12. September 2008 Nr. 186

Zweierlei Wege

Der tschechische Stromkonzern CEZ hat in Rumänien die Windparkprojekte Fantanele und Cogealac mit einer Gesamtleistung von 600 Megawatt von der Continental Wind Partners LLC übernommen (Pressemitteilung, 27.08.2008). Diese Maßnahme wirkt dem Preisanstieg in der Tschechischen Republik für Strom aus der CO2-belasteten Braunkohle entgegen (Planet Ark, 28.08.2008).

In Deutschland wird die Entwicklung von Kraftwerken mit CO2-Abscheidung verfolgt. Wegen erheblicher Wirkungsgradeinbußen könnten aber dadurch die heimischen Braunkohlereserven im erhöhten Tempo aufgebraucht werden.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Sportmuffel: Der Sportverein Heuersdorf 1920 e. V. fordert von der Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) die Errichtung einer neuen Sportstätte (in Erfüllung von § 7 des Heuersdorf-Vertrags) am Ersatzstandort Frohburg (Leipziger Volkszeitung, Borna/Geithain, 16.08.2008). Das Unternehmen wehrt sich gegen diese Forderung, weil es "keinen gemeinsamen Umsiedlungsort für alle Heuersdorfer gibt" (was maßgeblich auf die Zersetzung der Dorfgemeinschaft durch die Mibrag zurückzuführen ist).

Anhaltender Rückstand: Beim jüngsten Vergleich des Berlin-Instituts für Bevölkerung und Entwicklung kam (das Braunkohleland) Sachsen-Anhalt unter 285 Gebieten in 27 EU-Ländern auf Platz 241 und ist damit mit entlegenen Regionen in Rumänien, Bulgarien, Polen und Süditalien vergleichbar (Der Tagesspiegel, 21.08.2008).

Ökologischer Abgesang: Nach Erkenntnis von Matthias Michel, Vorstandsmitglied der Grünen Jugend Brandenburg, ist aufgrund des von der Braunkohle mitverursachten Klimawandels "mit einem großen Verlust der Artenvielfalt in der Tier- und Pflanzenwelt zu rechnen", der bei "25 - 30% in den nächsten Jahrzehnten" liegen dürfte (Pressemitteilung, 28.08.2008).

Sonnenreicher Südraum: Die TPN-Mitteldeutsche Anlagen Leasing AG will auf minderwertigen landwirtschaftlichen Nutzflächen in Kahnsdorf (Gemeinde Neukieritzsch) einen Solarpark mit 5 Megawatt Leistung errichten (Leipziger Volkszeitung, Borna/Geithain, 28.08.2008). Durch ein Verbundprojekt sollen Bauten rings um die Witznitzer Seen über regenerative Energien ohne die Nutzung fossiler Brennstoffe versorgt werden.

Sonderrechte statt Verantwortung: Bei der Grundsteinlegung für das 1.600 Megawatt RWE-Steinkohlenkraftwerk in Hamm in Anwesenheit von Bundeskanzlerin Angela Merkel verlangte Vorstandsvorsitzender Jürgen Großmann, den Emissionshandel so zu gestalten, dass "hocheffiziente Neubaukraftwerke" eine kostenfreie Zertifikate-Zuteilung auf Basis kohlespezifischer Benchmarks erhalten (Pressemitteilung, 29.08.2008). Die Vorschläge der EU-Kommission für die Ausgestaltung des Emissionshandels ab 2012 würden eine erhebliche Belastung für die Unternehmen und die Wirtschaft in Deutschland bedeuten. Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) verwies auf weitere 11 Braun- und Steinkohlekraftwerke in Bau oder Planung allein in Nordrhein-Westfalen, die unter Berücksichtigung aller unverbindlichen Stilllegungspläne für Altanlagen pro Jahr netto bis zu 40 Millionen Tonnen Kohlendioxid zusätzlich emittieren würden (Pressemitteilung, 29.08.2008). Der geplante Bau eines 450 MW-Braunkohlenkraftwerks mit CO2-Abscheidung in Herne sei eine "Luftnummer" (s. Dokumentation). Für den Bundesverband Bürgerinitiativen Umweltschutz (BBU) ist diese Technologie "nicht humanverträglich", da das plötzliche Austreten von CO2 das Leben der Anwohner erheblich gefährden würde.

Pipeline ins Nirgendwo: Nach Aussage von RWE-Dea-Vorstandssitzendem Georg Schöning soll bald ein Raumordnungsverfahren für eine Pipelinetrasse eingeleitet werden, um jährlich 2,6 Millionen Tonnen CO2 aus dem rheinischen Braunkohlerevier nach Norddeutschland zu leiten und es dort in mehr als 1000 Meter Tiefe zu speichern (Rheinische Post, 30.08.2008). Das Wirtschaftsministerium von Schleswig-Holstein zeigte sich über die Ankündigung von RWE "überrascht", die in dieser Form "nicht zwischen uns abgestimmt" worden sei. Die Kieler SPD-Landtagsfraktion lehnt es ab, "Kohlendioxid aus Kohlekraftwerken anderer Bundesländer einzulagern" (Pressemitteilung, 01.09.2008)."Unser Land ist nicht die Kohlendioxid-Müllkippe Deutschlands“, wurde von der Fraktion betont.

Klimaprotest rechtens: Sechs Aktivisten der Umweltorganisation Greenpeace wurden in Großbritannien wegen der Beschriftung eines Kraftwerksschornsteins in Kingsnorth vom Vorwurf der Sachbeschädigung freigesprochen (Pressemitteilung, 11.09.2008; The Guardian, 12.09.2009). Das Geschworenengericht stufte die Aktion als entschuldbaren Schutz ("lawful excuse") eines höheren Gutes ein. Der als Zeuge geladene James Hansen, Direktor des "Goddard Institute for Space Studies" der NASA, verwies auf die gefährlich überzogene Nutzung fossiler Brennstoffe. In der Folge dieses Urteils dürfte nun nach Meinung von Umweltverbänden der deutsche Betreiber E.on ein geplantes Neubaukraftwerk nicht mehr ohne CO2-Abscheidung zu Kosten von 500 Millionen Pfund errichten können.

Dokumentation

Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland, Landesverband Nordrhein-Westfalen, "BUND: RWE produziert Luftnummer", 29.08.2008: "Klar sei hingegen schon heute, dass der Wirkungsgrad eines Kraftwerks mit CO2-Abscheidung um mindestens 10 % sinkt, wodurch mehr Kohle gefördert werden muss. Dies sei damit unweigerlich mit weiteren, nicht hinnehmbaren 'Kollateralschäden' an Natur und Landschaft verbunden. Auch sei die Technik keineswegs CO2-frei. Bezogen auf die gesamte Prozesskette von der Abscheidung, über den Transport bis hin zur Verpressung in alten Gaslagerstätten oder salinaren Aquiferen steige sogar der Energieaufwand für eine Kilowattstunde Strom um bis zu 40 %. (...) Experten rechnen damit, dass die Abscheidung und Lagerung von 1 Tonne CO2 bis zu 40 Euro und mehr kosten könnte."