28. Januar 2002 Nr. 116

Ende einer Traumreise

Die amerikanische Mirant hat Ende vergangenes Jahr ihre Beteiligung an der Berliner Bewag für 1,63 Milliarden US-Dollar offenbar aus gutem Grund verkauft (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 115). Nachdem der größte US-Energiekonzern Enron in die Pleite abstürzte, ist nun auch Mirant in ernste finanzielle Schwierigkeiten geraten (powernews.org, 27.12.2001). 60 Millionen neue Aktien wurden für 760 Millionen Dollar ausgegeben, die für 2002 geplanten Investitionen von 4,1 auf 2,6 Milliarden Dollar gekürzt.

Sollte die deutsche Energiewirtschaft ursprünglich durch die Beteiligung von US-Firmen an Vielfalt gewinnen, wird sie nun zunehmend wieder von deutschen Großkonzernen beherrscht. Ob sich Vattenfall und die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) diesem Trend werden dauerhaft entziehen können, hängt maßgeblich von der ostdeutschen Konjunktur ab.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Innovatives im Osten: Die Vereinigte Energiewerke AG (Veag) hat zusammen mit ihrem Ingenieurunternehmen Veag Power Consult sowie der Brandenburgischen Technischen Universität (BTU) Cottbus und der Hochschule für Technik, Wirtschaft und Sozialwesen (HTWS) Zittau/Görlitz verschiedene Konzepte für einen "schlanken Kraftwerksblock" auf der Basis von Braunkohle mit einer Nennleistung von 500 MW entwickelt (www.stefanschroeter.de). Hinsichtlich Wirkungsgrad und Wirtschaftlichkeit soll dieser Block den letzten Braunkohle-Neubau der Veag noch einmal übertreffen.

Sonnendörfer: In der thüringerischen Gemeinde Viernau ist mit einem Investitionsvolumen von knapp einer halben Million DM eine 32 kWp-Solarstromanlage von der S.A.G. Solarstrom AG errichtet worden (DUHwelt 4/2001). Die Gemeinde verpflichtet sich, 10 Prozent der dort erzeugten Elektroenergie abzunehmen. Geesow in der Uckermark verfügt über 1,4 Kilowatt Strom aus örtlichen Photovotaikanlagen für jeden der 212 Einwohner (Berliner Morgenpost, 16.01.2002). Das ist das Tausendfache des Bundesdurchschnitts.

Zielgerichtete Hilfe: Die Mibrag hat am Weihnachtsfest in der (mit aus dem bergbaulich beanspruchten Großgrimma besiedelten) Stadt Hohenmölsen der Pestalozzischule für Lernbehinderte eine Spende für 5.000 DM als Hilfe für die Erneuerung des Spielplatzes überreicht (Mitteldeutsche Zeitung, 12.01.2002).

Unermüdlich: Nachdem das Cottbuser Verwaltungsgericht die Klage von Bürgern des sorbischen Dorfes Horno gegen die Abtretung ihrer Grundstücke an die Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) (Berliner Morgenpost, 13.01.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 86, 92) abgewiesen hat, wird nun wahrscheinlich nach Auskunft ihres Rechtsanwalts Dirk Teßmer beim Oberverwaltungsgericht Frankfurt/Oder weitergeklagt (Neues Deutschland, 25.01.2002).

Vorausschauend: Das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) fördert mit 123 Millionen Euro im Rahmen seines Zukunfts-Investitions-Programms (ZIP) 79 neue Projekte zur Erforschung und Entwicklung umweltschonender Energietechnik (www.bmwi.de, 17.01.2002). Unter dem Titel "Perspektiven für Deutschland" hat die Bundesregierung eine Strategie für eine nachhaltige Entwicklung vorgelegt, bei der bis 2010 der Anteil erneuerbarer Energien am Primärenergiebedarf gegenüber 2000 auf 4,2 Prozent und am Stromverbrauch auf 12,5 Prozent erhöht werden soll (www.energiewerk.de). Der Zuwachs entspricht etwa einer Verdoppelung des derzeitigen Beitrags zum Energiemix. Derzeit sind 11.500 Windkraftanlagen in Deutschland installiert (Leipziger Volkszeitung, 18.01.2002). Brandenburgs Umweltminister Wolfgang Birthler will jedoch einen Wildwuchs bei der Windkraft verhindern, "damit es nicht zu einer Verspargelung der Landschaft und weiteren Belästigungen in Wohnsiedlungen kommt" (Berliner Morgenpost, 19.01.2002).

Siamesische Vierlinge: Ab dem 01.01.2003 wird der neue Stromkonzern aus der Berliner Bewag, der Hamburgische Electricitäts-Werke AG (HEW), der Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) und der Vereinigte Energiewerke AG (Veag) unter dem Namen Vattenfall Europe auftreten (www.veag.de, 17.01.2002; Berliner Morgenpost, Die Welt, 18.01.2002).

Versilberte Zersetzung: Im Jahre 2001 haben 31 Menschen (mit finanziellen Beihilfen der Mibrag) die Gemeinde Heuersdorf verlassen (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 21.01.2002). Das Dorf verzeichnete sechs Todesfälle und eine Geburt. Sechs Zuzüge wurden registriert, darunter vier Ausländer. Am Jahresende zählte Heuersdorf 180 Einwohner. Anfang 2001 waren es noch 207.

In Toleranz: Beim Neujahrsempfang der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie und Energie (IG BCE) im Bornaer Jugendklub "Toleranz" bezeichnete Bezirkschef Uwe Bruchmüller das Gesetz zur Umsiedlung der Gemeinde Heuersdorf als unumgänglich für die Entwicklung des Leipziger Südraums (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 23.01.2002). Der ebenfalls anwesende Staatsminister Rolf Schwanitz verwies auf die Wachstumsrate der ostdeutschen Industrie von sieben Prozent im ersten Halbjahr 2001.

Schneller ins Treibhaus: Die deutsche Braunkohlenförderung erhöhte sich 2001 um knapp fünf Prozent auf 175,7 Millionen Tonnen im Vergleich zum Vorjahr (Leipziger Volkszeitung, 25.01.2002; www.debriv.de; s. Rückblende). Bei der Mibrag stieg die Produktion um 17,5 Prozent auf 18,7 Millionen Tonnen (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 28, 98). Aus dem Tagebau Schleenhain sind fast elf Millionen Tonnen Braunkohle an das Kraftwerk Lippendorf geliefert worden (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 3, 4, 5). Der Vorsitzende der Mibrag-Geschäftsführung, Bruce P. De Marcus, forderte einen konstruktiven Dialog (sprich eine für die Mibrag kostenlose Strategieberatung) mit den Betroffenen über Gesetzesinitiativen (da das erste Heuersdorf-Gesetz bei hohen Kosten für den Steuerzahler kläglich scheiterte).

Rückblende

"Braunkohlenindustrie sieht Übereinstimmung mit Wirtschaftsminister", www.debriv.de, 27.11.2001: "'Ein nationales 40 %-CO2-Reduktionsziel für das Jahr 2020 ist mit den Zielen von Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit der Energieversorgung unvereinbar,' so Berthold Bonekamp, Vorstandsvorsitzender des Bundesverbandes Braunkohle (DEBRIV), zur Veröffentlichung des Energieberichts des Bundeswirtschaftsministers."