25. September 2008 Nr. 187

Optische Täuschung

Kaum hatte die Vattenfall Europe AG in Schwarze Pumpe die "weltweit erste" Pilotanlage zur CO2-armen Verbrennung von Braunkohle eingeweiht (Der Tagesspiegel, 07.09.2008), gab es gleich zwei Massendemonstrationen in Jänschwalde (Brandenburg) und in Großkrotzenburg (Hessen) gegen die Errichtung neuer Kohlekraftwerke (dpa, 13.09.2008). Diese Anlagen seien "die Sargnägel für die Klimapolitik in Deutschland", betonte der Vorsitzende des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND), Hubert Weiger.

Während nämlich das Abfangen von Kohlendioxid aus den Rauchgasen nur im Kleinmaßstab erprobt wird, sichern diese Versuche politische Rückendeckung für den Weiterbau von konventionellen Kraftwerken. Die globalen CO2-Emissionen aus der Kohlenutzung dürften deshalb in den kommenden zwei Jahrzehnten um fast die Hälfte wieder zunehmen.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Kohle im Glauben: Die 750-Jahr-Feier der (2007 umgesetzten) Emmauskirche wurde mit einem "Lauf der Hoffnung" von Heuersdorf nach Borna begangen (Leipziger Volkszeitung, Borna/Geithain, 12./13.09.2008). Die 66 Teilnehmer symbolisierten die 66 bergbaulich zerstörten Ortschaften im Leipziger Südraum. Die Kirche dient nach Meinung des sächsischen Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich als "Symbol für christliche Werte und ein gemeinsames Zusammenleben in Solidarität" und der "Erinnerung an die Geschichte Heuersdorfs, an die alle ehemaligen Bewohner dieses Ortes (die vor derlei Veranstaltungen größtenteils Abstand nehmen) in enger Verbundenheit zurückdenken" (Pressemitteilung, 14.09.2008). Nach Meinung des Bornaer Superintendenten Matthias Weismann soll die Emmauskirche "für den versöhnlichen Ausgang der Umsiedlungen" stehen (Der Sonntag, 20.09.2008). Ortsvorsteher Horst Bruchmann sieht hingegen keine Aussicht auf Versöhnung, weil die Heuersdorfer Bürger "zwangsgeräumt" worden seien. Die von der Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) erhaltene Entschädigungssumme für sein bisheriges Haus würde für den Neubau nicht reichen.

Abbruchstimmung: Die (Mitte des 19. Jahrhunderts errichtete) Heuersdorfer Taborkirche soll voraussichtlich am Ewigkeitssonntag, dem 23. November, entwidmet werden (Leipziger Volkszeitung, Borna/Geithain, 16.09.2008; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 175). Die Kirche wird dadurch zur weltlichen Verfügung gestellt und anschließend von der Mibrag abgerissen.

Koffer packen: Bis 2013 sollen in Trebendorf 175 Einwohner innerhalb der Gemeinde umgesiedelt werden, um den Braunkohleabbau in einem Teil des Ortes für das Vattenfall-Kraftwerk Boxberg zu ermöglichen (dpa, 17.09.2008; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 141, 144, 148, 150, 163). Ein gemeindeeigener Stiftungsfonds wird gebildet, um eine neue Dorfmitte mit Kita und ein Vereinshaus zu errichten und Renovierungsarbeiten auszuführen.

Ende der fetten Jahre: Bundesumweltminister Sigmar Gabriel hat den Entschluss der Bundesregierung bekräftigt, zur Verhinderung von "leistungslosen Extragewinnen" der Energiekonzerne ab 2013 alle zur Stromerzeugung benötigten CO2-Emissionszertifikate zu versteigern (Pressemitteilung, 18.09.2008). Durch den entsprechenden Ertragsrückgang bei den Vattenfall-Braunkohlekraftwerken drohen erhebliche Gewerbesteuerausfälle in den Lausitzer Städten Cottbus, Spremberg, Teichland, Boxberg und Weißwasser (Lausitzer Rundschau, 19.09.2008).

Hoffnung berechtigt: Auf einer Einwohnerversammlung der vom Lausitzer Braunkohlenabbau bedrohten Gemeinde Schenkendöbern verwies Europaabgeordnete Elisabeth Schroedter auf die im Vergleich zu Horno erschwerten Bedingungen für Bergbaubetreiber durch die von der EU vorgeschriebene Umweltverträglichkeitsprüfung (Lausitzer Rundschau, 19.09.2008; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 86, 123, 149, 165, 169). Im aktuellen Landesentwicklungsplan sei nach Angabe von Rechtsanwalt Thomas Rahner die Braunkohleplanung nicht enthalten.

Ehrwürdiges Alter: Mit Hilfe einer dendrochronologischen Untersuchung konnte das Holz im Dachgestühl der Heuersdorfer Emmauskirche nun auf das Jahr 1249 datiert werden (Leipziger Volkszeitung, Borna/Geithain, 20.09.2008). Die Kirchweihe fand 1258 statt.

Herzbube in Heuersdorf: Bei einer buntgemischten Konzertveranstaltung in der Heuersdorfer Taborkirche wurden Stücke für Flöte und Orgel von Gudrun und Martin Strohhäcker aus Dresden dargeboten (Leipziger Volkszeitung, 22.09.2008; Leipziger Internetzeitung, 23.09.2008; s. Zitierfähiges).Wolfgang Schwalm von den Wildecker Herzbuben löste mit seinen Trompetenstücken Begeisterungsstürme bei den Besuchern aus. Vom "Luftpostamt zu Heuersdorf" konnten Wünsche, Grüße, Gebete und Informationen über Heuersdorf mit Heliumballons in die Welt geschickt werden.

Abschied auf amerikanisch: Die jeweils zur Hälfte an der Mibrag beteiligten US-Konzerne NRG Energy, Inc. und URS Corporation wollen das Braunkohleunternehmen verkaufen (Leipziger Volkszeitung, 23.09.2008). Die beim EU-Emissionshandel gegebene Notwendigkeit am Jahresende zum Erwerb von CO2-Zertifikaten im Wert von ca. 30 Millionen Euro aufgrund von veralteter Technik in den drei betriebseigenen Kraftwerken Mumsdorf, Wählitz und Deuben soll diese Entscheidung maßgeblich herbeigeführt haben (Mitteldeutsche Zeitung, 24.09.2008; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 81, 120, 144, 146, 180, 182, 184). Nach Angabe von Uwe Bruchmüller, Bezirksleiter der Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), wurde die Verkaufsabsicht in der letzten Aufsichtsratssitzung nicht angesprochen.

Zitierfähiges

Thomas Krieger, Pfarrer von Heuersdorf, Leipziger Volkszeitung, 22.09.2008: "Mit ein klein wenig mehr politischem Willen hätte man Heuersdorf als einen Ort erhalten können, der uns daran erinnert, dass es Zeit wird umzudenken."