08. Juni 2004 Nr. 155

Weichenstellung ohne Gleiswechsel

Nach Aussage des neuen Vorsitzenden des Bundesverbands Braunkohle (Debriv), Kurt Häge, sei Kohle für eine "sichere, preisgünstige und umweltverträgliche Stromversorgung" in Europa unverzichtbar (Märkische Allgemeine, 28.05.2004). Der unüberbrückbare Abstand der Kohleverbrennung zum wirksamen Klimaschutz verdeutlicht aber letztlich nur die Weisheit eines alten Spruches: "Je lauter er über seine Ehrlichkeit gesprochen hat, desto schneller haben wir unsere Silberlöffel nachgezählt."

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Aufgehende Sonne: Die Vattenfall Europe AG hat mit den Bauarbeiten an Hamburgs erstem Biomasseheizkraftwerk mit 20 MW Nennleistung begonnen (www.vattenfall.de, 19.05.2004). Durch die Verfeuerung von 140.000 Tonnen Altholz werden pro Jahr 160.000 Millionen Tonnen CO2 eingespart. Der erzeugte Strom wird in das HEW-Stromnetz eingespeist, der ausgekoppelte Dampf in das HEW-Fernwärmenetz. Nach Angabe der Unternehmensvereinigung Solarwirtschaft (UVS) haben im vergangenen Jahr die deutschen Hersteller von Solarmodulen ihre Produktion von 38 auf 83 Megawatt mehr als verdoppelt (Die Welt, 29.05.2004). Für Timo Leukefeld, Geschäftsführer der Solifer Solardach GmbH, ist die Stadt Freiberg "Solarhauptstadt Ostdeutschlands" (Leipziger Volkszeitung, 02.06.2004). Dort soll bis 2050 ein Anteil erneuerbarer Energien bei der Primärenergieerzeugung von mindestens 50 Prozent erreicht werden.

Klimaschutz kontra Kohle: Aus Protest gegen die "Umweltschweinerei Braunkohle" strichen Greenpeace-Aktivisten (im Vorfeld der internationalen Konferenz Renewables 2004) den 96 Meter hohen Schaufelradbagger im RWE-Tagebau Hambach schweinchen-rosa an (www.greenpeace.de, 29./30.05.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 154). Ein Heissluftballon in Form einer Weltkugel mit Protestaufschriften schwebte darüber. "Wer den Schutz des Klimas ernst nehmen will", meinte Greenpeace-Energieexpertin Gabriela von Goerne, "kann nicht einerseits den Ausbau erneuerbarer Energien bewerben und andererseits neue Braunkohlekraftwerke bauen" (s. Dokumentation). Der Vorstand der Energie Baden-Württemberg AG (EnbW) hat ein "rechtliches Vorgehen auf deutscher und europäischer Ebene" gegen das bundesdeutsche Gesetz zum Handel mit CO2-Emissionszertifikaten beschlossen (Pressemitteilung, 02.06.2004). Nachteile entstünden dem Unternehmen durch die unzureichende Ausstattung mit Zertifikaten für die Ersatzbereitstellung von Energie nach Abschaltung von Kernkraftwerken.

Kostenzuwachs trotz Liberalisierung: Der durchschnittliche Handelspreis für Strom ist von etwa 27,50 Euro pro Megawattstunde Ende Mai 2003 auf derzeit etwa 33 Euro gestiegen (Welt am Sonntag, 30.05.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 153, 154). Nach Erkenntnis von Bernhard Hillebrand beim Rheinisch-Westfälischen Institut für Wirtschaftsforschung (RWI) sei der Einsatz von Erdgas in Kraftwerken (vor Beginn des CO2-Emissionshandels) bereits um mehr als ein Drittel teurer als die Stromerzeugung aus Stein- oder Braunkohle geworden (www.n-tv.de, 05.06.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 98). Der Präsident des Verbandes der Elektrizitätswirtschaft (VDEW), Werner Brinker, verwies auf Strompreissenkungen nach der Marktöffnung 1998 um rund 40 Prozent bei den Industriekunden und 20 Prozent bei den Haushalten (www.strom.de, 08.06.2004). Bei den Haushaltskunden seien diese Gewinne jedoch "weitgehend vom Staat abgeschöpft" worden, anstatt den Preisvorteil weiterzugeben.

Totensamstag: Im Horno ließ die Vattenfall Europe Mining AG ein für Pfingstsamstag geplantes Straßenfenst wegen der unterstellten Beeinträchtigung der archäologischen Grabungen im Ort verbieten (Junge Welt, 01.06.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 144, 145, 148, 151, 154 ). Das Ehepaar Werner und Ulrike Domain lehnt weiterhin eine Umsiedlung ab und stellt sich auf einen langen Klageweg gegen ihre Enteignung ein.

Nachträgliche Mischfeuerung: Die Leistung des rheinischen Braunkohlekraftwerks Weisweiler wird ab 2006 durch jeweils eine Vorschalt-Gasturbine pro Block erhöht (Aachener Zeitung, 04.06.2004). Bei einer erwarteten Betriebszeit von ca. 4.000 Stunden pro Jahr soll das schwankende Angebot erneuerbarer Energien ausgeglichen und die Effizienz der Gesamtversorgung auf CO2-verminderte Weise gesteigert werden.

Sparsamkeit angesagt: Nach Berechnung des Bundes der Energieverbraucher könnte der Durchschnittshaushalt mit genau der Strommenge (440 kWh) auskommen, die nutzlos über Leerlaufverluste verschwendet wird (www.energienetz.de, 06.06.2004). Die benötigte Elektroenergie in diesem Sektor ließe sich daher allein durch die Windkraft bereitstellen.

Perspektiven schwinden: Nach Angabe von Hauptamtsleiterin Annett Steiniger bleibt der Jugendclub in Regis-Breitingen (nach Vorstellung der Staatsregierung der zukünftigen Heimat der Heuersdorfer) wegen des städtischen Haushaltsdefizits auf absehbare Zeit geschlossen (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 08.06.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 145, 146, 148).

Dokumentation

Helmut Röscheisen, Generalsekretär des Deutschen Naturschutzrings (DNR), 04.06.2004: "Die Bundesregierung kann bei der in den nächsten Jahren anstehenden Erneuerung des konventionellen Kraftwerkparks zeigen, dass sie es ernst meint mit der Energiewende. Eine bloße Modernisierung von Kohlekraftwerken führt in die falsche Richtung, weil dadurch die vorhandene Energiestruktur mit Vorrang der konventionellen Energien auf Jahrzehnte hin festgeschrieben wird."

David Pierce, Klimatologe, Scripps Institution of Oceanography, Associated Press, 05.06.2004: "Wenn Kohlendioxid eine Farbe hätte, wenn die Menschen die Verdunklung des Himmels sehen könnten, wäre es für sie kein Problem zu erkennen, was los ist."