29. Oktober 2002 Nr. 131

Risikovermeidung

Die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) fordert, dass sich die Heuersdorfer nun bis September 2003 für einen Umsiedlungsstandort entscheiden (Freie Presse, 24.10.2002). Da 50 Prozent des Unternehmens zum Verkauf angeboten werden, müsse nach Aussage des Arbeitsdirektors Heinz Junge jeder zukünftige Anteilseigner die ungeklärte Heuersdorf-Frage als Risiko bewerten (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 127, 129, 130).

Doch die Braunkohleverstromung verursacht weitaus höhere Risiken durch die Emission von Kohlendioxid. Heuersdorf muss deshalb die Gelegenheit erhalten, mit jedem potentiellen Mibrag-Käufer zu verhandeln. Denn einige von Ihnen möchten vielleicht gern ein 700 Jahre altes Dorf erhalten, weniger Braunkohle fördern und sich dafür am CO2-Emissionshandel beteiligen.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Ein Wahrzeichen weniger: Der 300 Meter hohe Schornstein vom still gelegten Kraftwerk Thierbach ist gesprengt worden (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 21.10.2002). Derzeit sind 16 Firmen mit 130 Mitarbeitern auf dem Kraftwerksgelände tätig. Sachsens Innenminister Horst Rasch versprach die weitere Unterstützung der Landesregierung für eine wirtschaftliche und touristische Entwicklung des Leipziger Südraums.

Erleuchtung: Zahlreiche sächsische Städte verwenden Energiesparlampen, programmierte Leistungsreduzierungen in den Nachtstunden und punktuelle Abschaltungen, um den Strombedarf der Stadtbeleuchtung zu senken (Freie Presse, 21.10.2002).

Kurskorrektur: Der US-Energiekonzern Xcel Energy nimmt einen Abschreibungsverlust von bis zu 2,8 Milliarden Dollar hin, um sich von ihrer Tochtergesellschaft NRG Energy zu lösen (Pioneer Press, Star Tribune, 21.10.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 127, 129, 130). Die ausländischen NRG-Beteiligungen (darunter der 50prozentige Anteil an der Mibrag) stehen weiter zum Verkauf an.

Gefahrenzeichen: Für die umweltpolitische Sprecherin der SPD-Fraktion, Simone Raatz, ist Sachsen beim Klimaschutz "absolutes Schlusslicht unter den neuen Ländern" (Sächsische Zeitung, 22.10.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 128). Trotz Zunahme des CO2-Ausstoßes seien die Fördermittel für Klimaschutzmaßnahmen gekürzt worden. Auf dem 8. Treffen zur UN-Klimarahmenkonvention in Neu Delhi verwies Indiens Minister für Umweltschutz und Forst, T. R. Balu, auf die bereits eingetretene Auswirkung des Klimawandels auf das Leben auf der Erde (dpa, 23.10.2002; Neues Deutschland, 24.10.2002). Aufgrund sinkender Ernteerträge und wachsender Gefahren von Hungersnöten müssten Klimaschutz und umweltgerechte Entwicklung miteinander verknüpft werden.

Waldweg: Im US-Bundesstaat New York wird im Kohlekraftwerk Dunkirk des Mibrag-Anteilseigners NRG Energy Weidenholz beigefeuert (Star Tribune, 23.10.2002). Zwischen 3,4 und 10,7 Prozent des Steinkohleneinsatzes für die Stromerzeugung könnten in New York durch den Einsatz von Holzbrennstoff eingespart werden. Bis 2020 ist ein regenerativer Anteil von 20 Prozent bei der Erzeugung von Elektroenergie gesetzlich vorgeschrieben.

Wunschdenken: Die Mibrag würde nach Angabe der Immobilien-Verantwortlichen, Regina Meßinger, bei einer Umsiedlung von Heuersdorf eine der beiden Dorfkirchen abtragen und originalgetreu am neuen Standort wieder aufbauen (Freie Presse, 24.10.2002). (Beide Kirchen sowie zahlreiche Gebäude stehen unter Denkmalschutz.) Die gebotenen Konditionen seien so gestaltet, dass kein Heuersdorfer mit Schulden in sein neues Zuhause einziehen würde. Bürgermeister Horst Bruchmann verwies auf die fehlende rechtliche Grundlage für eine Abbaggerung des Dorfes (MDR Sachsen, 24.10.2002; s. Dokumentation). Eine staatliche Enteignung sei nur unter strengen Vorgaben möglich. Im Mittelpunkt stehe dabei das Gemeinwohl, nicht der Gewinn eines Unternehmens. Der Energiebeauftragte der Gemeinde, Jeffrey Michel, verweist auf die Kürzung des Tagebaubetriebs durch die von Heuersdorf geforderte Umfahrung des Ortes. Damit könnte "die Energiewende im Leipziger Südraum fünf Jahre früher" eingeleitet werden (Sächsische Zeitung, 24.10.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 14, 39, 119, 130, Zitierfähiges).

Schauobjekt: Eine nicht mehr benutzte Fachwerkscheune aus Heuersdorf wird derzeit in ihre Einzelteile zerlegt und im Wyhraer Museumsgarten wieder aufgebaut (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 24.10.2002). Das Nebengebäude stammt aus der Zeit um 1890.

Neues Standbein: Deutschlands drittgrößter Stromkonzern Energie Baden-Württemberg (EnBW) (mit 25prozentigem Eigentum am Kraftwerk Lippendorf) beteiligt sich über die Dresdner Tochter Geso an Energievorhaben in Polen und Tschechien (Sächsische Zeitung, 27.10.2002). Geschäftsführer Siegmund Meßmer rechnet mit verstärkten Stromexporten nach Deutschland aus Polen, die jedoch nicht zu Dumpingpreisen erfolgen werden.

Stattliche Beihilfen: Auf dem Gelände des früheren Braunkohle-Veredlungswerkes entsteht der Industrie- und Gewerbepark Espenhain (Leipziger Volkszeitung, 29.10.2002). Die dazu erforderlichen Investitionen von 15 Millionen Euro werden zu 90 Prozent vom Freistaat Sachsen, der Rest von der Gemeinde Espenhain getragen. Angesichts der bevorstehenden Umsiedlung wurde mit dem Bau des Gemeindezentrums von Neu-Horno in Forst begonnen (Lausitzer Rundschau, 29.10.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 100, 115, 120, 122, 123, 127). Der 2,3 Millionen Euro teure Bau wird zu 80 Prozent vom Land Brandenburg finanziert.

Zitierfähiges

Angus Fowler, Internationaler Vorstandspräsident von ECOVAST, 31.10.1998 in Heuersdorf: "Man kann auch noch um Mitternacht gewinnen."

Dokumentation

"Für Heuersdorf e. V.", Pressemitteilung vom 23.10.2002: "Nachdem das Sächsische Verfassungsgericht im Juli 2000 das zu diesem Zweck vom sächsischen Landtag verabschiedete 'Heuersdorf-Gesetz' als verfassungswidrig eingestuft und damit außer Kraft gesetzt hat, gibt es bis heute kein gültiges Gesetz, das eine Abbaggerung Heuersdorfs erlaubt. (...) Die Heuersdorfer sind durchaus zu Gesprächen mit Staatsregierung und Mibrag bereit - darüber, wie Tagebau und Gemeinde nebeneinander bestehen können."