28. Juli 2008 Nr. 184

Abgezockt

Die unfreiwillige Umsiedlung der Heuersdorfer Bevölkerung soll nun nach Aussage der Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) bis Februar 2009 abgeschlossen werden (Pressemitteilung 09.07.2008; s. Dokumentation). Für Heiner Krieg, kaufmännischen Geschäftsführer des Unternehmens, werde sie "nach fast 15 Jahren durch die Bemühungen engagierter Verantwortlicher in der Region sozialverträglich und einvernehmlich beendet werden können".

In Wirklichkeit hat die Mibrag in zahlreichen Fällen finanzielle Kompromisse bei den gewährten Entschädigungsleistungen erzwungen. Denn das geltende Bundsberggesetz hätte eine noch niedrigere Abfindungssumme zugelassen. Viele Familien mussten daher einen Baukredit zur Bewerkstelligung ihrer Umsiedlung aufnehmen (Der Sonntag, 28.06.2008). Das naturnahe und kulturhistorische Lebensumfeld in Heuersdorf geht ihnen ohnehin für immer verloren.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Abrechnung: Wegen der Verfeuerung der CO2-belasteten Braunkohle in den veralteten betriebseigenen Kraftwerken Deuben, Mumsdorf und Wählitz wird die Mibrag in diesem Jahr beim EU-Emissionshandel voraussichtlich 30 Millionen Euro für den Zukauf von CO2-Zertifikaten zahlen (Mitteldeutsche Zeitung, 18.04.2008). Sollte mit der Bundesregierung keine (bislang abgelehnte) Härtefall-Regelung vereinbart werden können, sind nach Erkenntnis von Betriebsratsvorsitzender Roswitha Uhlemann 350 Arbeitsplätze in den betriebseigenen Kraftwerken und weitere 600 in den Tagebauen gefährdet. Für Hauptgeschäftsführer Joachim Geisler ist die Mibrag trotzdem "ein sehr stabiles Unternehmen, das alle Herausforderungen der Zukunft bewältigen kann".

Kohleopfer: Während die historische Heuersdorfer Emmauskirche im vergangenen Jahr mit einem Aufwand von drei Millionen Euro nach der Stadt Borna umgesetzt wurde (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 182, 183), soll nach dem Abschluss der Umsiedlung Anfang 2009 die (aus dem 19. Jahrhundert stammende) Taborkirche abgebrochen werden (Der Sonntag, 28.06.2008).

Kohlevorrang: Die Volksinitiative gegen neue Tagebaue in der Lausitz ist vom Landtag Brandenburg abgelehnt worden (ddp, 10.07.2008; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 182, 183). Vertreter der Volksinitiative hatten bis Mai 26.574 Unterschriften gesammelt. Die Linke, Bündnis 90/Die Grünen und einige Umweltverbände wollen nun ein Volksbegehren einleiten.

Spätzünder: Bei der Vorlage eines "Aktionsplans Klima und Energie des Freistaates Sachsen" hat der Staatsminister für Wirtschaft und Arbeit, Thomas Jurk, Entwicklung, Herstellung und Betrieb von Anlagen für die Nutzung erneuerbarer Energien als "Arbeitplätze mit Zukunft" bezeichnet (Leipziger Internet-Zeitung, 11.07.2008)

Mehr Kohle: Die Stadtwerke Chemnitz haben einen Liefervertrag mit der Mibrag für 1,3 Millionen Tonnen Rohbraunkohle pro Jahr ab 2010 bis 2019 geschlossen (Pressemitteilung 21.07.2008) Die (seit 2004 unterbrochene) Lieferung erfolgt aus dem Tagebau Profen per Bahn nach Chemnitz (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 160). Ein führender Industriegasproduzent untersucht die stoffliche Verwertung der Braunkohle als Erdgasersatz, zu deren Umsetzung mindestens 2,5 Millionen Tonnen Braunkohle pro Jahr zusätzlich gefördert werden müssten (Leipziger Volkszeitung, 22.07.2008). Das (bereits mehrfach aufgeschobene) Neubaukraftwerk Profen "könnte" nun im Jahre 2015 ans Netz gehen (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 151, 169, 177, 180).

Flüchtige Klimagase: Das in den USA bislang größte Projekt für ein Kohlekraftwerk mit CO2-Abtrennung wurde in Tonawanda im Bundesstaat New York aufgegeben (The Buffalo News, 20.07.2008, Hamburger Abendblatt, 23.07.2008). Der vom Stromversorger NRG Energy (zu 50 Prozent Eigentümer an der Mibrag) geplanten Anlage mit 680 MW wurden staatliche Subventionen und Stromabnahmegarantien wegen der " finanziellen und umweltrechtlichen Risiken" entzogen. Die erste Pilotanlage der Vattenfall AG mit CO2-Abscheidetechnik und 30 MW wird nun am 08. September in Schwarze Pumpe in Betrieb gehen (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 181). Bis 2015 sollen eine Demonstrationsanlage mit 300 bis 600 MW und bis 2020 ein weistestgehend CO2-freies Kraftwerk mit Leistung 1000 MW errichtet werden (dpa, 22.07.2008). Es ist außerdem beabsichtigt, das geplante Steinkohlekraftwerk Moorburg in Hamburg später mit einer entsprechenden Technik nachzurüsten.

Mehr Ökostrom: Rund 45 Kilometer vor der ostfriesischen Insel Borkum beginnen die Arbeiten für zwölf Windenergieanlagen auf hoher See (Die Welt, 26.07.2008). Bei dem vom Bundesumweltministerium geförderten Pilotprojekt "Alpha Ventus" von EWE, E.on und Vattenfall sollen Erfahrungen für den Bau von Offshore-Windparks gesammelt werden. Die Harzer Gemeinde Dardesheim in Sachsen-Anhalt erzeugt mit 28 Windrädern das 30- bis 40fache des eigenen Strombedarfs (Volksstimme, 26.07.2008). Ein Drittel der benötigten Elektroenergie wird bereits mit Photovoltaikanlagen auf den Ortsdächern produziert.

Dokumentation

Mibrag-Angaben zu den geschlossenen Umsiedlungsstandorten, Stand 09.07.2008:
"Am Wäldchen" in Regis-Breitingen: Gesamtfläche 7 Hektar, Grundstücksgrößen zwischen 600 und 1.300 Quadratmetern, Wohngebiet für 42 Heuersdorfer.
"An der Kirschallee" in Regis-Breitingen, Ortsteil Hagenest: Gesamtfläche, 3,9 Hektar, Grundstücksgrößen zwischen 400 bis 2.500 Quadratmetern, Wohngebiet für 23 Heuersdorfer.
"Wolfslückenweg" in Frohburg: Gesamtfläche 3,7 Hektar, Grundstücksgrößen zwischen 500 und 1.100 Quadratmetern, Wohngebiet für 19 Heuersdorfer.

Isabella Peißker, "Recherchetag zur Umsiedlung von Heuersdorf", Blickpunkte, 25.07.2008: "Rückblickend haben MIBRAG und Gala-MIBRAG-Service GmbH über ihre Verpflichtungen hinaus im eigenen Ermessen alles daran gesetzt, um den Heuersdorfern eine möglichst sorgenfreie Umsiedlung zu gewährleisten (...)."