18. Februar 2005 Nr. 165

Seltsame Rechnung

Nach Ansicht des sächsischen Ministerpräsidenten Georg Milbradt hänge die Zukunft der Braunkohle ganz entscheidend von der Umsiedlung von Heuersdorf ab (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 06.12.2004). Da eine volkswirtschaftlich belastbare Grundlage für diese Schlussfolgerung weiterhin fehlt, wird seit November das neue Heuersdorf-Gesetz vom Sächsischen Verfassungsgerichtshof geprüft (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 163). Der Prozess werde nun nicht vor dem Sommer beginnen (Radio Mephisto, 26.01.2005).

Die Braunkohle unter dem besiedelten Ortsteil stellt nur drei Prozent des von der Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) ausgewiesenen Vorrats dar. Die erhöhte Fördermenge im derzeit überarbeiteten Braunkohlenplan macht die Abbaggerung von Heuersdorf mehr als fragwürdig.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Geteiltes Dorf: Nach Angabe des kaufmännischen Geschäftsführers, Heiner Krieg, haben hinsichtlich einer Umsiedlung lediglich 69 der verbleibenden rund 140 Heuersdorfer mit der Mibrag noch nicht gesprochen (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 28.12.2004 / 20./27.01.2005). Dafür würden 16 Familien einen Umzug ins Neubaugebiet "Am Wäldchen" in Regis-Breitingen planen (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 164). Die amerikanischen Anteilseigner wünschten "einen sehr fairen Umgang mit den Bürgern von Heuersdorf" (Neues Deutschland, 06.01.2005). Der CDU-Kreisverband Leipziger Land hat sein Bekenntnis für "eine solide Umsiedlung von Heuersdorf" abgegeben. Nach Ansicht von Uwe Bruchmüller, Bezirksleiter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), werde Heuersdorf "von Ex-Bürgermeister Bruchmann weiter in die falsche Richtung geführt". Sollte der zunächst bis Ende 2005 geltende "Hauptbetriebsplan" (eine Fehlbezeichnung) für den Tagebau Vereinigtes Schleenhain aufgrund der offenen Situation nicht mehr genehmigt werden können, "steht der Tagebau am 1. Januar 2006". Sachsens Wirtschaftsminister Thomas Jurk hat bei einem Besuch in der Region festgestellt, die Staatsregierung habe beim Heuersdorf-Konflikt "in der Vergangenheit nicht immer glücklich agiert". Nach einem Treffen mit Ortsvorsteher Bruchmann stellte dieser fest, dass "sich grundsätzlich nichts geändert" habe. Im Tagebau Vereinigtes Schleenhain sind derzeit 380 Bergarbeiter (gegenüber vormals 414) beschäftigt (Sächsische Zeitung, 27.01./04.02.2005; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 19, 26, 146). Bei einer gemeinsamen Protestkundgebung mit der Belegschaft des Kraftwerks Lippendorf wurde Klarheit beim Konflikt um Heuersdorf gefordert.

Ungebrochen: Die letzte Familie in Horno, das Ehepaar Werner und Ulrike Domain, hat gegen den Beschluss über eine "vorzeitige Besitzeinweisung" durch die Vattenfall Europe AG Klage beim Verwaltungsgericht Cottbus eingelegt (Sächsische Zeitung, 06./15.01.2005, Berliner Zeitung, 07.01.2005; s. Heuersdorf Aktuell 144, 148, 151, 154, 155, 156, 163). Die Kohle unter ihrem Grundstück sei viel zu dünn, um eine Enteignung zu rechtfertigen.

Kohle im Kommen: Im Jahre 2004 hat die deutsche Braunkohlenindustrie 182 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert und damit das Vorjahrsergebnis um 1,6 Prozent übertroffen (Bundesverband Braunkohle, 18.01.2005; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 164). Bei Lieferungen von 167,4 Millionen Tonnen wurden rund 92 Prozent der abgebauten Braunkohle zur allgemeinen Stromerzeugung eingesetzt. Das Heidelberger Zementwerk in Schelklingen bei Ulm hat aus Preisgründen die Befeuerung seiner Brennöfen auf 70.000 Tonnen Braunkohlenstaub aus dem rheinischen Revier umgestellt (Rheinbraun Brennstoff GmbH, 24.01.2004). Die Mibrag erkundigt nach Kohlereserven um ca. eine Milliarde Tonnen in Lübtheen (West-Mecklenburg) (Hagenower Kreisblatt, 08.02.2005). Nach Auskunft von Bergbaudirektor Horst Schmidt könne man die dortigen Vorkommen "40 Jahre nutzen". Die Vattenfall Euope AG beabsichtigt, eine neue Hochspannungsleitung zwischen Halle und Schweinfurt durch den Thüringer Wald zu bauen, um (angeblich) Windkraftstrom in den Süden zu leiten (Freies Wort, 11.02.2005). Der Vorsitzende IG BCE, Hubertus Schmoldt, hat für die Braun- und Steinkohle gefordert, dass sie "den Beweis erbringen dürfen, dass sie im Wettbewerb bestehen können" (Sächsische Zeitung, 14./15.02.2005). Die erneuerbaren Energien seien einseitig bevorzugt, während der Atomausstieg keine Nachahmer in Europa gefunden habe.

Pflanzenpower: Der Sprecher für Forschung und Technologie der grünen Bundestagsfraktion Hans-Josef Fell, hat sich für die Einrichtung eines Bioenergie-Forschungszentrums in den neuen Bundesländern ausgesprochen (Lausitzer Rundschau, 21.01.2005). Die dort herrschende hohe Arbeitslosigkeit könne nur mit neuen Produkten bekämpft werden. Das Kraftwerk Jänschwalde wird zukünftig hochkalorische Abfallstoffe von der Entsorgungs- und Verwertungsgesellschaft (EVG) Rostock mitverbrennen, um damit auch vor Ort die Braunkohlevorräte zu strecken (Norddeutsche Neueste Nachrichten, 02.02.2005). In Strenzfeld wurde ein Biomasseheizkessel für einen zweijährigen Pilotversuch der Landesanstalt für Landwirtschaft und Gartenbau (LLG) in Betrieb genommen (Mitteldeutsche Zeitung, 12.02.2005). Im Gebäude der LLG mit 310 qm Nutzfläche benötigt man anstatt 9.000 Liter Heizöl zum aktuellen Preis von rund 4.000 Euro nunmehr 22 Tonnen Getreide, für die man 2.000 Euro zahlt. Nach EU-Recht können neun Prozent der Anbaufläche nicht mit Nahrungs- und Futterpflanzen bewirtschaftet werden.

Neuland: Nach Ansicht von Alfred Geißler, als Vorstandsmitglied bei der IG BCE für die Bereiche Bergbau und Energiewirtschaft zuständig, gehören die von Lacoma und Heuersdorf vertretenen Argumente "ins Reich von Absurdistan". Der Verein "Für Heuersdorf" rief die Gewerkschaft dazu auf, ihre "Hetzkampagne" einzustellen (18.02.2005).

Sonne und Finsternis: Der Energiebeauftragte von Heuersdorf, Jeffrey Michel, hat gegenüber der Beratungsstelle der Mibrag eine Solaranlage mit 1,6 Kilowatt errichten lassen (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 17/18.02.2005). Er will aus der Ortschaft ein Solardorf machen. Am frühen Morgen des 16. Februar haben Unbekannte die Werkstaat des Heuersdorfer Autoschlossers Eckhard Schramm ausgeraubt.