln, ob die Zerstörung dieses Kleinods notwendig sein soll."