18. November 2008 Nr. 189

Zurückrudern zur Kernkraft

Die Brandenburger Bundestagsabgeordnete Cornelia Behm (Bündnis 90/Die Grünen) hat auf die Anschubfinanzierung in Milliardenhöhe hingewiesen, die nach Berechnung des Beratungsunternehmens McKinsey für die Entwicklung von Kohlekraftwerken mit Kohlendioxidspeicherung (CCS) notwendig wäre (Pressemitteilung 23.09.2008). Der Energieversorger Vattenfall habe indes signalisiert, für diese Summe nicht aufkommen zu wollen. Ein entsprechender staatlicher Zuschuss wäre eine verdeckte Förderung für die Braunkohle.

Entsprechende politische Zusagen sind bislang allerdings ausgeblieben. Nun schlägt aber der Energiekonzern RWE einen anderen Kurs ein. Sein neues Produkt "RWE ProKlima Strom 2011" wird zu 32 Prozent aus erneuerbaren Energien und zu 68 Prozent aus der Atomkraft gespeist (Swiss Press, 11.11.2008).

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Alte Liebe: Nach Ansicht von Sachsen-Anhalts Wirtschaftsminister Reiner Haseloff ist die Braunkohle stofflich zu hochwertig, um allein zur Stromerzeugung genutzt zu werden (Mitteldeutsche Zeitung, 24.10.2008). Unternehmen und Wissenschaftler haben deshalb in Halle ein Innovationsforum zur Erschließung neuer Nutzungsmöglichkeiten gegründet. Das Forum wird zunächst mit 85.000 Euro vom Bundesforschungsministerium unterstützt. Die (historisch bereits praktizierte) Verwertung von Braunkohle zu Paraffinen, Schmier- und Kraftstoffen sowie Synthesegas lohne sich bei einem Ölpreis über 100 Dollar pro Fass.

Braunkohle per Behördenauflage: Nach Einschätzung der Klima-Allianz Leipzig wird die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) von den US-Gesellschaftern URS Corporation und NRG Energy aufgrund hoher Kosten für Personal und CO2-Emissionen nunmehr zum Verkauf angeboten (Pressemitteilung 11.11.2008; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 185, 187, 188). Weil jedoch private Investoren dafür schwer zu finden sind, sollen sich nun auf Anordnung der Landesdirektion Leipzig (dem früheren Regierungspräsidium, das von Mibrag-Aufsichtsratsmitglied Walter Christian Steinbach geleitet wird) die Stadtwerke Leipzig, Halle und Dresden an der Mibrag beteiligen, um damit den Bau eines neuen Braunkohlekraftwerks in Profen zu unterstützen. Demgegenüber hat Vattenfall eine eigene Beteiligung an der Mibrag aus kartellrechtlichen Gründen ausgeschlossen (Mitteldeutsche Zeitung, 13.11.2008). Das Unternehmen sei jedoch am Neubau des Kraftwerks in Profen interessiert.

Kranke Mutter: Nachdem das Management des amerikanischen Energieunternehmens (und 50prozentigen Eigentümers der Mibrag) NRG Energy ein Übernahmeangebot des Mitbewerbers Exelon über 6,2 Milliarden Dollar als unzureichend abgelehnt hat, wendet sich dieser nun unmittelbar an die Aktionäre (Financial Times Deutschland, 12.11.2008; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 134, 147, 161, 184, 187, 188). Der Konzern will auf der nächsten NRG-Hauptversammlung eigene Vertreter in den Verwaltungsrat wählen lassen.

Nachhilfestunde: Die Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt und Brandenburg, Reiner Haseloff und Ulrich Junghanns, wurden beim Besuch der Pilotanlage zur Erforschung der Oxyfuel-Technik (zur Abscheidung des Treibhausgases Kohlendioxid) in Schwarze Pumpe von Vattenfall über die Perspektiven der "künftig klimafreundlichen Stromerzeugung aus Braunkohle" unterrichtet (Niederlausitz Aktuell, 12.11.2008). Nach Ansicht von Junghanns besteht weiterhin die Notwendigkeit zur Braunkohlenutzung, obwohl Brandenburg "laut einer Studie des DIW und des Zentrums für Sonnenenergie und Wasserstoffforschung bundesweit die Nase vorn bei den Erneuerbaren Energien" hat (Volksstimme, 17.11.2008). Bei einigen EU-Mitgliedsstaaten stoßen die hohen Kosten sowie die noch unerprobte Technik der CO2-reduzierten Kohleverbrennung auf Widerspruch (Bloomberg News, 17.11.2008). Nach Aussage von Dänemarks Ministerin für Umwelt und Energie, Connie Hedegaard, sollen Alternativen wie die erneuerbare Energietechnik, moderne Müllverbrennungsanlagen sowie Hybridfahrzeuge ebenfalls gefördert werden.

Abschied und Abriss: Die aus dem 19. Jahrhundert stammende Heuersdorfer Taborkirche wird am 23. November entwidmet, um kurz darauf abgebrochen zu werden (Leipziger Volkszeitung, Borna/Geithain, 18.11.2008; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 182, 183, 187, Zitierfähiges). Auf Initiative von Freunden der Gemeinde findet am vorherigen Tag eine Protestveranstaltung mit Vorträgen und musikalischen Darbietungen statt.

Zitierfähiges

Christian Führer, Pfarrer an der Leipziger Nikolaikirche, zur Taborkirche: "Ich finde es unerträglich, wenn Kirchen aus wirtschaftlichen, ideologischen oder militärischen Gründen gesprengt oder anderweitig zerstört werden."

Heinrich Magirius, ehemaliger Landeskonservator Sachsens, über den Architekten der Taborkirche, Ernst Wilhelm Zocher: "Da das Lebenswerk von Zocher durch Kriegszerstörungen, aber auch durch Besserwisserei von Architekten der Nachkriegsgeneration dezimiert ist, muss man den drohenden Verlust der Taborkirche besonders bedauern. Unter den sieben noch mehr oder weniger gut erhaltenen Kirchenbauten Zochers ist die Großhermsdorfer Kirche diejenige, die in ihrer maßvollen Schlichtheit am meisten von ihrem dörflichen Charakter bewahrt hat."

David Timm, Universitätsmusikdirektor aus Leipzig: "Es erscheint mir unfassbar und unverantwortlich, dass im Zeitalter der zunehmenden Nutzung regenerativer Energiequellen ein denkmalgeschütztes Dorf mitsamt einem intakten Kirchgebäude und einer lebendigen Kirchgemeinde der Braunkohle weichen soll."

Fulbert Steffensky, Theologe aus Hamburg: "Ich denke an die Menschen, die die Zerstörung der Taborkirche betrauern. Eine Kirche ist nicht nur aus Steinen gebaut. Wieviele Menschen haben daran gebaut, die ihre Träume eingewickelt haben in die alte Sprache der Psalmen!"