18. Oktober 2002 Nr. 130

Veteranen als Vorhut

Während die energiepolitischen Prioritäten der Bundesregierung teilweise unklar sind, bestehen bei PDS und Bündnis 90/Die Grünen in Sachsen längst ausgereifte Vorstellungen dazu (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 86, 129, Rückblende). Die Vorräte an heimischer Braunkohle sind begrenzt. Mit dem daraus erzeugten Strom muss deshalb die Energietechnik für das solare Zeitalter hergestellt werden. Jakob von Uexküll, Gründer der Stiftung Right Livelihood Award ("Alternativer Nobel-Preis") nennt diese Perspektive "technologisch wie moralisch absolut dringlich" (s. Zitierfähiges).

Die Sächsische Staatsregierung setzt aber weiterhin auf die Illusion unerschöpflicher Ressourcen. Großkraftwerke sollen offenbar das Rückgrat der Stromversorgung bilden, solange es irgendwo auf der Erde noch Restvorräte an Kohle, Erdöl, Erdgas oder Uran gibt.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Planungspanne: Nachdem der Braunkohlenplan Cottbus-Nord im Jahre 2000 für nichtig erklärt wurde, muss eine Neufassung unter Berücksichtigung der Naturschutzrichtlinie FFH (Flora-Fauna-Habitat) für die Lakomaer Teiche ausgearbeitet werden (Lausitzer Rundschau, 04.10.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 41, 54, 82, 108, 117, 123, 126). René Schuster von der Grünen Liga schließt daraus, die Landesregierung Brandenburg habe die Meldung dieses Gebietes an die EU-Kommission "rechtswidrig unterlassen". Dort wurde inzwischen ein Beschwerdeverfahren der anerkannten Naturschutzverbände Deutschlands eingeleitet.

Flügelkämpfe: Für Andreas Berkner, Leiter der Regionalen Planungsstelle Leipzig, müsse eine "Verspargelung" der Landschaft durch die Windkraft verhindert werden (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 07.10.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 109, 114, 116, 117, 118, 119, 121, 123, 125). Gegenüber dem positiven Beitrag zur regenerativen Energieerzeugung stehen Nachteile für den Vogel- und Landschaftsschutz. In Sachsen sind derzeit 540 Windkraftanlagen in Betrieb, davon 160 in Westsachsen. Neun Windturbinen sind nordwestlich von Ramsdorf (nahe Heuersdorf) geplant. Der Direktor des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), Hans Müller-Steinhagen, verweist auf eine kürzlich veröffentlichte Studie, nach der im Falle einer Verbrennung eines Drittels der fossilen Brennstoffvorräte auf der Erde ein gesichertes Leben nicht mehr möglich wäre (Junge Welt, 16.10.2002). Nach Angabe von Jürgen Kroneberg, Vorstandsmitglied der RWE Net AG und Präsident des Verbandes der Netzbetreiber (VDN), wird zunehmend viel Regelenergie (Reservestrom) zum Ausgleich für witterungsabhängige Schwankungen bei der Windkraft benötigt (Wirtschaftswoche, 17.10.2002). "Unsere Erfahrung ist, dass bei sehr niedrigen Temperaturen und entsprechend hohem Bedarf es leider meist auch windstill ist."

Virtueller Strom: Die Xcel Energy, US-Muttergesellschaft der zu 50 Prozent an der Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) beteiligten NRG Energy, wird vor dem Bezirksgericht in Minneapolis vom Versicherungsanbieter Catholic Workman wegen Scheintransaktionen zur Erhöhung ihres Aktienkurses verklagt (Star Tribune, 05.10.2002). Das Unternehmen soll unter anderem die finanziellen Schwierigkeiten von NRG Energy verheimlicht haben. (Ein Verkauf des seit Monaten angebotenen Anteils von NRG Energy an der Mibrag ist bislang nicht erfolgt; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 127, 129.)

Rasende Kapitalvernichtung: Der Bund der Steuerzahler hat im neuesten Schwarzbuch die Verschwendung von 124 Millionen Euro an Steuergeldern für den Lausitzring moniert, die "buchstäblich in den märkischen Sand" gesetzt worden seien (Lausitzer Rundschau, 07.10.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 54).

Nasses Unvergnügen: Als späte Folge des ausgelaufenen Braunkohlenbergbaus droht im rheinischen Korschenbroich das wiederangestiegene Grundwasser, in rund 7.000 Häuser einzudringen (Die Tageszeitung-Ruhr, 10.10.2002).

Schlanke Schwedin: Bei der Vattenfall Europe AG sollen bis 2004 hauptsächlich in der Verwaltung 4.000 der derzeitigen 18.000 Stellen abgebaut werden (Berliner Zeitung, 11.10.2002; Berliner Morgenpost, Handelsblatt, Märkische Oderzeitung, 12.10.2002; s. Heuersdorf Aktuell 127, 129). Das Sparprogramm über 500 Millionen Euro pro Jahr wird zu etwa 60 Prozent durch diese Maßnahme realisiert. Laut Konzernchef Lars G. Josefsson wurden Bewag, HEW, Laubag und Veag "zu sehr billigen Werten" gekauft. Vattenfall-Sprecher Rainer Knauber versicherte, das Unternehmen stehe "selbstverständlich zu allen Zusagen" in der ostdeutschen Braunkohle über den Verzicht auf betriebsbedingte Kündigungen bis 2007 sowie über eine Strom-Abnahmegarantie bis 2011.

Stand der Erzeugungstechnik: Der Verband der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) hat einen durchschnittlichen Wirkungsgrad von 36 Prozent im fossil befeuerten Kraftwerkspark ermittelt (Pressemitteilung, 14.10.2002). Dadurch wird "nur noch knapp halb soviel Brennstoff zur Erzeugung einer Kilowattstunde Strom wie vor 50 Jahren" benötigt. Die Braunkohlekraftwerke Niederaußem (Nordrhein-Westfalen) und Lippendorf sowie die Steinkohleanlagen Staudinger 5 (Hessen) und Rostock erreichen Wirkungsgrade von über 43 Prozent. In Gas- und Dampfkraftwerken seien Wirkungsgrade bis zu 60 Prozent möglich.

Zitierfähiges

Jakob von Uexküll, Gründer der Stiftung Right Livelihood Award, Neues Deutschland, 11.10.2002: "Die Anwendung erneuerbarer Energien ist nicht nur die entscheidende technologische Herausforderung unserer Zeit, sondern sie ist auch der dringlichste moralische Imperativ - wir wissen, dass die Folgen eines Weiter-So in der Energiepolitik für die Zukunft der Menschheit geradezu katastrophal sind. Das heißt, die Entwicklung der Solarenergie ist sowohl technologisch wie moralisch absolut dringlich."

Rückblende

Peter Porsch, Vorsitzender der sächsischen PDS-Landtagsfraktion, Pressemitteilung, 27.03.2001: "Da auch unsere Braunkohle-Vorräte voraussichtlich in rund 30 Jahren erschöpft sind, müssen wir jetzt beginnen, gleichzeitig den schrittweisen Ausstieg aus den fossilen Energieträgern zu gestalten. An die Stelle der Ausbeutung der in Kohle gespeicherten Sonnenenergie muss Schritt für Schritt die direkte Nutzung der Sonnenenergie treten."