02. Dezember 1997 Nr. 21

Zukunftsmärkte

Zusammen mit politischen Vertretern aus Brasilien, Südafrika und Singapur rief am 12. Juni Bundeskanzler Helmut Kohl auf der UNO-Sondergeneralversammlung dazu auf, "die Jahre 2000 bis 2010 zur ‘Dekade der nachhaltigen Erzeugung und Nutzung von Energie' zu erklären". Die konsequente Umsetzung dieser Absicht würde die Devastierung von Heuersdorf überflüssig machen.

Das bayrische Umweltministerium setzt anstelle von Kernenergie auf "Einsparung und rationelle Ausnutzung von Energie sowie auf die schrittweise Substitution fossiler Energieträger durch erneuerbare Energieformen" (Schreiben vom 27.08.1997). China will seine CO2-Emissionen reduzieren (Deutschlandfunk, 29.08.1997). Wo bleibt aber eine ostdeutsche Einsparindustrie, um diese Märkte zu bedienen?

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Schutzklausel verlangt: Der Vorstandsvorsitzende der Vereinigten Energiewerke AG (Veag), Jürgen Stotz, fordert eine Festlegung der "Ausnahmefrist" für die ostdeutsche Braunkohle "bis 2006", um getätigte Investitionen zu verkraften (Lausitzer Rundschau, 17.10.1997, S. 5). "Wir wollen keine Bevorzugung, aber gleiche Bedingungen". Der Stromabsatz der Veag betrug 1996 ca. 49,8 Milliarden KWh. Bis Mitte 1998 soll über den Bau des zweiten 800-MW-Blockes in Boxberg entschieden werden. Nach Stillegung der 500-MW-Blöcke in Jänschwalde und Boxberg ab 2015 müsse auf andere Stromerzeugungsoptionen zurückgegriffen werden.

Wiederbelebung: Nach dem Betriebskonkurs (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 1, 15) wurde die Werkstoff-Union Lippendorf von der Siegener Stahlgruppe Winterhager übernommen. Ab Ende 1997 sollen 45 ehemalige Mitarbeiter wieder eingestellt werden (Leipziger Volkszeitung, 07.11.1997, S. 5). Ein energieintensives Stahlwerk werde es nach Angabe des Personalchefs Christoph Wagner "nicht mehr geben" sondern im wesentlichen nur einen Schmiedebetrieb.

Gerichtsvollzieher beim Solarpionier: Gegen die Forderung der Familie Jens Blochberger in Oberseifersdorf bei Zittau nach Fortsetzung der 1:1-Vergütung ihrer zu DDR-Zeiten errichteten Photovoltaikanlage (1,8 kWp) hat die Energieversorgung Sachsen Ost AG (ESAG) erfolgreich geklagt (Rundschreiben Solarenergiezentrum vom 03.11.1997). Für Kosten zum Auswechseln des Stromzählers wurde eine Zwangsvollstreckung verfügt.

Maßnahmen gegen übersäuerte Böden: Im sächsischen Erzgebirge werden in diesem Jahr ca. 120 000 Tonnen Kalk auf 33 000 Hektar Wald ausgestreut (Leipziger Volkszeitung, 06.11.1997, S. 4). Die Kosten von 14,3 Millionen DM werden von der Landesregierung und der EU getragen.

Evangelische Kirche bezieht Stellung: In der öffentlichen Berichterstattung des Sozial-Ethischen Ausschusses der Landessynode zu Heuersdorf vom 14.11.1997 wird vermerkt: "Unter dem Gesichtspunkt einer Klimavorsorge-Politik ist die praktische Festlegung auf weitere 40 Jahre Braukohlenutzung durch den Bau und Betrieb neuer Kraftwerke grundsätzlich kritisch einzuschätzen... Der Platz der Kirche ist an der Seite der Menschen von Heuersdorf.... Eine ergebnisoffene Diskussion halten wir für dringend erforderlich... Wir bieten für ein solches Gespräch kirchliche Vermittlung an" (s. Rückblende).

Beschäftigung durch Energiesparen: Nach einer Untersuchung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) würde mit dem klimaschutzgerechten Umbau von Wohnhäusern bis 2005 ca. 80.000 zusätzliche Arbeitsplätze entstehen (Leipziger Volkszeitung, 18.11.1997, S. 5).

Klimaschutz stockt: Die Esso AG prognostiziert eine CO2-Reduzierung von lediglich 13 % in Deutschland bis 2005, bezogen auf das Jahr 1990 (Leipziger Volkszeitung, 22.11.1997, S. 2). Zwischen 2010 und 2020 droht ein Wiederanstieg der Emissionen um 10 Prozent (s. Dokumentation). Nach Auskunft des Umweltbundesamtes wird ab 1996 keine getrennte CO2-Statistik mehr zwischen den alten und neuen Bundesländern geführt (michael.strogies@uba.de).

Erneuerbare Energien im Aufwind: Nach einem von der Europäischen Kommission vorgelegten Plan soll der Anteil von Elektrizität aus Windkraft, Sonnenenergie und Biomasse am EU-Stromverbrauch bis 2010 von sechs auf zwölf Prozent verdoppelt werden (Handelsblatt, 27.11.1997, S. 10). Hierzu werden 95 Milliarden ECU (180 Milliarden DM) bereitgestellt.

Dokumentation

Bundesumweltministerin Angela Merkel, im Interview mit der Leipziger Volkszeitung am 29.11.1997, S. 26: "In der Tat resultiert ein Teil der CO2-Emissionen aus industriellen Stillegungen in den neuen Ländern. Eine Vielzahl von alten Industrieanlagen wurde aber mit erheblichen Fördersummen innerhalb kurzer Zeit auf den westlichen Standard gebracht. Das heißt, daß wir uns unsere komfortable Situation auch erarbeitet haben... Seriöse Studien gehen davon aus, daß wir mit den bisher eingeleiteten Maßnahmen bis zum Jahr 2005 eine CO2-Reduktion von 15 bis 17 Prozent erreichen werden... Natürlich wird Deutschland an seinem nationalen CO2-Reduktionsziel festhalten. Ende 1996 haben wir eine Reduzierung von etwa 10,5 Prozent gegenüber 1990 erreicht".

Rückblende

Synode des Bundes der Evangelischen Kirche in der DDR, September 1984: "Eine besonders tiefsitzende Ursache der Umweltzerstörung sind die hohen materiellen Ansprüche, die von einzelnen und der Gesellschaft gestellt werden. Auch uns als Christen und Kirchen fällt es schwer, diese Ansprüche zu verringern... Dabei gehen wir davon aus, daß ein einfacher Lebensstil, ein sorgsamer Umgang mit materiellen Gütern und ein freiwillliger Verzicht Freude machen und befreiend wirken können".

Dr. Andreas Berkner, "Der Südraum Leipzig", BerbauFolgeLandschaft, Dessau, 1996, S. 25: "An den aktiven Bergbau sowie das Neubaukraftwerk sind künftig ca. 2000 Arbeitsplätze direkt gekoppelt (1000 im Braunkohlebergbau, 400 im davon abhängigen Sanierungsbergbau, 650 im Kraftwerk sowie der REA-Gipsverarbeitung). Unter Berücksichtigung eines Erfahrungsfaktors von 1,5 ... 2 hinsichtlich der damit indirekt verbundenen Arbeitsplätze wären insgesamt 5...6000 Menschen betroffen". (Die Mibrag spricht inzwischen von 414 Beschäftigten im aktiven Bergbau.)