04. Oktober 2002 Nr. 129

Scheinbeschäftigung

Die Arbeitsplatzsicherheit bei der Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) beruht zum Teil auf den ungedeckten Krediten ihrer Anteilseigner. Das betrifft das derzeitige Bieterverfahren für NRG Energy, doch in der Vergangenheit stand auch Washington Group International (vormals Morrison Knudsen) zweimal kurz vor der Insolvenz. Deren frühere Aktionäre haben ihr gesamtes Vermögen verloren (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 114, 127). Heuersdorf soll nun nach dem Willen der Sächsischen Staatsregierung schleunigst umgesiedelt werden, um die Finanzschwäche von NRG Energy zu vertuschen und den Verkaufswert der MIBRAG-Anteile zu erhöhen.

Mit dem kürzlich angekündigten Abbau von 1.200 Arbeitsplätzen beim Regionalversorger EnviaM (Freie Presse 19.09.2002) werden schon weitere Hoffnungen auf Beschäftigungsstabilität durch Braunkohle zunichte gemacht.

Die Unternehmen haben solange Arbeitsplätze versprochen, bis die Gunst der Regierenden für ihre Vorhaben gesichert war. Zukünftige Entlassungen werden nun keine politischen Konsequenzen nach sich ziehen.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Zukauf mit Zukunft: Mit der Übernahme der Beteiligungsgesellschaft New Mine Energy ist die Umweltkontor AG neuer Eigentümer der Oxytec Energy GmbH aus Leipzig-Holzhausen (Leipziger Volkszeitung, 23.09.2002). Der Betrieb spezialisiert sich auf die Entwicklung und Fertigung von Bioenergie-Anlagen unter Nutzung des firmeneigenen Sauerstoff-Schmelz-Vergasungsverfahrens, um aus Holzbeständen des Hausmülls Strom und Wärme zu gewinnen.

Altes Brauchtum: Nach Erkenntnis von Norbert Alnoch, Geschäftsführer des Internationalen Wirtschaftsforums Regenerative Energien (IWR), habe man infolge der "vielfältigen Beteiligungen der Energieunternehmen untereinander (...) praktisch mit einer neuen Monopolisierung zu tun" (Lausitzer Rundschau, 23.09.2002). Die Internationale Energie-Agentur (IEA) prognostiziert in ihrem "Welt-Energie-Ausblick 2002" eine Verdopplung der Energieimporte in der Europäischen Union sowie eine Zunahme der CO2-Emissionen um 70 Prozent in den nächsten drei Jahrzehnten (s. Rückblende).

Stoppsignal: Die von der E.ON-Kraftwerke GmbH geplante Müllverbrennungsanlage am Standort Lippendorf wird wegen unzureichender Müllmengen vorübergehend ausgesetzt (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 23.09.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 117, 120, 123, 124, 126). Nach Meinung der Böhlener Stadträte ist das Thema aber noch nicht ausgestanden.

Himmlische Arbeit: Nach Mitteilung des europäischen Windverbands EWEA wächst die Industrie für Windenergie jährlich um 40 Prozent (Berliner Zeitung, 26.09.2002). Bis 2020 könnte die Branche in Europa 1,5 Millionen Mitarbeiter beschäftigen.

Zeitvertrieb: Der 1994 - 95 als Geschäftsführer bei Buna-Sow und Leuna-Olefin tätige Bernhard Brümmer hat in seinem Buch "Das Kanzlerversprechen. Die Privatisierung von Buna, Sow und Leuna-Olefin" auf die von der Treuhandgesellschaft verschleppte Privatisierung des Buna-Werks hingewiesen (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 27.09.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 51). Für die dadurch entstandenen, millionenschweren Verluste hätten mehrere Cracker gebaut werden können. Der Standort Böhlen würde noch heute unter politisch verantwortbaren Mängeln bei der Rohstoffversorgung leiden.

Umweltauflagen für Stromerzeugung: Der Kreistag im rheinischen Erftkreis hat sich einstimmig für ein Gas- und Dampf-Kraftwerk (GuD) in Hürth-Knapsack ausgesprochen (Kölnische Rundschau, 27.09.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 44, 128). Hierbei soll aber die gesamte Umweltbilanz des Energieträgers Gas einschließlich der Verluste beim Transport berücksichtigt werden. In Lubmin will Concord Power im Mai/Juni 2003 mit dem Bau von zwei GuD-Gaskraftwerken mit einer Leistung von 2000 MW beginnen (Ostsee Zeitung, 28.09.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 35, 36, 38, 108, 109). Für die zu einem rentablen Betrieb erforderliche Steuerbefreiung würde die Braunkohlenwirtschaft einen Wirkungsgrad von 60 anstatt bislang 57,5 Prozent durchzusetzen versuchen (s. Dokumentation).

Knappe Finanzen: Die zu 50 Prozent an der Mibrag beteiligte NRG Energy ist mit 9 Milliarden Dollar verschuldet (Pressemitteilung, 01.10.2002; Star Tribune, 02.10.2002). Sie hat am 16.09.2002 fällige Zins- und Tilgungszahlungen von rund 47 Millionen Dollar nicht geleistet. Der Schuldenstand der Vattenfall Europe AG beträgt acht Milliarden Euro, da ihr Eigentum an HEW, Bewag, Veag und Laubag größtenteils über Kredite finanziert wurde (Süddeutsche Zeitung, 01.10.2002). Davon bestehen kurzfristige Zahlungsziele über zwei Milliarden Euro.

Dokumentation

"Braunkohle im Rheinland", erhältlich vom: BUND Landesverband Nordrhein-Westfalen e.V., Merowingerstraße 88, 40225 Düsseldorf, Tel. 0211/302005-22, Fax 0211/302005-26, www.bund-nrw.de (kostenloses Faltblatt, auch in englischer Sprache).

Rückblende

"Grüner Aufbruch in Sachsen", Bündnis 90/Die Grünen in Sachsen, 27.04.2002: "Die bisherige Energiepolitik der sächsischen Staatsregierung ist von gestern. Noch 12 Jahre nach der Wende soll wie zu DDR-Zeiten ein Dorf (Heuersdorf) der Förderung von Braunkohle geopfert werden. Die sächsische Braunkohlenverstromung hat dazu geführt, dass im letzten Jahr der CO2-Ausstoß Deutschlands wieder gestiegen ist."

Gerhard Timm, Geschäftsführer Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), 19.06.2002: "Die gewaltigen Überkapazitäten bei den Stromerzeugern und die Minderungsziele bei Kohlendioxid stellen den Betrieb der Kraftwerke Lippendorf und Jänschwalde bis auf die letzte Tonne Braunkohle in Frage. Kommenden Generationen dürfen wir nicht gewaltige Tagebaulöcher und die Klimakatastrophe vererben. Und die Einwohner von Heuersdorf in Sachsen und Horno in Brandenburg haben ein Recht auf Leben in ihren Heimatorten."