26. Juli 2002 Nr. 125

Neue Bilanzrechnung

Seit der Beschlussfassung der Sächsischen Kabinetts im Jahre 1994 zum Abbau der Heuersdorfer Braunkohle haben sich die energiewirtschaftlichen Rahmenbedingungen bedeutend verändert. Es herrscht heute allgemeiner Konsens über die Erwärmung der Erdatmosphäre. Regenerative Energien haben sich in kurzer Zeit zu einer führenden Wachstumsindustrie entwickelt.

Gleichwohl sollen nach Ansicht des Bundeswirtschaftsministeriums fossile Brennstoffe "Rückgrat der Energieversorgung" bleiben (Energiebericht, November 2001, www.bmwi.de). In Europa wird deshalb bis 2030 der Anteil an importierter Energie auf 70 Prozent steigen (EU-Grünbach "Hin zu einer europäischen Strategie für Energieversorgungssicherheit"). Internationale Klimaschutzvorgaben stellen aber heute bereits die Wettbewerbsfähigkeit der Braunkohle in Frage. Eine Analyse ihres Stellenwerts im zukünftigen Energiemix ist daher erforderlich, bevor weitere Dörfer abgebaggert werden.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Stromhunger ungestillt: Nach Erkenntnis von Gerd Jäger, Vorsitzender des Vorstandes der VGB PowerTech, muss in Deutschland wegen Anlagenalterung "im Zeitraum zwischen 2010 und 2020 rund 40.000 MW neue Kraftwerksleistung installiert und in Betrieb genommen werden" (www.vgb.org, 01.07.2002). In Europa sei der Ersatz von 200.000 MW erforderlich. Dieser "enorme Kraftwerksneubaubedarf" sei "eine nüchterne Tatsache, die nicht wegzudiskutieren ist und der auch nicht mit illusorischen Wunschträumen begegnet werden kann". Weder Stromsparen noch verstärkte dezentrale und regenerative Stromerzeugung hätten allein das Potential, die erwartete Versorgungslücke zu schließen.

Standortsicherung: Die Wirtschaftsminister von Sachsen und Brandenburg, Martin Gillo und Wolfgang Fürniß, haben sich für die langfristige Müllentsorgung von Berlin in Schwarze Pumpe ausgesprochen (Neues Deutschland, 04.07.2002; Der Tagesspiegel, 06.07.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 95, 119). Nur dann habe das kürzlich an die ORESTO (eine Tochter der Hamburger Nord GB, Gesellschaft für Beteiligungen) verkaufte Verwertungszentrum SVZ mit etwa 800 Arbeitsplätzen eine Überlebenschance. Im Braunkohlekraftwerk Jänschwalde soll in diesem Jahr ein Großversuch zur Mitverbrennung von jährlich 50.000 Tonnen sortierter Abfälle gestartet werden (Berliner Zeitung, 10.07.2002). Die Stoffgemische aus Textil-, Papier-, Kunststoff- und Faserresten mit dem dreifachen Heizwert von Braunkohle können den Brennstoffbedarf eines halben Tages ersetzen. In Weißenfels sollen zukünftig 14.000 Tonnen Kompost pro Jahr in Methangas umgewandelt und zur Stromerzeugung eingesetzt werden, um Geruchsbelastungen zu eliminieren und das Kompostwerk zu refinanzieren (Mitteldeutsche Zeitung, 11.07.2002).

Segen durch Größe: Die angestrebte Übernahme von Ruhrgas durch E.ON würde nach Angabe des Staatssekretärs im Bundeswirtschaftsministerium, Alfred Tacke, dem Gemeinwohl dienen (Die Tageszeitung, 06.07.2002). Das neue Unternehmen werde "als deutscher Global Player international zum Wohle der deutschen Volkswirtschaft agieren". Die Ampere AG hat durch einen "Antrag auf Anordnung der aufschiebenden Wirkung" beim Oberlandesgericht Düsseldorf das Fusionsvorhaben vorerst gestoppt, da der Energiehändler eine "massive Behinderung" seiner Geschäftstätigkeit befürchtet (Pressemitteilung, 09.07.2002; Financial Times Deutschland, 13.07.2002).

Menetekel: Der Direktor des UNO-Umweltprogramms (UNEP), Klaus Töpfer, hat zu einer radikalen Umsteuerung der Energieversorgung aufgerufen, um die Emission von Klimadioxid als "Klimakiller Nummer eins" zu reduzieren (Welt am Sonntag, 14.07.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 58, 109, Zitierfähiges). Im vergangenen Jahr habe es erstmals über 100 Milliarden Dollar Schäden aus Klimakatastrophen gegeben. Im Freistaat Sachsen geht das Landesamt für Umwelt und Geologie bis 2050 von einem Temperaturanstieg von 2,7 Grad aus (Sächsische Zeitung, 19.07.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 92, 119). Bundeskanzler Gerhard Schröder hat auf einer Veranstaltung des Betriebsrats des Chemiekonzerns BASF einen Emissionshandel für Treibhausgase abgelehnt (Frankfurter Allgemeine, 10.07.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 110, 120, 122). Die von der Europäischen Union geforderte Emissionsreduzierung sei bereits zu drei Vierteln aus einer Mischung aus Selbstverpflichtung und ordnungspolitischen Maßnahmen erbracht worden. Nach Ansicht des Bundesverbands Emissionshandel (BVEK) komme Schröders Ablehnung "allein einigen Großunternehmen wie der BASF zugute, die immer noch den industriellen Zusammenbruch in Ostdeutschland als Klimaschutzmaßnahme verkaufen wollen" (Pressemitteilung, 10.07.2002). RWE Rheinbraun-Vorstand Dietrich Böcker sieht im geplanten Handel mit Emissionszertifikaten eine zusätzliche finanzielle "Sonderlast" für das Unternehmen (Kölner Stadt-Anzeiger, 25.07.2002). Sowohl das Kraftwerkserneuerungsprogramm als auch der Neubau eines zweiten Braunkohlekraftwerks mit optimierter Anlagentechnik (BoA) in Neurath stünden dadurch unter Vorbehalt.

Straße der Kohle: Bis zum Jahresende soll die zwei Millionen Euro teure Kreisstraße 7931 zwischen Neukieritzsch und Deutzen fertiggestellt werden (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 24.07.2002). Die bisherige Verbindung von Neukieritzsch nach Heuersdorf wird im I. Quartal 2003 durch den Mibrag-Tagebau Vereinigtes Schleenhain unterbrochen.

Dauerversorgung: Durch die Errichtung von 2.200 zusätzlichen Windkraftanlagen (heutiger Bestand 930) auf 39.000 Hektar "Windeignungsgebiet" sowie den Ausbau der Biomassenerzeugung sollen in Brandenburg bis 2010 aus erneuerbaren Energien fünf Prozent des Primärenergiebedarfs gedeckt werden (Berliner Zeitung, Berliner Morgenpost, 24.07.2002). Die Südzucker AG will bis zum Jahr 2004 auf dem Gelände der alten Zuckerfabrik in Zeitz eine Ethanolfabrik zur Herstellung von jährlich 100.000 Tonnen Bio-Alkohol aus minderwertigem Weizen errichten (Mitteldeutsche Zeitung, 25.07.2002). Die 55 Millionen Euro teure Anlage, bei der 15 bis 20 Arbeitsplätze entstehen werden, kann wegen der bis 2008 geltenden Steuerbefreiung für Bio-Treibstoffe mit Gewinn arbeiten.

Zitierfähiges

Klaus Töpfer, Welt am Sonntag, 14.07.2002: "Beim Klimawandel gibt es keine Gewinner, sondern nur Verlierer. Auch in Europa. Allein die Schäden für die Landwirtschaft wären bei einer weiteren Erwärmung enorm. Jeder, der darüber nachdenkt, wird nichts Positives an einer Entwicklung entdecken können, bei der die Nordsee zur Riviera wird."