31. August 2001 Nr. 110

Verlockende Alternativen

Kein Tag vergeht, an dem die Energieversorger nicht über kostensparende Fusionen nachdenken. Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi rechnet aber in der Folge mit dem Verlust von 2.000 Arbeitsplätzen beim geplanten Anschluss der Stadtwerke Leipzig GmbH (SWL) an die Regionalversorger Envia und Meag (Leipziger Volkszeitung, 15.08.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 108).

Die Betriebsrendite richtet sich weiterhin nach dem Marktangebot. Derzeit wird Elektronenergie aus der Tschechischen Republik für knapp 4 Pf pro Kilowattstunde exportiert (Czech Republic Business Bulletin, 07.08.2001). Die Vereinigte Energiewerke AG (Veag) schreibt hingegen bei einem Abgabepreis von 6 Pf/kWh immer noch Verluste (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 90, 109).

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Rückwärtsgang: Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) hat die Aufhebung der Vereinbarung zwischen Bundesregierung und Industrie zum Ausbau der Kraftwärmekopplung sowie Kürzungen bei der Förderung von Solar- und Biomasseanlagen kritisiert (Pressemitteilung, 27.07.2001). Dadurch würde das Ziel, den Anteil erneuerbarer Energien in den nächsten zehn Jahren zu verdoppeln, in Frage gestellt.

Neue Verbundenheit: In einer von der Stadt Leipzig vorgelegten Studie wird eine Fusion der Stadtwerke Leipzig mit den Regionalversorgern Envia und Meag befürwortet (Leipziger Volkszeitung, 07./16./21.08.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 80). Auf diese Weise entstünde "der größte industrielle Arbeitgeber der Region und eines der zehn größten deutschen Energieversorgungsunternehmen". Envia-Vorstandsprecher Karl-Heinz Klawunn rechnet mit dem Zusammenschluss Anfang 2002. Der Leipziger Oberbürgerbürgermeister Wolfgang Tiefensee favorisiert auch eine Kooperation mit der Mitteldeutsche Gasversorgung GmbH (Mitgas), um ein Multi-Utility-Unternehmen zu realisieren.

Werbung wirkt: Mit einer Anzeige in der Wochenzeitung "Die Zeit" (19.07.2001) hat das vom Braunkohlenbergbau bedrohte Dorf Horno nach Aussage seines Vereinssprechers Michael Gromm "viel mehr Geld bekommen, als die Anzeige gekostet hat" (Berliner Zeitung, 09.08.2001; s. Zitierfähiges). Der stellvertretende Vereinsvorsitzende Klaus Richter hält eine bergbauliche Umfahrung der Ortschaft für möglich, weil immer weniger Kohle gebraucht wird. Es soll aber offenbar verhindert werden, "dass ein kleines Dorf gegen Wirtschaft und Politik siegt." Die Teilnehmer der 4. diesjährigen Sommertour der Lausitzer Rundschau (13.08.2001) haben sich für die Zukunft des Ortes interessiert. Dem Soldatenfriedhof, der Museumsscheune und der Kirche wird besondere Bedeutung beigemessen. Parallel zu den Bemühungen um den Erhalt des Dorfes ist der Ortsbeirat mit der Planung von Neu-Horno in Forst-Eulo befasst. Dort sind indes Sabotageakte (von Unbekannten) an Anlagen und Baumaschinen der K & R Baugesellschaft festgestellt worden.

Kohlenfrei: Die Grüne Liga Sachsen hat betont, dass regenerative Energien "neben der Energieeinsparung der wesentlichste Beitrag zum Klimaschutz" sind (Pressemitteilung 14.08.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 109). Es gebe "nach wie vor viele Flächen", die ohne nennenswerte Beeinträchtigung von Natur und Mensch mit Windkraftanlagen bebaut werden können. Eine Normenkontrollklage der Vereinigung zur Förderung der Nutzung erneuerbarer Energien Sachsen (VEE) gegen den Regionalplan Oberes Elbtal/Osterzgebirge wird deshalb begrüßt. Nach Auskunft von VEE-Präsidenten Wolfgang Daniels seien die bestehenden rund 430 Windkraftanlagen an etwa 100 Standorten größtenteils erst nach massiver Schützenhilfe von Anwälten genehmigt worden (Sächsische Zeitung, 15.08.2001). In das Tagebau-Restloch Geiseltal bei Merseburg werden rund 4,7 Millionen Kubikmeter Wasser eingeleitet, um unter Koordinierung der Deutschen Gesellschaft für Sonnenenergie (DGS) als Speicher für 800 Megawattstunden Öko-Strom zu dienen (Mitteldeutsche Zeitung, 15./30.08.2001). Die regional vorhandene Windkraftleistung von 67 Megawatt soll in einigen Jahren auf 100 MW gesteigert werden, während ein Altholz-Kraftwerk bereits regenerativen Strom aus einer 1,4-Megawatt-Turbine liefern kann. Nach Auskunft des DGS-Vertreters Johannes Briesowsky soll "diese ehemalige Kohlekammer der chemischen Industrie zu einem Energielieferanten für die Zukunft" gemacht werden. Sachsens Umwelt- und Landwirtschaftsminister Steffen Flath hält die Windkraft für "ökologisch und arbeitsmarktpolitisch sinnvoll" (Pressemitteilung, 24.08.2001). Sein Ministerium gibt in Kürze einen Leitfaden zur Genehmigung von Windkraftanlagen heraus.

Wahrzeichen verschwindet: Wegen auslaufender Sondergenehmigungen zur Sicherung der Standfestigkeit und zur Flugabwehrsicherung sollen die vier Schornsteine des ehemaligen Braunkohlekraftwerks Vockerode an der Autobahn A9 nahe Dessau gesprengt werden (Neues Deutschland, 15.08.2001). Das Land Sachsen-Anhalt will dennoch ab dem Jahre 2003 mit dem Motto "Land der Technik" werben.

Hanseatischer Vorstoß: Die Umweltbehörde der Stadt Hamburg und der Veag-Eigentümer Hamburgische Electricitäts-Werke AG (HEW) wollen kosteneffektive Projektvorschläge zur Reduzierung von Kohlendioxidemissionen prämieren (Die Welt, 23.08.2001). Durch den Wettbewerb sollen Unternehmen der Stadt ihre CO2-Emissionen senken und gleichzeitig Erfahrungen mit dem Emissionshandel sammeln.

Doppelte Ausbeute: Obwohl allein im vergangenen Jahr aus deutschen Kohlekraftwerken eine Million Tonnen Rauchgasentschwefelungsgips auf Halde gelagert werden mussten, wird weiterhin in der europaweit einmaligen Gipskarstlandschaft im Südharz Naturgips abgebaut (Neues Deutschland, 30.08.2001; www.naturschatz.org). (Zu den beteiligten Bergbauunternehmen gehört die französische Firma Lafarge, die andererseits weniger als die Hälfte des im Kraftwerk Lippendorf entstehenden Gipses abnimmt; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 49, 67, 86, 93, 108.)

Zitierfähiges

Günter Gaus, Freitag, 24.08.2001: "Wenn es überhaupt noch Sinn macht, sich öffentlich einzumischen, dann muss man sich überschaubare, konkrete Gegenstände denken. Dieses Dorf ist so einer. Deshalb bin ich noch einmal von meiner festen Gewohnheit abgewichen, nichts zu unterschreiben und habe unterschrieben. Wenn es meinen Parteivorsitzenden ärgert, soll es mich umso mehr freuen. Selbst wenn es wirtschaftliche Gründe gibt, die sich besser rechnen, (wenn man also den Braunkohletagebau über Horno hingehen lässt), selbst wenn das so sein sollte, muss man doch sagen: Das ganze Leben kann nicht regiert werden von wirtschaftlichen Geboten. Irgendwann muss man mal Halt machen."