18. November 2002 Nr. 132

Energiewende andernorts

Während die Sächsische Staatsregierung ein neues Heuersdorfgesetz zur Abbaggerung der Gemeinde anstrebt, wenden sich die Eigentümer des Kraftwerks Lippendorf bereits klimafreundlicher Energietechnik zu.

Vattenfall Europe AG hat in Hamburg ihre erste Mikroturbine zur dezentralen Erzeugung von Strom und Wärme in Betrieb genommen (www.vattenfall.com). Vattenfall AB errichtet die größte Windturbine in Schweden mit 3 MW auf der Insel Gotland. Die E.on Kraftwerke AG baut neue Anlagen zur Verbrennung von Biomasse (Hannoverische Allgemeine, 30.10.2002). Ihre Tochter, die Braunschweigische Kohlen-Bergwerke AG (BKB) plant acht Windkraftanlagen im Helmstedter Revier als Beitrag zur "Selbstverpflichtungserklärung der deutschen Energiewirtschaft, CO2 durch regenerative Energie einzusparen" (www.bkb.de)

Dazu ist Eile geboten. Denn die bundesdeutschen Klimaschutzziele sind mit dem heutigen Ausmaß der Kohleverstromung unvereinbar (s. Zitierfähiges).

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Ernüchterung: Nach Erkenntnis des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) "ist es nach wie vor als wenig realistisch anzusehen, dass das von der Bundesregierung in ihrem kürzlich veröffentlichen dritten Bericht zum Klimaschutz in Deutschland abermals bekräftigte Ziel, die CO2-Emissionen hierzulande schon bis 2005 um ein Viertel gegenüber 1990 zu reduzieren, erreicht wird" (DIW-Wochenbericht 34/02). Die CO2-Emissionen im Jahre 2001 seien "temperaturbereinigt nur um gut 15 % niedriger als 1990". Die erforderliche Senkung von etwa 100 Millionen Tonnen Kohlendioxid bis 2005 gilt als "wenig wahrscheinlich". Bundesumweltminister Jürgen Trittin hat eine 40prozentige Treibhausgasminderung bis 2020 in Aussicht gestellt (Pressemitteilung 22.10.2002). Hierzu sei erforderlich, "dass die EU sich verpflichtet, ihre Treibhausgase bis 2020 um 30 Prozent gegenüber 1990 zu reduzieren".

Ehrenträger: Wie auch seinem Vorgänger David O. Snyder (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 27) wurde dem Geschäftsführer der Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag), Bruce DeMarcus, das Bundesverdienstkreuz verliehen (Pressemitteilung, 28.10.2002). Unter seiner Führung wurden "rund 2.000 Arbeitsplätze erhalten bzw. neu geschaffen. Die Zahl der Auszubildenden konnte kontinuierlich gesteigert werden."

Gesättigter Strombedarf: Für Prokurist Detlev Dähnert von der Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) sei der zweite Block im Kraftwerk Boxberg "nicht vom Tisch", aber kaum vor 2017 wahrscheinlich (Sächsische Zeitung, 30.10.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 31, 109).

Schlusskapital: Im sorbischen Horno sind zu über 90 Prozent Grundstückstausch-Verträge mit der Laubag unterschrieben worden (Berliner Zeitung, 31.10.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 131). Für den ehemaligen Bürgermeister, Bernd Siegert, haben die Einwohner "alle unsere Trümpfe ausgespielt. Jetzt stehen wir im Prinzip als Verlierer da." Horno wird 2004/2005 abgebaggert. Nach Ansicht des Bürgermeisters von Forst, Gerhard Reinfeld, sieht der dortige Umsieldungsort Neu-Horno vom "Grundriss her (...) fast wie der alte aus".

Notruf: Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau Verwaltungs GmbH (LMBV) hat Antrag auf den Abriss der Gebäude auf dem Areal der ehemaligen Brikettfabrik Zechau gestellt (Leipziger Volkszeitung, 02./09.11.2002). Rund 10 Millionen Euro Fördermittel wurden dort aufgewendet, davon zwei Millionen für das Technische Museum. Die in Rositz ansässige Thüringer Fiber-Trommel GmbH (TFT) will das Museum kaufen und damit retten.

Weitere Runde: Gemäß Beschluss der Sächsischen Staatsregierung wird in Kürze ein neues Heuersdorfgesetz für die (Zwangs-)Umsiedlung der Gemeinde vorgelegt (Pressemitteilung, 05.11.2002; Freie Presse, Leipziger Volkszeitung, 06.11.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 10, 13, 14, 15, 20, 27, 34, 60, 86, 87, 98, 106, 107, 108, 116, 117, 123, 127, 129, Dokumentation). Bürgermeister Horst Bruchmann kündigte ein kommunales Normenkontrollverfahren gegen das Gesetz an. Die Zukunft des Energiestandortes Lippendorf sei nicht von der Abbaggerung Heuersdorfs abhängig, sondern von der schlechten wirtschaftlichen Lage der Energieunternehmen selbst bedroht. Der 50prozentige MIBRAG-Eigentümer NRG Energy ist um 10,2 Milliarden Dollar verschuldet (Star Tribune, 09.11.2002). Die Mibrag sucht einen Vermittler, um Einigung mit der Gemeinde zu erzielen (Leipziger Volkszeitung, 13.11.2002). Laut Bürgermeister Bruchmann würde Heuersdorf jedoch "nur über die Erhaltung des Dorfes, nicht über unsere Umsiedlung" reden. Nach Aussage des Mibrag-Geschäftsführers Bruce DeMarcus sieht das Unternehmen "keine akzeptable Alternative" zur Heuersdorfer Kohle, obwohl "über viele Alternativen nachgedacht" worden sei (Energie & Management, 22/2002).

Regionale Kreisläufe: Die Geschäftsführer des Technologie- und Gründerzentrums Elsteraue GmbH (TGZ), Peter Schwarz und Hans-Jürgen Poser, möchten die Nutzung einheimischer nachwachsender Rohstoffe wie Stärke, Öle und Zucker im Süden Sachsen-Anhalts ausweiten (Mitteldeutsche Zeitung, 08.11.2002). Südzucker in Zeitz stellt bereits Bioäthanol her.

Natur missachtet: Die Grüne Liga hat dem Brandenburger Umweltminister Wolfgang Birthler eine Liste mit über 2000 Unterschriften gegen die drohende Abbaggerung des Lacomaer Teichgebietes beim Braunkohletagebau Cottbus-Nord überreicht (Pressemitteilung, 11.11.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 41, 126, 130). Entgegen der europäischen Flora-Fauna-Habitat-Richtlinie sind die Lacomaer Teiche nicht nach Brüssel gemeldet worden.

Zitierfähiges

Jürgen Trittin, Die Tageszeitung, 01.11.2002: "Es kostet am meisten und fügt der Wirtschaft den größten Schaden zu, wenn wir im Kampf gegen den Klimawandel versagen."

Dokumentation

"Heuersdorf-Vertrag", Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH, Sächsische Staatsregierung, 19.06.1995, §1, Abs. 3: "Niemand ist berechtigt, das individuelle Selbstbestimmungsrecht der Bürger von Heuersdorf einzuschränken."