06. September 2004 Nr. 160

Fremdbekohlung fällig

Die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) behauptet seit Jahren, dass ohne eine Abbaggerung von Heuersdorf die Insolvenz des Unternehmens drohe (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 14, 148). Doch nun wird der Liefervertrag (über ca. 1 Millionen Tonnen/Jahr) mit den Stadtwerken Chemnitz nicht verlängert (Leipziger Volkszeitung, 26.08.2004). Dieser Umsatzausfall "haut die Mibrag aber nicht um", versichert Geschäftsführer Heiner Krieg.

Würde die Mibrag auf die Braunkohle unter Heuersdorf verzichten, könnte dieser Verlust wieder ausgeglichen werden. Die Entfernung vom Tagebau Profen nach Chemnitz beträgt 70 km, nach Lippendorf dagegen nur 20 km. Eine Ersatzbekohlung wäre somit naheliegend. Der Bau einer Kohle-Entladestation würde bedeutend weniger kosten, als die Umsiedlung der Ortschaft.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Zahlenzauberei: Der Generalsekretär der sächsischen CDU, Hermann Winkler, hat in einer Meldung vom 24.08.2004 Bündnis 90/Die Grünen die Gefährdung von über 2.200 Arbeitsplätzen durch ihre zentrale Forderung im Wahlprogramm "Raus aus der Braunkohle" vorgeworfen. (Sächsische Staatsregierung und Mibrag stellten abweichend von dieser Angabe bislang die Vernichtung von 3.400 Arbeitsplätzen allein durch die Erhaltung von Heuersdorf in Aussicht; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 140, 142, 143, 149, 159.)

Elektroenergie aus Holz: Die Stadtwerke Leipzig GmbH (SWL) investiert 50 Millionen Euro in ein 20-MW-Biomassekraftwerk im thüringischen Bischoffrode-Holungen, mit dem ab 2006 jährlich 160 Millionen Kilowattstunden Strom erzeugt werden sollen (Pressemitteilung, 26.08.2004). Im dortigen Landkreis Eichsfeld werden bereits 54 Prozent des gesamten Stromverbrauches aus regenerativen Energiequellen gedeckt.

Gesundheitsgefährdung durch Bergbau: Nach Erkenntnis von Dirk Jansen, Geschäftsleiter des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen im Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), gibt es im Randbereich von Braunkohletagebauen "ein ernsthaftes Problem mit Feinstaub" (Neuss-Grevenbroicher Zeitung, 26.08.2004, Pressemitteilung 31.08.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 139, 144, 145). Die vom Landesumweltministerium vorgelegte "Hot-Spot-Studie" habe erstmals den wissenschaftlichen Zusammenhang zwischen der Nähe des Wohnortes zu einer Schadstoffquelle und Gesundheitsschädigungen nachgewiesen.

Weltweit bekannt: Nach Information von Petra Kappl vom Frankfurter Büro der New York Times wurde dort über die Verhältnisse in Heuersdorf berichtet, "weil es den Konflikt zwischen Energiebedarf, Arbeitsplätzen, Investitionen und Ökologie sehr deutlich darstellt" (New York Times, 26.07.2004; Leipziger Volkszeitung, 27.08.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 158). Der Nachrichtensender CNN hat inzwischen ein Interview mit dem Vereinschef Bernd Günther geführt. Die Leipziger Ausgabe der Bild-Zeitung widmete am 27. August dem Beitrag der New York Times eine halbe Seite unter der Überschrift "Heuersdorf jetzt weltberühmt".

Natur auf Abruf: Die "Freunde von Lacoma" haben am 28. August während der "Nacht der Museen" vor der Zentrale der daran beteiligten Vattenfall Europe AG die Berliner Bevölkerung über die Geschäftsgebärden des Unternehmens informiert (Pressemitteilung, 28.08.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 145, 149, 150, 151, 152, 153, 156). Nach Auskunft des Vereinssprechers Daniel Häfner wollte sich Vattenfall "hier als sauberes Unternehmen präsentieren, gleichzeitig aber das unter europäischem Naturschutz stehende Lakomaer Teichgebiet zerstören".

Ortsfest: In Horno klagen Werner Domain und seine Frau Ursula gegen die vom Landesbergamt beschlossene Enteignung ihrer Grundstücke (Die Welt, 30.08.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 144, 154, 155). In einem zweiten Verfahren soll die generelle Notwendigkeit einer Überbaggerung des Ortes überprüft werden, da ein Gutachten vom Bergbauamt lediglich eine geringe Menge minderwertiger Braunkohle bestätigt hätte.

Kohlepavillon: Die Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV) hat mit dem Bau eines Informationszentrums am Zwenkauer See begonnen (Leipziger Volkszeitung, 02.09.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 6, 28, 101, 102, 104, 111, 115). Im ehemaligen Tagebau wurden insgesamt 580 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert.

Biomix: Nach Mitteilung von Landeswirtschaftsminister Ulrich Junghans (02.09.2004) kommt ein Viertel der deutschen Biodieselproduktion aus Brandenburg. Obwohl auch der Anteil von erneuerbaren Energien am dortigen Nettostromverbrauch mehr als 25 Prozent beträgt, bleibe die Lausitzer Braunkohle der "Eckpfeiler der märkischen Energiewirtschaft".

Feuerdrachen: Bei der Aufstellung des fast zehn Meter hoher Klima-Killer-Sauriers in Heuersdorf wurde vom Bund für Umwelt und Naturschutz (BUND) Sachsen das Kraftwerk Lippendorf als siebtgrößte CO2-Quelle in Deutschland eingeordnet (Leipziger Volkszeitung, 04.09.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 156). Nach Aussage von Regina Kordes, Vertreterin des Kraftwerksbetreibers Vattenfall Europe GmbH, sei diese Erkenntnis jedoch "reine Polemik". Sachsens Ministerpräsident Georg Milbradt wurde bei der anschließenden Veranstaltung in Dresden mit einem "Klima-Killer-Oscar" für "seinen Einsatz zugunsten der klimaschädlichen Braunkohle, für seine Unbarmherzigkeit gegen ein sächsisches Dorf und für seine Unwahrheiten über Erneuerbare Energien" ausgezeichnet (Freie Presse, Sächsische Zeitung, 07.09.2004).

Zweierlei Geldsegen: Der Verein Solar City will eine 300 Quadratmeter große Solarstromanlage als Leipziger Bürgerkraftwerk realisieren (Leipziger Volkszeitung, 06.09.2004). Das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) wird Anlegern eine Rendite von acht Prozent ermöglichen. Nach Erkenntnis des ehemaligen Hamburger Umweltsenators Fritz Vahrenholt habe Vattenfall überhaupt keinen Grund, ihre Strompreise anzuheben, "denn sie lebt nachhaltig von Braunkohle und Kernenergie" (Deutschlandfunk, 06.09.2004).