25. August 2004 Nr. 159

Transmissionsriemen der Braunkohlenwirtschaft

Die Energieunternehmen geben immer wieder schwebende Verfahren als vollendete Tatsachen aus. Führende Politiker nehmen dabei nicht selten den Stellenwert von Firmenvertretern ein.

So ließ die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) Landrätin Petra Köpping am 17.08.2004 verkünden: "Die Umsiedlung der Gemeinde Heuersdorf nimmt Gestalt an." Die Bürger von Heuersdorf halten sich aber weiterhin an der Entschließung der Einwohnerversammlung fest, "mit allen rechtlichen Mitteln für ihren Ort einzutreten" (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 1).

In der Lausitzer Rundschau vom 12.08.2004 wird Vorstandsvorsitzender Kurt Häge von der Vattenfall Europe Mining & Generation AG & Co. KG mit der Bemerkung zitiert, dass alle Vorleistungen des Kraftwerks Jänschwalde bei der Zuteilung von Zertifikaten für den CO2-Emissionshandel anerkannt worden seien. Das sei bereits mit Ministerpräsidenten Matthias Platzeck abgestimmt worden. Bei der Deutschen Emissionshandelsstelle (DEHSt) beginnt aber die Bearbeitungsfrist für Firmenanträge erst am 18. September.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Dezentralisierungs-Schub: Der britische Stromversorger Powergen (eine Tochter der deutschen E.ON Energie AG) hat 80.000 Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen mit Stirling-Motor-Antrieb von der Firma Whisper Tech Ltd aus Neuseeland für den Einsatz in privaten Haushalten bestellt (Birmingham Post, 16.08.2004, Neues Deutschland, 23.08.2004).

Heuersdorfer Kohle überflüssig: Bei der sächsischen Landtagswahl fordert Bündnis 90/Die Grünen an vorderster Stelle einen mittelfristigen Ausstieg aus der Braunkohle (Sächsische Zeitung, 17.08.2004; s. Dokumentation).

Gleichberechtigung fehlt: Angesichts der fortgesetzten Forderung der Internationalen Atomenergieagentur (IAEA) hat der Bundestagsabgeordnete Hermann Scheer die "Errichtung einer Internationalen Agentur für Erneuerbare Energien (IRENA) als eine der IAEA ebenbürtigen internationalen Institution" angemahnt (Die Tageszeitung taz, 17.08.2004). Bundesumweltminister Jürgen Trittin würde sich aber dagegen sperren.

Kirche im Ort gelassen: Bei dem für die Umsiedlung von Heuersdorf revidierten Bebauungsplan fehlt nun die Umsetzung der (707 Jahre alten) Emmauskirche, weil nach Angabe von Landrätin Petra Köpping nicht über Belange der Kirche entschieden werden könne (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 18.08.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 148, 149, 150, 158). Auf einer Einwohnerversammlung würdigte Bürgermeister Horst Bruchmann den Versuch der Planer, "die Struktur von Heuersdorf in einem Teil des Konzeptes widerzuspiegeln" (Mitteldeutsche Zeitung, 21.08.2004). Die Bürger könnten nun darüber nachdenken. Bruchmann beklagte aber zugleich den "erheblichen Druck von Staat und Mibrag" einschließlich der "Androhung einer Zwangsumsiedlung". Für die Erhaltung der Gemeinde seien "noch Rechtswege offen". Nach Ansicht des sächsischen Landesverbandes von Bündnis 90/Die Grünen sei der Abbau der Heuersdorfer Braunkohle weder "zur Energieproduktion noch zur Schaffung von Arbeitsplätzen" nötig (s. Dokumentation).

Globale Sauna: Dem Bericht "Impacts of climate change in Europe" der Europäischen Umweltagentur (EEA) zufolge werden bis 2050 drei Viertel der Gletscher in den Alpen durch die Erwärmung des Weltklimas verlorengehen (Pressemitteilung, 18.08.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 114, 125, 149, 150). Kalte Winter könnten auch "bis 2080 fast ganz verschwinden und heiße Sommer, Dürren und Perioden mit schweren Regenfällen an Häufigkeit zunehmen". Sollte es keine Veränderung energiewirtschaftlicher Prioritäten geben, sagt eine Beratergruppe des US-Bundesstaates Orgeon eine Erhöhung der CO2-Emissionen bis 2025 auf 65 Prozent über dem Wert von 1990 voraus (Statesman Journal, 19.08.2004). Nach Erkenntnis von John Schellnhuber, dem Forschungsdirektor des britischen Tyndall Centre, wird bereits in Südamerika die Möglichkeit einer Klage gegen die Industrieländer wegen "direkter Haftung" für den Klimawandel untersucht (The Guardian, 22.08.2004).

Ortungsversuch: Zur Stärkung des Gefühls für die neue Heimat der vor zehn Jahren umgesiedelten Breunsdorfer und Dreiskauer wurde das dritte Fest im Ersatzort Borna-West vom Mibrag-Angestellten Ulrich Bräuer und dem Gasthaus "Glückauf" organisiert (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 23.08.2004). Programmhöhepunkt war der Auftritt der Bornaer Zwiebelgirls mit ihrer Playback-Show.

Luftkur: Die Universität Stuttgart entwickelt gemeinsam mit Vattenfall Europe Mining, der Universität Cottbus sowie weiteren euopäischen Partnern ein neues Verfahren zur CO2-freien Kohleverbrennung (Verein Deutscher Ingenieure, 24.08.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 149, 158). Die Kohle wird unter Zugabe von gebranntem Kalk vergast, der durch die Aufnahme des entstehenden Kohlendioxids in Kalkstein umgewandelt wird. Die Mibrag feierte das zehnjährige Bestehen des Kraftwerks Wählitz (37,4 MW), das mit einem Wirbelschichtkessel als Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlage betrieben wird (Presseinformation, 25.08.004).

Dokumentation

Bündnis 90/Die Grünen in Sachsen, Programm zur Landtagswahl 2004: "Ein Ausstieg aus der Braunkohle reduziert Emissionen stark, verhindert die Abbaggerung von Heuersdorf und beendet die Totalzerstörung der Landschaft sowie die Beeinträchtigung des Wasserhaushalts ganzer Regionen. Der Anteil der Braunkohle an der Stromversorgung soll bis 2020 auf höchstens 40% (die Staatsregierung plant 80%) reduziert werden."