09. August 2004 Nr. 157

Mit Volldampf in die Versteppung

In der Lausitz fehlen 4,5 Milliarden Kubikmeter Wasser (Berliner Zeitung, 23.06.2004). Um eine Tonne Braunkohle zu gewinnen, müssen bis zu sechs Tonnen Wasser aus dem Bodenbereich abgepumpt werden. Brandenburg ist das wasserärmste Bundesland. Über der Spree verdunstet mehr Wasser als gleichzeitig hineinfließt. Die Niederschläge in Cottbus betrugen im vergangenen Jahr nur ein Drittel der deutschen Durchschnittswerte.

Die bergbautreibende Vattenfall Europe AG will trotzdem die Lacomaer Teiche vernichten (Sächsische Zeitung, 07.03.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 153, 156).

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Langsame Mühlen: Auf Antrag des Landesverbandes des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND NRW) wurde vom 21. Senat des Oberverwaltungsgerichts für das Land Nordrhein-Westfalen die Berufung gegen ein erstinstanzliches Urteil des Verwaltungsgerichts Aachen über den Rahmenbetriebsplan für den Tagebau Hambach zugelassen. (BUND NRW, 28.06.2004). Der Rechtsstreit habe laut BUND mit acht Jahren eine "rekordverdächtige Dauer" erreicht, während durch die Bagger "unwiederbringliche Fakten" geschaffen würden.

Retortenheimat: Nach Aussage von Bürgermeister Horst Bruchmann besteht derzeit kein konkreter Handlungsbedarf bei Entscheidungen über Heuersdorf, weil ein endgültiger Braunkohlenplan erst im Dezember 2006 beschlossen werden soll (Radio Mephisto, 30.06.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 141, 142, 145, 146). Dessen unbeachtet hat die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) den Entwurf eines Bebauungsplanes für das Gebiet "Am Wäldchen" in Regis-Breitingen als Umsiedlungsort vorgelegt (Pressemitteilung, 14.07.2004; Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 15./30.07.2004; 03.08.2004). Bereits 15 Familien aus dem Ort hätten sich für diesen Standort entschieden. Nach Ansicht von Bürgermeister Bruchmann könne Heuersdorf bei den Planungen nicht lediglich als Träger öffentlicher Belange herangezogen werden, da es sich um ein Umsiedlungsgebiet handele. Die Gemeinde prüft derzeit die Möglichkeit, gegen das neue Heuersdorf-Gesetz zu klagen (New York Times, 27.07.2004, Hannoversche Allgemeine Zeitung, 02.08.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 153). In Regis-Breitingen hat Vize-Bürgermeister Dieter Kipping die Befürchtung geäußert, dass die vorgesehene Eingemeindung am 1. Oktober per Beschluss des Regierungspräsidums Leipzig erfolgen wird, und dass danach die Stadt zur Finanzierung von Rechtsstreiten zur Erhaltung von Heuersdorf aufgefordert werden könnte.

Leistungszunahme: Die Vattenfall Europe Mining & Generation AG & Co. KG will für rund 700 Millionen Euro einen weiteren Kraftwerksblock "der modernsten Generation" am Standort Boxberg mit einer Kapazität von 600 bis 700 Megawatt errichten (Sächsiche Zeitung, 29.06.2004, Lausitzer Rundschau, 01./05.07.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 21, 23, 150, 153, 155). Der ruhende Tagebau Reichwalde soll hierzu wieder aktiviert werden. Die Leistung der 500-MW-Blöcke in Boxberg und Jänschwalde wird durch Nachrüstungen um 12 MW gesteigert. Ein Biomassekraftwerk mit elektrischer Leistung 2,4 MW und Wärmeleistung 3,0 MW wird im Spremberger Ortsteil Sellessen errichtet, in das bis Ende 2006 etwa 550 der rund 650 Einwohner der Gemeinde Haidemühl umgesiedelt werden. Hierzu entstehen 85 Eigenheime und 176 Mietwohnungen für den letzten großen Dorfumzug im Lausitzer Revier. Der Unternehmensbereich Bergbau und Erzeugung zählt bei Vattenfall noch 8.490 Mitarbeiter, doch der Personalbestand wird bis Ende 2006 auf 7.860 Beschäftigte reduziert.

Verbindungswechsel: In Dänemark wird ab Januar 2005 das Hochspannungsnetz wieder verstaatlicht (Cogeneration and On-Site Power Production, Mai-Juni 2004). Die bisherigen Netzbetreiber enthalten keine staatliche Entschädigung. Die Stadtwerke Leipzig GmbH (SWL) verkauft inzwischen 44 Prozent ihres Stromes außerhalb des Stadtgebietes (Verivox, 30.06.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 126). Bis 2012 soll dieser Anteil auf 90 Prozent steigen. Zum 1. Januar 2005 will Vattenfall den Preis für die Durchleitung von Strom durch sein Hochspannungsnetz um 28 Prozent anheben (Financial Times Deutschland, 12.07.2004). Nach Meinung von Umweltminister Jürgen Trittin handelt es sich dabei "um Preistreiberei".

Wider die Natur: Bei einer öffentlichen Erörterung des Landesamts für Bergbau, Geologie und Rohstoffe zum wasserrechtlichen Genehmigungsverfahren "Gewässerausbau Cottbuser See" lehnte Vattenfall Europe eine von Naturschutzverbänden vorgeschlagenen Ersatzbekohlung aus technischen, wirtschaftlichen und rechtlichen Gründen ab (Sächsische Zeitung, 03.07.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 156). Mit einer Entscheidung der Behörde wird im Herbst gerechnet. Das umstrittene 380 Hektar große Gebiet der Lacomaer Teiche ist ein Naturbiotop, das vom Land Brandenburg als europäisches FFH-Schutzgebiet gemeldet wurde.

Phönix aus der Kohle: Die Braunkohlenhalde Trages ist vom Leipziger Ronald Müller gekauft worden (Leipziger Volkszeitung, 06.07.2004). Der derzeitige Bestand an Birken und Pappeln soll schrittweise durch Eichen, Linden und Ahorn ersetzt werden. Nach Erkenntnis von Bundesumweltminister Jürgen Trittin sei es "gelungen, aus wüsten Abraumhalden neue und ansprechende Landschaften zu gestalten" (Pressemitteilung, 06.08.2004).

Hochgradig: Nach Angabe des Klimaexperten Wilfried Küchler vom Sächsischen Landesamt für Umwelt und Geologie hat sich in den vergangenen 100 Jahren die Temperatur in Sachsen im Jahresmittel um ein Grad Celsius erhöht, genauso viel wie in den 10.000 Jahren davor (Lausitzer Rundschau, 14.07.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 140). Wegen des Klimawandels weichen Fichten-Monokulturen in den Mittelgebirgen nunmehr Mischwäldern aus Tannen, Fichten und Buchen. An extrem trockenen Standorten wie in der Lausitz um Niesky werden gebietsfremde Baumarten wie die Douglasie oder Robinie gepflanzt.

Zerstörungswut: Die Mibrag klagt vor dem Oberverwaltungsgericht Bautzen (OVG) gegen die Erhaltungssatzung der Gemeinde Heuersdorf (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 07.08.2004). Diese schreibt eine Abbruchgenehmigung für jedes einzelne Gebäude vor.