31. März 2008 Nr. 183

Phyrrussieg

Die Heuersdorfer Emmauskirche ist mit einem von der Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) erbrachten Aufwand von über drei Millionen Euro von seinem 750jährigen Standort nahe des Tagebaus Vereinigtes Schleenhain in die 12 Kilometer entfernte Stadt Borna transportiert und dort restauriert worden (Leipziger Volkszeitung, Borna/Geithain, 25.03.2008). Zur bleibenden Erinnerung an das Ereignis sind Bildbänder, eine CD mit Orgelmusik von beiden Kirchen, einen Faltplan mit der Umzugsroute sowie T-Shirts erhältlich (Amtsblatt Landkreis Leipziger Land, 21.12.2007).

Zur Wiedereinweihung der Kirche fragte Heuersdorfer Pfarrer Thomas Krieger jedoch kritisch an: "Was kommt nach der Kohle? Wir können unseren Kindern schließlich keine Steine hinterlassen statt Brot" (Leipziger Internet Zeitung, 22.03.2008; s. Zitierfähiges).

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Großputz: Der Bundestagsabgeordnete von Bündnis 90/Die Grünen, Peter Hettlich, arbeitet an einer Novelle des Bundesberggesetzes (Mitteldeutsche Zeitung, 05.01.2008). Da das aus der NS-Zeit stammende Bergrecht (s. Dokumentation) weder Rücksichtnahmen auf das Eigentum noch den Umweltschutz kenne, werden Interessen der Bürger dem (behaupteten) Allgemeinwohl untergeordnet.

Argumente überzeugen: Nach Aussage von Brandenburgs Ministerpräsidenten Matthias Platzeck, nutzt es "der Klimaentwicklung nicht, wenn wir die beiden Braunkohlekraftwerke bei uns in der Lausitz abschalten," die aber dann "sofort anderswo auf der Welt ersetzt werden" (Märkische Allgemeine, 29.12.2007). Man habe "einen technologischen Vorsprung, der dazu genutzt werden soll, Braunkohle CO2-arm zu verstromen, das Kohlendioxid abzuscheiden und sicher zu lagern". Die in Brandenburg im vergangenen Herbst gestartete Volksinitiative "Keine neuen Braunkohletagebaue - für eine zukunftsfähige Energiepolitik" hat bereits die erforderliche Mindestmenge von 20.000 Unterschriften überschritten (Liga Libell, 29.02.2008; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 182). Die Unterschriftslisten werden am 05. Mai dem Brandenburger Landtagspräsidenten übergeben. Erfolgt darauf kein Landtagsbeschluss über den angestrebten mittelfristigen Ausstieg aus der Braunkohle, müssen sich für ein anschließendes Volksbegehren innerhalb von vier Monaten 80.000 Bürger auf den Einwohnermeldeämtern eintragen.

Fremdes Glockengeläut: Nachdem die 1258 erbaute Heuersdorfer Emmauskirche Ende Oktober 2007 auf Spezial-Lkw nach der Stadt Borna transportiert worden ist (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 182), nimmt deren Erhaltung nun nach Meinung von Landeskonservatorin Rosemarie Pohlack "mehr als symbolische Bedeutung" ein (Lausitzer Rundschau, 20.03.2008). Anhand der Kirche werde Geschichte authentisch gezeigt (nicht aber die jahrelange Drangsalierung der Heuersdorfer). Bei der Einweihung am Ostermontag wurde wegen des begrenzten Platzangebots der Gottesdienst auch in die benachbarte St. Marien-Kirche übertragen. Bis Ende des Jahres sollen alle Heuersdorfer den Ort verlassen haben.

Eigentor: Der Industrieverband der deutschen Braunkohleindustrie DEBRIV hat einen weltbekannten US-Klimaexperten ohne dessen Wissen für seine Anzeigenkampagne "Braunkohle. Was liegt näher?" genutzt (Der Klimalügendetektor, 30.03.2008). Professor Robert Socolow von der Universität Princeton bestätigte auf Anfrage: "Ich wurde nicht von der deutschen Kohle-Industrie interviewt." Der Bau neuer Kohlekraftwerke wird von ihm auch nicht befürwortet, "wenn sie keine CO2-Abscheidetechnik besitzen und es keinen verlässlichen Plan zur Lagerung des Kohlendioxids gibt." In Deutschland wird diese Technik frühestens ab 2020 kommerziell einsatzbereit sein.

Teures Pflaster: Gemäß einer Erhebung des Stromportal Verivox liegen in der Stadt Leipzig die Verbrauchsrechnungen für Strom und Gas auf dem höchsten Niveau in ganz Deutschland (Leipziger Volkszeitung, 31.03.2008). (Leipzig steht in Sichtweite des Kraftwerks Lippendorf. Die dort verwendete Braunkohle, für deren Gewinnung die Ortschaft Heuersdorf abgebaggert wird, ist laut Begründung zum Heuersdorf-Gesetz "langfristig kalkulierbar".)

Zitierfähiges

Thomas Krieger, Pfarrer von Heuersdorf, 31. Oktober 2007: "Die Emmauskirche ist ein Trostpflästerchen, ja und das ist schön! Aber eben nur ein Plästerchen auf einer riesigen Wunde."

Dokumentation

Rolf Brüning, "Ist das Bergrecht zeitgemäß?", 2007: "Insbesondere die Zeit des Nationalsozialismus hat das heutige Bergrecht geprägt. Angesichts der deutschen Autarkiebestrebungen und zur Vorbereitung auf die Kriegswirtschaft erfolgten zahlreiche Gesetzesänderungen, die die Zugriffsmöglichkeiten des Deutschen Reichs auf die Bodenschätze extrem ausweiteten.

" 1934 Lagerstättengesetz / Erdölförderung

" 1935 Gesetz zur Überleitung des Bergwesens auf das Reich

" 1936 Gesetz zur Erschließung von Bodenschätzen (Betriebe mussten auf Anordnung des Deutschen Reiches aufrechterhalten werden).

" 1937 Verordnung über den Zusammenschluss von Bergbauberechtigten (ein zwangsweiser Zusammenschluss war nun möglich).

" 1938 Verordnung über die Zulegung von Bergwerksfeldern (die Überschreitung von Feldesgrenzen war aus wirtschaftlichen Gründen möglich).

" 1942 Gesetz über den Aufbau der Reichsbergbehörden (die Bergbehörden wurden zu Reichsbergbehörden)."