16. August 2004 Nr. 158

Zukunft im Dunkeln

Die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) stellt immer die Umsiedlung von Heuersdorf als unabwendbar dar. Doch im Jahresbericht 2003 des US-Anteilseigners NRG Energy wird nüchtern eingeschätzt, dass noch "zahlreiche potentielle gerichtliche Anfechtungen" anstehen. Den Ausgang des Heuersdorf-Konflikts könne das Unternehmen daher "nicht vorhersagen".

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Grüner Ablasshandel: Anstatt die in Schweden vorgeschriebenen acht Prozent regenerativen Stromes nachzuweisen, hat der Staatskonzern Vattenfall AB die Zahlung einer Strafe für die Nichteinhaltung der Vorschrift vorgezogen (Die Tageszeitung taz, 09.08.2004). Diese Staatseinnahmen werden allerdings nicht zur Förderung erneuerbarer Energien verwendet.

Sonnenkur: Auf Initiative des Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) haben sich sechs ostdeutsche Solartech-Firmen zu einem Forschungs- und Vermarktungsverbund zusammengeschlossen (Neues Deutschland, 09.08.2004). Das Vorhaben wird vom Programm "Netzwerkmanagement Ost" (NEMO) des Bundeswirtschaftsministeriums bezuschusst. Der Bundesverband Solarindustrie verweist auf 15.000 Arbeitsplätze in der Solarbranche..

Unterschiedliche Fundamente: Die (2.238 Einwohner zählende) Gemeinde Deutzen hat wegen ihres Schuldenstandes von 9,5 Millionen Euro nach Berlin und Bremen den dritthöchsten Grundsteuerhebesatz in ganz Deutschland (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 10./11.08.2004). Die Schuldenlast in Heuersdorf von rund 187.360 Euro entspricht einer Pro-Kopf-Verschuldung von 1.275 Euro. Die Rücklagen betrugen Ende 2003 etwa 106.300 Euro.

Ausgebeutet: Die seit 15 Jahren bestehende UNO-Konvention 169 der Internationalen Arbeitsorganisation (ILO) zum Schutz der Interessen von Ureinwohnern (zum Beispiel beim Abbau von Naturressourcen) ist bislang von nur 17 Staaten (aber noch nicht von Deutschland) ratifiziert worden (Die Tageszeitung taz, 10.08.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 77).

Spätwerk: Der sächsische Wirtschaftsminister Martin Gillo hat bei der Vorlage des Berichts "Energieprogramm Sachsen 2004" die Braunkohle als Sachsens wichtigste Energiequelle bezeichnet (Leipziger Volkszeitung, 11./12.08.2004; s. Dokumentation). Beim Heuersdorf-Konflikt geht er davon aus, "dass die Gerichte die Mibrag-Rechte aufrecht erhalten." Landesvorstandssprecher Karl-Heinz Gerstenberg von Bündnis 90/Die Grünen kritisiert den energiepolitischen Standpunkt von Gillo als "puren Braunkohlelobbyismus".

Wiederanlauf: Landrätin Petra Köpping hat die ersten Grundzüge eines weiteren Plans für ein Neu-Heuersdorf vorgelegt, der von der Will GmbH erarbeitet und von der Mibrag finanziert wurde (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 12.08.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 148, 149, 150, Zitierfähiges). Darin sind unter anderem die Emmauskirche, Dorfplatz, Friedhof, Gaststätte und Gemeindesaal enthalten. Die Planung stellt den Angaben zufolge ein "ökologisches Modelldorf" mit eigener Energieversorgung und Abwassersystem dar.

Leistungssteigerung: Nach Angabe von Kurt Häge, dem Vorstandsvorsitzenden der Vattenfall Europe Mining & Generation AG & Co. KG, konnten durch die jüngste Ertüchtigung der Hochdruckturbinen im Kraftwerk Jänschwalde 110.000 Tonnen Rohbraunkohle pro Jahr eingespart werden (Lausitzer Rundschau, 12.08.2004).

Kohlenstoff-Huttrick: Während Bundeswirtschaftsminister Wolfgang Clement Ende Juli auf einem Festakt der Mibrag ein CO2-freies Kraftwerk ab 2020 in Aussicht stellte, ist diese Vision laut Stefan Krug von Greenpeace "nur ein Feigenblatt zur Legitimation der Braunkohle" (Die Tageszeitung taz, 13.08.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 149). Die von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe (BGR) ermittelte Speicherkapazität in Öl- und Gasfeldern von etwa 2,3 Milliarden Tonnen CO2 wäre bereits nach sieben Jahren von den Emissionen deutscher Kohlekraftwerke erschöpft (Neues Deutschland, 16.08.2004).

Holzstrom: In Brandenburg gibt es inzwischen 14 mit Holz befeuerte Stromkraftwerke mit einer Leistung von bis zu 20 Megawatt (Berliner Zeitung, 14.08.2004). Vattenfall will zum Zwecke der Mitverbrennung 120 Hektar Agroforst unterhalten. Um aber die Jahresförderung von 40 Millionen Tonnen Braunkohle in der Niederlausitz zu erübrigen, wären fünf Millionen Hektar Energiewald und somit fast die doppelte Landesfläche von Brandenburg erforderlich.

Goldenes Netz: Für Hennig Borchers, Geschäftsführer des Bundesverbands neuer Energieanbieter (BNE), gleicht der deutsche Energiemarkt "einem Selbstbedienungsladen" für Unternehmen wie Vattenfall und RWE (Der Tagessspiegel, 16.08.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 157). Die Bundesregierung sehe tatenlos zu, wie solche Netzbetreiber durch ihre Preispolitik die Konkurrenz "gezielt aus dem Markt" drängten.

Altes Eisen: Die Mibrag hat dem Verein Bergbau-Technik-Park am früheren Espenhainer Tagebau 5.000 Euro gespendet (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 16.08.2004).

Zitierfähiges

Werner Herzog, "Wo die grünen Ameisen träumen", 1984: "Was würden Sie sagen, wenn wir mit Bulldozern und Preßlufthämmern in Rom in die Peterskirche kämen und anfingen zu graben? (...) Wir besitzen das Land nicht, das Land besitzt uns."

Dokumentation

Energieprogramm Sachsen 2004: "So liegt z. B. die Energieeffizienz der sächsischen Industrie ca. 13 % unter dem Durchschnitt in Deutschland."