27. Dezember 2005 Nr. 175

Überhaupt nicht gebohrt?

Wie die Schweriner Volkszeitung (07.12.2005) berichtet, wird in Mecklenburg-Vorpommern die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) in Kürze ihre Erkundungsarbeiten einstellen müssen. Nach einer Sitzung des Landeskabinetts wurde bekannt, dass die bisher bis zum Jahresende 2005 befristetete Aufsuchungserlaubnis nicht verlängert werden soll.

Die Bürgermeisterin von Lübtheen, Ute Lindenau, stellte dazu erleichtert fest: "Ein Kohleabbau in der Region würde mehr Arbeitsplätze vernichten als neue geschaffen würden." Das ist ebenfalls der Standpunkt von Heuersdorf, was durch die niedrigeren Arbeitslosenquoten in den stillgelegten Braunkohlegebieten um Bitterfeld und anderswo untermauert wird. Es kann verlässlich ausgeschlossen werden, dass sich dort irgendwelche Menschen einen neuen Tagebau wünschen.

Im Leipziger Südraum wird hingegen jede vergleichende Arbeitsstatistik von Politik und Gewerkschaft unterschlagen. In dieser Braunkohlenregion scheint nur noch ein alter Spruch zu gelten: "Wenn man lediglich einen Hammer als Werkzeug hat, sieht die Welt so aus, wie wenn sie nur aus Nägeln bestünde."

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Heiße Höhenluft: Eine Gruppe von Greenpeace-Aktivisten ist auf einen Kühlturm des Braunkohlekraftwerks Neurath geklettert und hat dort in einer Höhe von 120 Metern ein Transparent mit der Aufschrift "Kohlendioxid kills - Stoppt Klimakiller RWE" entfaltet (Pressemitteilung 06.12.2005). Die RWE AG sei mit 85 Millionen Tonnen Kohlendioxid pro Jahr Europas größter Verursacher von Treibhausgasen.

"Peak coal": Steigt der Kohlebedarf um zwei Prozent pro Jahr, sind nach Erkenntnis des amerikanischen Kongressmitglieds Roscoe Batlett die weltweiten Vorräte in 85 Jahren erschöpft (Rigzone, 07.12.2005). Wird die Kohle zudem als Erdölersatz zur Herstellung von Kraftstoffen verflüssigt, verringert sich die Zeit der Verfügbarkeit um weitere 50 Jahre.

Preisbewusst: Nach Auskunft des Verbands der Elektrizitätswirtschaft (VDEW) hat seit der Marktöffnung 1998 ein Drittel aller Haushalte den Anbieter mindestens einmal gewechselt oder den Stromtarif ändern lassen (Frankfurter Rundschau, 10.12.2005).

Kohlefreis Mecklenburg: Der Kreistag Ludwigslust hat sich einstimmig gegen weitere Bohrungen und Erkundungen nach Braunkohle im Lübtheener Bereich durch die Mibrag gewandt (Ludwigsluster Tageblatt, 10.12.2005; s. Heuersdorf Aktuell Nr.165, 168, 169, 170, 173). Die Abgeordneten beschlossen zugleich mehrere Maßnahmen, um die Region möglichst dauerhaft vor einem Braunkohleabbau zu bewahren. Für Landrat Rolf Christiansen gehe es bei dieser Entscheidung darum, ob ein Konzern über das Schicksal einer Region entscheide oder doch eine Landesregierung in enger Abstimmung mit den Menschen.

Wider den Koalitionsvertrag: Nach Aussage von Bundeswirtschaftsminister Michael Glos wird bei der Stromversorgung "auch in Zukunft die Kernkraft eine wichtige Rolle spielen müssen" (Die Tageszeitung taz, 12.12.2005).

Wohnort an der Kippe: Der Heuersdorfer Ortschaftsrat hat durch Laboruntersuchungen belegt, dass das vorgesehene Umsiedlungsgebiet "Am Wäldchen" in Regis-Breitingen hochgradig verseuchte Erde enthält (Pressemitteilung, 14.12.2005; BILD, 15.12.2005; Leipziger Volkszeitung, Borna/Geithain, 16.12.2005; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 164, 165, 168, 171, Dokumentation). Das Landratsamt Leipziger Land wurde um Informationen über etwaige Sanierungsuntersuchungen sowie einen Sanierungsplan gebeten. Nach Angabe des Vorsitzenden der Geschäftsführung, Bruce P. De Marcus, ist sich die Mibrag dennoch "der Verantwortung für die Gestaltung einer lebenswerten Landschaft nach dem Bergbau bewusst" (Volksstimme, 16.12.2005).

Nachklang: Der Stadt Regis-Breitingen kommen als Rechtsnachfolgerin der Gemeinde Heuersdorf Anwaltskosten für die im November verlorene Normenkontrollklage um geschätzte 17.000 Euro zu (Leipziger Volkszeitung, Borna/Geithain, 17./23.12.2005; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 174). Stadtrat Andreas Gey hat auf den Erlös aus dem Verkauf kommunaler Grundstücke in Heuersdorf an die Mibrag verwiesen, der weit über dieser Summe liegen würde. Vereinsvorsitzender Bernd Günther bestätigte indes, dass die Heuersdorfer im Hinblick auf das Umsiedlungsbegehren der Mibrag "nicht auf gepackten Koffern" sässen. Beim Entschädigungsangebot würden "die immateriellen Werte, wie der Verlust von Heimat und eigener Geschichte - die ja auch konkret an den Ort geknüpft ist - ignoriert". Laut einer Reportage der Leipziger Volkszeitung und der Lausitzer Rundschau (24.12.2005) fand in diesem Jahr die letzte Weihnachtsandacht in Heuersdorf statt. Die Emmauskirche und die Taborkirche sollten 2006 entweiht und nicht wiederaufgebaut werden. (Pfarrer Thomas Krieger distanzierte sich am Heiligabend von dieser Meldung.)

Dokumentation

Für Heuersdorf e. V., "Heuersdorf verlangt Aufklärung über mögliche Schadstoffbelastungen 'Am Wäldchen'", 14.12.2005: "In einem Schreiben an Sachsens Wirtschaftsminister Jurk hat der Ortschaftsrat darauf hingewiesen, dass die Mibrag im Zusammenhang mit dem Baugebiet 'Am Wäldchen' ihre Verpflichtungen aus dem von ihr mit der Staatsregierung abgeschlossenen 'Heuersdorf-Vertrag' nicht erfüllt. Denn dort heißt es im Paragraf 3, Absatz 2, dass für Umsiedlungsstandorte unverritzte und altlastenfreie Flächen angeboten werden. Beides ist 'Am Wäldchen' nicht gegeben."