28. August 1997 Nr. 17

Zukunftsrechnungen

Im Hinblick auf die Weltklimakonferenz am 02. - 13. Dezember in Kyoto (Japan) fordert der Leiter der Internationalen Energie-Agentur (EIA), Robert Priddle: "Die Marktpreise müssen die tatsächlichen Kosten widerspiegeln" (Mitteldeutsche Zeitung, 24.05.1997, S. W1). Doch Sachsens Finanzminister hat die Kosten der Braunkohle übersehen, als er vergangenes Jahr erneuerbare Energien mit dem fünffachen Preis des Kraftwerks Lippendorf veranschlagte (s. Rückblende).

Nach Einbeziehung des Brennstoffpreises steht aber die Windkraft für den sächsischen Umwelt-Staatssekretär Dieter Reinfried schon "an der Schwelle zur Wirtschaftlichkeit" (Leipziger Volkszeitung, 30.04.1997, S. 4). Erneuerbare Energien erfüllen auch den Anspruch unmittelbarer Kostentransparenz, während die ökologischen Nachwirkungen der Braunkohlenutzung über viele Generationen andauern. Das Einsparen bleibt weiterhin die sauberste und innovationsreichste Energieform.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Einsparen oder erzeugen?: Die Stadtwerke Heidelberg haben in ihrem Versorgungsgebiet ein Stromeinspar- und Stromsubstitutionspotential von 33 % ermittelt (IRP inform, Juni 1997, S. 1). Anstelle einer ressourcenschonenden Energiepolitik soll mit der Heuersdorfer Braunkohle zukünftig ca. 0,2 % der deutschen Bruttostromerzeugung bestritten werden. Der vom Bund für Natur und Umweltschutz Deutschland (BUND) errechnete Stromverbrauch sämtlicher deutschen Standby-Schaltungen (21 Milliarden Kilowattstunden) entspricht der 1,7fachen Kapazität des Neubaukraftwerks Lippendorf (BUND-Pressemitteilung 54, 30.07.1997).

Vorübergehender Tiefststand: Die sächsische Braunkohleförderung betrug 1996 ca. 30 Millionen Tonnen und ging damit im Vergleich zu 1995 um 9 Millionen Tonnen zurück (Leipziger Volkszeitung 15.08.1997, S. 4). Die Fördermengen im Leipziger Südraum (5,7 Millionen Tonnen 1996) sollen bis 2000 fast wieder verdoppelt, die Zahl der Bergarbeiter aber von 672 auf weniger als 500 abgebaut werden (Mibrag Pocket Info ‘96, S. 22; Mibrag Zahlen und Fakten 1996, S. 14; Heuersdorf Aktuell Nr. 10).

Weitere Indizien für Klimaerwärmung: In den vergangenen drei Jahrzehnten haben die meisten Vögel in England ihre Brutzeit um durchschnittlich 9 Tage vorverlegt (Welt am Sonntag, 17.08.1997, S. 11) . Seit 1978 hat die Gesamtfläche des Meereises im arktischen Ozean um mehr als 5 % abgenommen (Der Spiegel, 18.08.1997, S 161). Der ehemalige Chefredakteur von "Natur", Dirk Maxeiner, führt die Erwärmung der Erdatmosphäre auf den Einfluß der Sonnenzyklen zurück (vgl. Die Zeit, Nr. 31, 32, 33, 35/1997). Die Strahlungszunahme infolge von Sonnenflecken übersteigt jedoch - nach dem heutigen Kenntnisstand - "nicht den Bereich einiger Promille" (Neues Deutschland, 21.08.1997, S. 3).

Aktion gegen Gemeindereform: Der Sächsische Gemeindebund will die erforderlichen 40 000 Unterschriften für einen Volksantrag gegen die derzeit laufende Gebietsreform sammeln (Leipziger Volkszeitung, 15.08.1997, S. 4).

Klageschrift in Vorbereitung: Gegen das Braunkohlegrundlagengesetz (vgl. Heuersdorf Aktuell Nr. 15) wird die Brandenburger Gemeinde Horno im September eine Verfassungsklage einreichen (Leipziger Volkszeitung, 18.08.1997, S. 5). Die Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) stellt dennoch nach Angabe des Umsiedlungsverantwortlichen Detlev Dähnert "einen familiengerechten, angemessenen Neubau ohne Neuverschuldung" in Aussicht.

Investiver Schwerpunkt: Für Gunthard Bratzke, Leiter des Instituts für Strukturpolitik und Wirtschaftsförderung in Halle, wird die mitteldeutsche Region "zu den Gewinnern zählen" (Die Zeit, 35/1997, S. 15). "Im Dreieck Halle, Leipzig, Dessau sind zur Zeit fünfzig Investitionsvorhaben mit jeweils mehr als hundert Millionen Mark in der Planung. Das wird Wirkung zeigen".

Lippendorfer Eigentümer fusionieren: Dem Zusammenschluß der Badenwerk AG mit der Energie-Versorgung Schwaben AG wurde von den Aktionären zugestimmt (Leipziger Volkszeitung, 22.08.1997, S. 7; Heuersdorf Aktuell Nr. 8). Die Badenwerk ist an zwei umweltfreundlichen Holzhackschnitzelkraftwerken in Baden-Baden und Mühlheim beteiligt (Badenwerk Aktionärsbrief 2/97, S. 7). Mit der zukünftigen Energie Baden-Württemberg (EnBW) sei jedoch nach Ansicht von Bündnis 90/Die Grünen die Chance vertan worden, ein Dienstleistungsunternehmen für die Ziele des Klimaschutzes und der Einsparung zu gründen(Frankfurter Allgemeine Zeitung, 22.08.1997, S. 4). Ministerpräsident Erwin Teufel kündigte an, die Privatisierung der Landesanteile von ca. 25 Prozent solle "in besonnener Weise vorbereitet" werden.

Rückblende

Prof. Dr. Georg Milbradt, Sächsischer Staatsminister der Finanzen, am 28.03.1996 im Sächsischen Landtag: "Zur Denkschrift ‘Rettet die Region Heuersdorf' möchte ich zunächst darauf hinweisen, daß nach dem derzeitigen technologischen Stand der Ersatz der Kapazität eines Kraftwerkes in Lippendorf durch erneuerbare Energien mindestens fünffach höhere Investitionen (die Braunkohlekosten bleiben dabei unberücksichtigt) erfordern würde, die - das will ich ganz deutlich sagen - entweder über Subventionen oder wahrscheinlich vom Verbraucher über höhere Preise zu bezahlen wären. Die Konsequenz, die sich daraus für den Standort Sachsen ergeben würde, liegt auf der Hand... Im Kraftwerk Lippendorf werden während des Betriebs ca. 300 Arbeitsplätze zur Verfügung stehen, al so dauerhaft. Hinzu kommen weitere 4 500 Arbeitsplätze im Braunkohletagebau sowie in den Zulieferbetrieben, vorrangig innerhalb der Region, auch auf Dauer... Ein Großteil der Aufträge dieses Kraftwerks, insbesondere die Bauleistungen, werden in den neuen Bundesländern verbleiben". (Die Bauarbeiter kommen in der Mehrzahl aus anderen europäischen Staaten.)

Dr. Michael Seidel, Hauptreferent, Verband Kommunaler Unternehmen (VKU), notierte in der Zeitung für kommunale Wirtschaft, 6/1997, S. 6: "Gefragt, wie denn bei den beabsichtigten Änderungen des energiewirtschaflichen Ordnungsrahmens sichergestellt werden könne, daß nicht reine Energiepreise, sondern Energiedienstleistungen in den Wettbewerb eintreten, gab (Bundesumwelt-)Ministerin Merkel kürzlich in einer Diskussion mit Umweltexperten mit entwaffnender Unbekümmertheit zu, über diese Frage noch nicht nachgedacht zu haben".