21. September 2004 Nr. 161

Wenn der Bergbau nicht mehr ruft

In Espenhain hat Bundesumweltminister Jürgen Trittin den "Solarpark Leipziger Land" auf einer ehemaligen Aschehalde eingeweiht (Pressemitteilung, 08.09.2004; Neues Deutschland, 10.09.2004; Dokumentation). Günter Weinelt, Ortsvorsteher des benachbarten Mölbis, sieht im Projekt einen "Imagegewinn" sowie viele "Synergieeffekte", die weitere Unternehmen anlocken sollen.

Damit wird indirekt eingestanden, dass die Braunkohle ihren einstigen Zauber verloren hat. Umweltminister Steffen Flath verwies auf den sächsischen Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald, der in der Nutzung der Sonnenenergie die die Möglichkeit sah, dass die Menschen "ein bequemeres Dasein führen". Jürgen Trittin erinnerte zudem daran: "Heuersdorf liegt ganz in der Nähe".

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Reptilien-Politik: Durch das Kinder- und Vereinsfest am 04. September mit dem CO2-Dinosaurier des Bundes für Umwelt und Naturschutz (BUND) wollte die Gemeinde Heuersdorf nach Aussage von Bürgermeister Horst Bruchmann "auf die Umweltproblematik aufmerksam machen und unsere Kinder sensibilisieren" (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 06./14./16./21.09.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 156, 160). Ministerpräsident Georg Milbradt wurde beim anschließenden Saurierbesuch in Dresden der "Klima-Killer-Oscar" für "Landschaftszerstörung, Dorfvernichtung und massiven CO2-Ausstoß" verliehen (Sächsische Zeitung, 07.09.2004). Sachsens CDU-Generalsekretär Hermann Winkler erklärte, die Förderung der (CO2-belasteten) Braunkohle sei "Herzstück" der CDU-Wirtschaftspolitik (Die Welt, 15.09.2004). Die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) möchte ab 2009/2010 die Heuersdorfer Kohle abbauen. Das Unternehmen beschäftigt derzeit 2.010 Mitarbeiter (38 weniger gegenüber März; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 151) einschließlich 133 Auszubildender. Bis 2012 sollen durchschnittlich 45 bis 50 Millionen Euro pro Jahr investiert werden. Mibrag-Vorstand Heinz Junge hat den Standpunkt der Gemeinde (Pressemitteilung, 27.08.2004) bestritten, der Ausfall von Kohlelieferungen nach Chemnitz könne Heuersdorf retten. Am Kraftwerk Lippendorf gäbe es keine Möglichkeiten für einen Bahnanschluss. Nach Einschätzung von Bürgermeister Bruchmann soll der Ort jedoch nicht wegen dieser fehlenden Kohlemenge zerstört werden. Es gehe vielmehr darum, "den maximalen Gewinn zu holen." Bei der Landtagswahl errangen in Heuersdorf die gegen eine Umsiedlung gerichteten Parteien Bündnis 90/Die Grünen 32,4 Prozent und PDS 28,4 Prozent der Stimmen. Die weiteren Ergebnisse: CDU 14,9 %, NPD 13,6 %, SPD 2,7 %, FDP 0 %.

Widernatürliches Wirtschaften: Nach Erkenntnis von Hartmut Vogtmann, dem Präsidenten des Bundesamtes für Naturschutz (BfN), könnten in Deutschland "zwischen 5 und 30 % der Arten aussterben", sollte es nicht gelingen, die Klimaerwärmung einzudämmen (Pressemitteilung, 06.09.2004). In Brandenburg hat der Präsident des Landesumweltamtes, Matthias Freude, auf einen Rückgang des Grundwasserspiegels um etwa einen Meter innerhalb der letzten 70 Jahre hingewiesen (Der Prignitzer, 15.09.2004 s. Heuersdorf Aktuell Nr. 92, 126).

Erneuerbares Wachstum: Einer Antwort der Bundesregierung (15/3667) auf eine Kleine Anfrage der FDP-Fraktion (15/3548) zufolge gab es im Jahre 2002 etwa 118.700 Arbeitsplätze im Bereich der erneuerbaren Energien (Internationales Wirtschaftsforum Regenerative Energien, 07.09.2004). Davon entfielen 53.200 auf die Windenergie, 29.000 auf die Biomasse, 13.000 auf Dienstleistungen, 8.400 auf Wasserkraft, 6.700 auf Solarthermie, 6.000 auf Photovoltaik und 2.400 auf Wärmepumpen. Die 5-MW-Solaranlage der Berliner Firma Geosol in Espenhain besteht aus 33.500 Einzelmodulen (Leipziger Volkszeitung, 09./14.09.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 136, 147). Ein ähnliches Projekt ist nun für das Gelände des ehemaligen Braunkohlekraftwerkes in Borna geplant. Im Industrie- und Landschaftspark Geiseltalsee ist ein Solarkraftwerk der BP Solar mit 3,4 MW in Betrieb gegangen.

Verschlankung fortgesetzt: Um ihre Schulden weiter abzubauen, hat die amerikanische Mibrag-Eigentümerin NRG Energy ein Kraftwerk mit 1.160 MW in Minooka (Illinois) verkauft (Business Wire, 13.09.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 127, 129, 132, 133, 143).

Ausgeboomt: In der vor fast fünf Jahren eröffneten Cult Tanzfabrik in Neukirchen (bei Borna) geht es inzwischen nach Aussage des Gesellschafters Michael Krauße "ums Überleben" (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 16.09.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 78). Es sei in der ehemaligen Brikettfabrik "Woche für Woche spürbar, dass die Leute abwandern".

Langsames Umsteuern: Die Vattenfall Europe Generation AG & Co. will bis 2011 einen weiteren Kraftwerksblock mit 660 Megawatt am Standort Boxberg errichten (Sächsische Zeitung, 16.09.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 21, 23, 149, 150, 153, 155, 157, 158). Eine Pilotanlage mit CO2-freier Feuerung wird 2015 entweder dort oder in Schwarze Pumpe ans Netz gehen, doch ein wirtschaftlicher Betrieb erscheint voraussichtlich erst ab 2025 möglich. Die bis Jahresende gegründete Tochterfirma New Energy wird ein Biomasse-Kraftwerk bei Spremberg sowie Windkraftanlagen bei Cottbus betreiben.

Mittelsmann: Zwischen der Wirtschaftsförderung Leipziger Land (Will GmbH) und der Gemeinde Heuersdorf wird angedacht, den Anwalt Siegfried de Witt in die Überlegungen zur Umsiedlung einzubeziehen, der bereits die Bürger von Horno vertreten hat (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 17.09.2004; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 118, 132, 145, 158).

Dokumentation

Jürgen Trittin, Diesmal Grün!, zur Landtagswahl 19. September 2004: "Fossile Energieträger wie Kohle und Öl haben viele Nachteile: sie sind endlich und ihr Abbau heißt - man denke an die Abbaggerung von Heuersdorf - Raubbau an der Natur."