23. Mai 2002 Nr. 121

Entscheidungen im Promillebereich

Bei Fortsetzung der gegenwärtigen Energiepolitik wird Deutschland bis 2020 rund 75 Prozent seiner Primärenergie importieren müssen (Die Zeit, 20/2002). Die Braunkohle unter Heuersdorf und weiteren Lebensräumen könnte dieses Ergebnis allenfalls weit hinter dem Komma verändern. Doch das würde nicht unbedingt zugunsten der Versorgungssicherheit erfolgen.

Denn die Nutzung heimischen Energieträger wirkt einschläfernd auf die politischen Kräfte, die um den Schutz der Brennstoffreserven bemüht sein müssten. Die weitere Verbrennung von Braunkohle wird sogar von der Sächsischen Staatsregierung als "nachhaltig" bezeichnet (s. Dokumentation).

Die ermittelten Restzeiten für fossile Energieträger berechtigen keinesfalls dazu, sie im vollen Tempo aufzubrauchen. Zukünftige Generationen, von denen die Erde geborgt wird, würden zu einem weitaus mäßigeren Energieverbrauch raten.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Entgegengesetzte Trendsetter: Angesichts steigender CO2-Emissionen muss nach Aussage von John Browne, Hauptgeschäftsführer des Energieunternehmens BP, die Welt dekarbonisiert werden (Energie Informationsdienst, 03.05.2002). Hierzu könne Erdgas in der Stromerzeugung Braun- und Steinkohle ersetzen. "Die positiven Auswirkungen solcher Maßnahmen liegen auf der Hand, werden jedoch bislang noch nicht offiziell anerkannt." Bundeswirtschaftsminister Werner Müller lehnt eine Dekarbonisierung ab, da die weitere Nutzung der Braun- und Steinkohle unabdingbar sei. Nach Auskunft des Verbands der Stromerzeuger (VGB) könnten Kohlekraftwerke auf der Basis der "Clean-Coal-Technologie" Wirkungsgrade von 45 bis 47 Prozent erreichen und ab 2010 einen Bedarf in Europa von rund 400.000 Megawatt decken, da bis 2020 etwa ein Drittel der Kraftwerke aus Alterungsgründen ersetzt werden müsse (DEBRIV Informationen und Meinungen, 2/2002) .

Kampfgeist: Die durch das Vergleichsverfahren des Mibrag-Teileigentümers Washington Group International (WGI) geschädigten Aktionäre haben eine Klage auf Schadenersatz gegen die Firma Raytheon erhoben, da mehr als 600 Millionen Dollar an Wertpapieren und Anleihen infolge der missglückten Übernahme einer Unternehmenstochter verloren wurden (The Idaho Statesman, 07.05.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 105, 109, 112, 113, 114, 117).

Pokerrunde: Das Oberlandesgericht Düsseldorf hat in einer vorläufigen Entscheidung bestätigt, dass die envia Energie Sachsen Brandenburg AG (Envia) verpflichtet ist, auf Anordnung der Kartellbehörden Unterlagen zur Kalkulation der Netznutzungsentgelte vorzulegen (www.stromseite.de, 06.05.2002).

Steigender Energiedurst: Gemäß einer Studie des Shell-Konzerns wird die tägliche Ölförderung in den nächsten Jahrzehnten von heute 80 auf 125 Millionen Barrel ansteigen (Neues Deutschland, 10.05.2002). Die "von vielen erträumte neue Welt, in der fossile Brennstoffe eine immer unbedeutendere Rolle spielen," sei "noch recht weit entfernt".

Bergbaulicher Nachlass: Nach Erkenntnis von Christine Kehl, Leiterin des "Gewässerrandstreifenprojekts", droht der Spreewald auszutrocknen (Berliner Morgenpost, 12.05.2002). Jahrelang sei das mit dem Tagebau gehobene Grundwasser in den Spreewald geflossen, jetzt passiere durch die Flutung der Restlöcher das Gegenteil. Nach Auskunft der Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV) besteht in ihrem Rekultivierungsgebiet ein Defizit von 13 Millionen Kubikmeter Wasser infolge des Braunkohlebergbaus (Neues Deutschland, 16.05.2002). Mit der Flutung von 28 der insgesamt 50 geplanten Tagebauseen ist bereits begonnen worden. Die Zahl der LMBV-Beschäftigten ist von 12.785 im Jahre 1998 auf inzwischen 9.302 gesunken.

Absatzerfolg: Die Vereinigte Energiewerke AG (Veag) hat im vergangenen Jahr beim Stromabsatz einen Zuwachs gegenüber dem Jahr 2000 um 7,6 Prozent auf 58,7 Milliarden kWh erreicht (Pressemitteilung, 13.05.2002). Durch Braunkohlekraftwerke im Grundlastbetrieb und Pumpspeicher-Kraftwerke für den Spitzenlastbereich soll der Strom noch effizienter erzeugt werden.

Auenschreck: Der Gemeinderat Wyhratal hat ein Vorranggebiet für Windkraftanlagen an einer ehemaligen Tagebau-Kante abgelehnt (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 17.05.2002). Die beantragten vier Windräder mit Höhe 140 Meter würden im Konflikt mit der Auenlandschaft und einem Vogelrastplatz stehen. Dafür sind andere Flächen an der ehemaligen Brikettfabrik Thräna und auf dem Gewerbegebiet Blumroda im Gespräch.

Rechtsweg versperrt: Die Wirtschaftsministerium Brandenburg lehnt den Antrag von Privatbürgern in Horno ab, durch eine Sprungrevision ihre Klagen gegen eine bergbaubedingte Enteignung unmittelbar vor dem Bundesverfassungsgericht vorzubringen (Neues Deutschland, 22.05.2002, Märkische Allgemeine, 23.05.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 92). Das ansonsten zuständige Cottbuser Verwaltungsgericht kann nicht vor dem vorgesehenen Umsiedlungstermin gegen Ende 2002 ein Urteil fällen.

Wind mit CO2-Zusatz: Mit dem unter Anwesenheit von Bundeskanzler Gerhard Schröder feierlich aufgenommenen Produktionsstart der Vestas Deutschland GmbH in Lauchhammer entstehen 450 neue Arbeitsplätze zur Herstellung von Rotorblättern für Windkraftanlagen (Berliner Morgenpost, 23.05.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 108). Beim Besuch des Veag-Kraftwerks Schwarze Pumpe bezeichnete Schröder regenerative Energien aus Wind, Sonne und Biomasse als ebenso notwendig wie die Gewinnung aus Braun- und Steinkohle. Dabei werde die Braunkohle ein "tragender Pfeiler der Energieversorgung in Deutschland" bleiben.

Dokumentation

Sächsische Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit, "Sächsische Energiepolitik", www.sachsen.de/de/wu/smwa/wirtschaft/energie/politik/index.html: "Das Leitbild sächsischer Energiepolitik ist eine nachhaltige Energieversorgung, bei der ökonomische, ökologische und soziale Aspekte gleichermaßen berücksichtigt werden. Kernstück sächsischer Energiepolitik ist dabei die energiewirtschaftliche Braunkohlenutzung."