17. Dezember 2001 Nr. 115

Flitterwoche ohne Braut

Die schwedische Vattenfall hat einen 44,8prozentigen Anteil an der Berliner Bewag von der amerikanischen Mirant für 1,63 Milliarden US-Dollar übernommen (Reuters, 03.12.2001). Damit haben sich die Amerikaner völlig aus dem ostdeutschen Strommarkt zurückgezogen.

Der Einstieg des Unternehmens 1997 (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 18, 42) war von überschwänglichem Optimismus begleitet. Weitere Investoren aus den USA sollten nach Berlin gelockt werden, um den Energieabsatz zu steigern. Damals lautete die Devise: "Wir sorgen für wirtschaftliche Entwicklung in Gemeinden auf der ganzen Welt" (Der Tagesspiegel, 04.11.1998, S. 21). In Berlin ist aber diese Strategie offenbar misslungen. Man darf nun gespannt sein, ob Vattenfall eine glücklichere Hand im deutschen Osten haben wird.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Kostspielige Alternativen: Nach Berechnung es Bundeswirtschaftsministeriums würde die bislang angestrebte Senkung der Kohlendioxidemissionen um 40 Prozent bis 2020 die Energiekosten eines jeden Haushalts um 3.000 DM pro Jahr verteuern (Neues Deutschland, Leipziger Volkszeitung, 28.11.2001). Während aber Bundeswirtschaftsminister Werner Müller darin einen enormen Nachteil für die Wirtschaft sieht, sichert der Klimaschutz nach Ansicht von Bündnis 90/Die Grünen und vom Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) die Zukunft von Wirtschaft und Gesellschaft. Martin Kleinschmitt, Geschäftsführer des Leipziger Instituts für Energetik (IfE), schätzt das theoretische Versorgungspotential durch regenerative Energien in Deutschland auf knapp die Hälfte ein.

Heiliger Boden: Im US-Bundesstaat New Mexiko haben die Zuni-Pueblo-Indianer eine Allianz mit dem Umweltverband Sierra Club, dem Center for Biological Diversity und weiteren Umweltgruppen gebildet, um die geplante Abbaggerung von 73 Quadratkilometer kulturell bedeutender Landschaft zum Zwecke der Kohlegewinnung zu verhindern (Albuquerque Journal, 01.12.2001; www.gristmagazine.com, 03.12.2001).

Rationalisierung unausweichlich: Für Veag-Konzernbetriebsratschef Wilfried Schreck sind beim Personalstand des Kraftwerks Lippendorf "kaum noch Straffungen möglich", doch in anderen Unternehmensbereichen wird infolge der Fusion mit weniger Personal als zuvor gerechnet (Leipziger Volkszeitung, 06.12.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 104). Bei der Berliner Bewag soll der Fortbestand mehrerer Kraftwerke in Frage stehen. Bis zu 2400 Arbeitsplätze könnten dadurch gefährdet sein.

Feierabendheim: Gemäß einer Vereinbarung mit Vertretern des vom Bergbau bedrohten Lausitzer Dorf Horno könnte der anvisierte Umsiedlungsort in der Stadt Forst von einer "Stiftung Horno" verwaltet werden (Lausitzer Rundschau, 07.12.2001)

Substanz wahren: Nach Angabe von Mahmut Kuyumcu, Geschäftsführer der Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) sind seit 1991 rund 12,2 Milliarden DM für die Braunkohlesanierung in den neuen Bundesändern aufgewendet worden (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 08.12.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 2, 3, 4, 8, 11, 23, 26, 38, 46, 49, 82, 83, 98, 106, 111, 114). Da jedoch wegen fehlender Sanierungsmittel die Förderbrücke im Zwenkauer Tagebau am 08.11. und am 14.12.2001 gesprengt wurde (Neues Deutschland, 15.12.2001), hat der Heuersdorfer Energiebeauftragte Jeffrey H. Michel dem von Niels Gormsen geleiteten "Verein zur Rettung der Förderbrücke AFB 18 im Tagebau Zwenkau" den Erhalt aller historisch bedeutenden Gebäude in der 700 Jahre alten Gemeinde als neuen Vereinszweck vorgeschlagen. Hierzu sei es nicht erforderlich, Stellung zur Zukunft des Standortes Heuersdorf zu beziehen.

Meeresstrom: Die Genehmigung für den ersten deutschen Offshore-Windpark 45 Kilometer nördlich der Insel Borkum mit zunächst 12 von insgesamt 200 geplanten Windkraftanlagen ist der Firma Prokon Nord (Leer) erteilt worden (Neues Deutschland, 10.12.2001). Die (maximale) Leistung nach der Fertigstellung der Gesamtanlage wird 1.000 Megawatt betragen.

Vorläufiger Rückschlag: Das Verwaltungsgericht Aachen hat sechs Klagen gegen die Zulassung des Rahmenbetriebsplans für den Braunkohlentagebau Garzweiler II zurückgewiesen (Leipziger Volkszeitung, 11.12.2001; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 11, 12, 19, 24, 36, 46, 89, 99, 101, 114). Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) will den juristischen Kampf gegen das Projekt fortsetzen. Weitere Kläger waren die Stadt Erkelenz, der Kreis Heinsberg, eine katholische Kirchengemeinde sowie zwei Privatpersonen.

Nachhaltige Versäumnisse: Nach Auffassung der Enquete-Kommission "Nachhaltige Energieversorgung" ist "das heutige Energieversorgungssystem u.a. wegen der zu hohen CO2-Emissionen und wegen des fehlenden Zugangs vieler Menschen zu grundlegenden Energiedienstleistungen in wesentlichen Aspekten nicht nachhaltig" (www.bundestag.de/energie, Pressemitteilung, 12.12.2001; Die Tageszeitung, 13.12.2001; s. Zitierfähiges). Ziel einer Nachhaltigkeitspolitik müsse nun auch sein, "das Potenzial zu wirtschaftlicher und gesellschaftlicher Anpassung an veränderte Klimabedingungen zu fördern".

Zweierlei Maß: Die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) hat den überraschend hohen Betrag von 4.000 Mark als Spende für den Umbau des Volkshauses in Pegau geleistet (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 14.12.2001). Demgegenüber hat die Mibrag die in §4 Abs. 2 des Heuersdorf-Vertrags (www.mibrag.de) vorgeschriebene Zahlung von 10.000 DM pro Jahr an die Gemeinde Heuersdorf niemals eingehalten.

Zitierfähiges

Denis Hayes, Gründer des Tages der Erde (Earth Day): "Aus nüchternen organisatorischen Gründen schaffen Industrieunternehmen selten den erfolgreichen Übergang zu den neueren Technologien, durch die sie ersetzt werden. Die Hersteller von Füllfederhaltern haben den Übergang zur Schreibmaschine nicht bewältigt. Die Hersteller von Durchschlagpapier verwandelten sich nicht in die Hersteller von Bürokopierern. Den Betrieben für Radiogeräte gelang es nicht, den Fernsehermarkt zu beherrschen. Die Lokomotivenfabriken fingen nicht damit an, Lastwagen oder Flugzeuge herzustellen."