17. Oktober 2008 Nr. 188

Beginn einer neuen Ära

Noch im Frühjahr hat Hauptgeschäftsführer Joachim Geisler die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) als "ein sehr stabiles Unternehmen" bezeichnet, "das alle Herausforderungen der Zukunft bewältigen kann" (Mitteldeutsche Zeitung, 18.04.2008; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 184).

Seine Zuversicht wird aber nun von den drei betriebseigenen Kraftwerken in Mumsdorf, Wählitz und Deuben untergraben. Da die Braunkohleverfeuerung dieser museumsreifen Anlagen besonders hohe CO2-Emissionen verursacht, muss das Unternehmen bis Jahresende voraussichtlich 30 Millionen Euro für den Kauf von EU-Emissionszertifikaten aufwenden. Der aufzubringende Betrag liegt fast auf dem Niveau des üblichen Jahresgewinns. Mitteldeutschland ist durch diese Auflage immerhin in der internationalen Gemeinschaft angekommen, wo jede Belastung des Weltklimas etwas kosten soll.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Umbruchstimmung: Obwohl die Mibrag (nach einer nicht weiter bestätigten Meldung der Leipziger Volkszeitung; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 187) zum Verkauf angeboten wird, war die Belegschaft nach Angabe von Betriebsratschefin Roswitha Uhlemann zuvor nicht darüber informiert worden (Leipziger Volkszeitung, 24./25.09.2008). Heiner Krieg, der seit 1995 als kaufmännischer Geschäftsführer des Unternehmens und vor der Privatisierung als Hauptabteilungsleiter der Hauptverwaltung in Bitterfeld tätig war, ist nun unerwartet von seinem Posten zurückgetreten. In den von der Bergbauplanung bei Profen tangierten Orten Lützen, Röcken und Sössen haben die Bürgerinitiativen ihre Solidarität mit der Mibrag-Belegschaft bekundet und aber zugleich auf die Möglichkeit hingewiesen, die Arbeitsplätze durch eine Orientierung des Unternehmens hin zur Gewinnung und Veredlung umweltfreundlicher Energien zu sichern (Pressemitteilung, 26.09.2008; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 184).

Nachklang: In der Stadt Forst ist im Umsiedlungsgebiet von Horno ein sorbisches "Sprachlabor" eröffnet worden (dpa, 25.09.2008; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 81, 110, 136, 141,160, 162, 164). In der Dauerausstellung "Archiv verschwundener Orte" werden Besuchern akustische und optische Eindrücke von der sorbischen Sprache durch das Erlernen einzelner Worte und Redewendungen vermittelt. Seit 1922 sind in der Lausitz mehr als 136 Orte durch die Braunkohleförderung zerstört worden.

Straße der Auskohlung: Infolge der Ausweitung des Tagebaus Schleenhain wird mit der Zerstörung von Heuersdorf die Staatsstraße 50 nach Deutzen nach Süden verlegt (dpa, 25.09.2008). Für die drei Kilometer lange neue Route müssen zunächst 40 Fledermaus- und 20 Vogelnistkästen angebracht und vier besonders geschützte Orchideensorten umgesetzt werden.

Abgeltung für Klimabelastung: Der Umweltausschuss des EU-Parlaments hat sich auf die Regel geeinigt, dass ab 2013 alle für die Stromerzeugung benötigten CO2-Emissionsrechte versteigert werden sollen (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 08.10.2008).

Demokratisch gegen Klimawandel: Ein von 15 Partien und Organisationen initiiertes Volksbegehren in Brandenburg soll die Erschließung drei neuer Braunkohletagebaue verhindern (dpa, 08.10.2008). Können in den kommenden vier Monaten mindestens 80.000 Unterschriften gesammelt werden, muss sich der Landtag damit befassen. Entspricht der Landtag nicht binnen zwei Monaten dem Antrag, findet innerhalb vor drei weiteren Monaten ein Volksentscheid statt (www.landtag.brandenburg.de). Nach Erkenntnis des Landesvorsitzenden der Linken, Thomas Nord, sind zwölf Prozent der Brandenburger gegen die Braunkohleverstromung (Märkische Allgemeine, 09.10.2008). "Das sind 250.000 Bürger". Nach Angabe von Falk Hermenau, Koordinator des Volkbegehrens, lagern in den genehmigten Lausitzer Tagebauen noch 1,3 Milliarden Tonnen Braunkohle (Junge Welt, 10.10.2008). Wird die Kohleförderung schrittweise gesenkt, können sie bis 2050 betrieben werden. Die öffentliche Resonanz zum Beginn der Aktion wurde von der Tageszeitung Märkische Allgemeine (17.10.2008) als "verhalten" bezeichnet. Auf der Liste bei der Gemeindeverwaltung Niederer Fläming hätte es vorerst zwei Unterschriften gegeben, während sie in Jüterbog, Dahme und Niedergörsdorf noch leer blieben.

Betroffenheit hinter Gittern: In der Jugendstrafanstalt Regis-Breitingen befasst sich eine Arbeitsgruppe an Hand von Bildern aus Heuersdorf über die Gegensätze, die mit dem Verlust von Heimat einhergehen (Leipziger Volkszeitung, Borna/Geithain, 09.10.2008). Eine Besichtigung des Ortes durch einzelne Insassen wird inzwischen in Betracht gezogen.

Schritt zur Klimaentlastung: Die Vattenfall AG beabsichtigt, ab 2015 CO2-verminderten Strom in einem umgebauten Block des Kraftwerks Jänschwalde mit fortan 250 MW (der Hälfte der bisherigen Nennleistung) zu erzeugen und ins öffentliche Netz einzuspeisen (The Local, 15.10.2008).

Schuss nach hinten: Die am 16. Oktober vom Bundesumweltministerium ohne die sonst übliche Pressekonferenz veröffentlichte "Leitstudie 2008" zur Energieversorgung zeigt nach Erkenntnis von Greenpeace-Mitarbeiter Andree Böhling, dass viele der im Integrierten Energie- und Klimaschutzprogramm der Bundesregierung (IKEP) enthaltenen Ziele nicht zu erreichen seien (ngo-online, 17.10.2008). So werde die angestrebte Reduzierung des Stromverbrauchs um 11 Prozent bis 2020 verfehlt. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel solle deshalb aufhören, "den Menschen neue Kohlekraftwerke als gelebten Klimaschutz zu verkaufen". Die Gutachter vom Deutschen Institut für Luft- und Raumfahrt (DLR) halten vielmehr zusätzliche Klimaschutzmaßnahmen für erforderlich.

CO2 wirkt: Aus dem diesjährigen Arktisbericht der amerikanischen National Oceanic and Atmospheric Administration (NOAA) geht hervor, dass die Temperaturen in der Arktis derzeit um fünf Grad über dem Normalwert höher liegen (AP, 17.10.2008).