10. Dezember 2002 Nr. 133

Bevormundung per Rundfunk

Im Infobrief November 2002 der Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) behauptet Geschäftsführer Bruce DeMarcus, der Heuersdorf-Vertrag sei "mit dem Heuersdorfer Bürgermeister erarbeitet" worden. In Wahrheit wurde der Vertrag 1995 von Mibrag und der Sächsischen Staatsregierung formuliert. Bürgermeister Horst Bruchmann erfuhr davon aus dem Radio.

Die Gemeinde verweigert bis heute ihre Unterschrift. Sie wird ihren eigenen Plan vorlegen, um sowohl den Erhalt des Ortes als auch die Interessen der Braunkohle zu sichern (Sächsische Zeitung, 27.11.2002).

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Naturnaher Strom: Die englische Powergen, ein Tochterunternehmen der am Kraftwerk Lippendorf zu 25 Prozent beteiligten E.on AG, will die Beifeuerung von Biomasse im Kohlekraftwerk Kingsnorth (Kent) erproben (Pressemitteilung 18.11.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 5, 96, 132). Das Vorhaben soll dazu beitragen, den Markt für Energiepflanzen zu etablieren und das Regierungsziel einer 10prozentigen Stromerzeugung aus erneuerbaren Energien bis 2010 zu erreichen. Im US-Bundesstaat Kalifornien stiften E.on, ExxonMobil, General Electric und Schlumberger Ltd. insgesamt 175 Millionen Dollar für Energie-, Klima- und Umweltforschung an der Stanford University (San Francisco Chronicle, 20.11.2002). Im Kraftwerk Frimmersdorf der RWE Rheinbraun werden neben 800 Tonnen Braunkohle pro Stunde bis zu 24 Tonnen Papierschlamm befeuert, von dem allein in Deutschland jährlich etwa zwei Millionen Tonnen anfallen (Neuss-Grevenbroicher Zeitung, 06.12.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 5, 96, 131, 132).

Finanzdesaster: Nach Information der Märkische Allgemeine Zeitung (20.11.2002) will die amerikanische NRG Energy nun bis Jahresende ihren 50prozentigen Anteil an der Mibrag wegen hoher Schulden (von 10,2 Milliarden Dollar) verkaufen (s. Heuersdorf Aktuell Nr.127, 129, 130, 131, 132). Die Muttergesellschaft Xcel Energy Inc. hat den Gläubigern und Anleihebesitzern die Übernahme von NRG bei Zuzahlung von 300 Millionen Dollar angeboten (Pioneer Press, Star Tribune, 19./23.11.2002). Die 2,9 Milliarden Dollar, die Xcel in NRG investiert hat, seien "ein Totalverlust". Fünf ehemalige Topmanager, darunter der frühere Geschäftsführer Dave Peterson, haben wegen ausbleibender Trennungsgelder ein Vergleichsverfahren von NRG beim US-Insolvenzgericht Minneapolis beantragt.

Kohleabbau gesteigert: Die Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) wird zum 01.01.2003 in Vattenfall Europe Mining AG umbenannt (Lausitzer Rundschau, 05.12.2002). Im Jahre 2002 wird die Rekordmenge von 59,2 Millionen Tonnen Rohbraunkohle gefördert.

Tiefe Einschnitte: Sechs Jahre nach dem Umsiedlungstermin 06.10.1996 wurde das letzte Haus von Kausche am Tagebau Welzow abgerissen (Berliner Kurier, 21.11.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 100, 120). Von 420 Bewohnern sind 360 an den Umsiedlungsort in Drebkau gezogen. Der erste Spatenstich für den Ersatzort Haidemühl erfolgte im Spremberger Stadtteil Sellessen (Märkische Oderzeitung, 30.11.2000; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 68, 69, 70, 74, 79, 84). Bis 2006 sollen rund 650 Einwohner umgesiedelt werden.

Wind holen: Der Präsident der Vereinigung zur Förderung der Nutzung erneuerbarer Energien in Sachsen (VEE), Wolfgang Daniels, hat sich bis 2010 für eine Verdopplung der Zahl von Windrädern in Sachsen (auf ca. 1.000) ausgesprochen (Sächsische Zeitung, 25.11.2002). Die Kapazität würde sich dabei von derzeit 450 Megawatt auf rund 1.300 Megawatt verdreifachen. Mit einer Prognosesoftware des Instituts für Solare Energieversorgungstechnik an der Universität Kassel kann die Strommenge jedes Windstandorts in Deutschland bei einer Fehlerquote von weniger als fünf Prozent vorhergesagt werden (Wirtschafts Woche heute, 27.11.2002). In Wyhratal konnte bislang das Konzept der Firma Windstar GmbH für sechs Windturbinen dem Gemeinderat nicht vorgestellt werden, weil Bürgermeister Hermann Berger die Unterlagen zurückhält (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 28.11.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 121). Dem Unternehmen ist außerdem Einsicht in ein Vogelgutachten des Regionalen Planungsverbands Westsachsen verwehrt geblieben.

Randlösung: Um den Tagebau Vereinigtes Schleenhain zu umgehen, ist bei einem von der Mibrag getragenen Bauaufwand von zwei Millionen Euro die neue Kreisstraße K 7931 zwischen Neukieritzsch und Deutzen freigegeben worden (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 26.11.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 125). Der dazu parallel verlaufende und rund 350.000 Euro teure Radweg wurde zu 75 Prozent mit Fördermitteln des Landkreises finanziert.

Geschichtsfortschreibung: Beim Vortrag der Dresdner Umwelthistorikerin Kerstin Kretschmer für den Heimatverein des Bornaer Landes zur Industriegeschichte des Südraums Leipzig zeigte sich während der anschließenden Diskussion, dass durch die Heuersdorf-Problematik das Thema "Braunkohle und Umwelt" seine Brisanz bis in die Gegenwart bewahrt hat (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 04.12.2002).

Wirtschaftsfaktor Klimaschutz: Die Deutsche Bank AG und weitere Finanzinstitute haben begonnen, Klimagesichtspunkte in die Risikobewertung für Kreditvergaben und Bürgschaften zu integrieren (Germanwatch Zeitung, 5/2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 58, 109). Die Haftung für Kohlendioxidemissionen war Gegenstand eines EU-Forschungsprojekts (EVK2-CT-2000-00076) unter Beteiligung der Gerling Gruppe und der Universität St. Gallen. Nach einem Beschluss der EU-Umweltminister soll 2005 der Emissionshandel mit dem Treibhausgas Kohlendioxid in der Europäischen Union eingeführt werden (Der Tagesspiegel, 10.12.2002; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 79, 110, 113, 119, 120, 122, 125, 131, Dokumentation). Deutsche Unternehmen müssen sich erst ab 2008 daran beteiligen. In einer Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), des Öko-Instituts und des World Wide Fund for Nature (WWF) wird vorgerechnet, dass die deutsche Industrie einschließlich der Energieversorger jährliche Kosten von rund 500 Millionen Euro durch den Emissionshandel einsparen könnte.

Dokumentation

Heuersdorf Online: "Durch den Verzicht auf 52 Millionen Tonnen Braunkohle unter Heuersdorf könnten 60 Millionen Tonnen Kohlendioxid in den CO2-Emissionshandel eingebracht werden."