12. Dezember 1997 Nr. 22

"Wenn ich nur reisen könnte!"

Zu DDR-Zeiten hat man alles unternommen, um nur einmal zu den Westverwandten zu fahren. Doch Heuersdorf bleibt für viele immer noch ein unentdecktes Reiseziel.

Ein für den 03. Dezember geplantes Parlamentariertreffen mußte leider wegen unzureichender Anmeldungen abgesagt werden. Die Heuersdorfer wollten sich mit den Volksvertretern unterhalten, die über die Devastierung ihrer Gemeinde abstimmen sollen.

Doch aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Auf Vorschlag des Landwirtschaftsministers Dr. Rolf Jähnichen wird das Treffen nun Anfang 1998 stattfinden. Ich stehe natürlich auch jederzeit für Informationsgespräche zur Verfügung.

Jana Keller

Vorsitzende "Für Heuersdorf e. V."

Aktuelle Nachrichten.

Erkenntnisgewinn: Nach Ansicht von Bundesumweltministerin Angela Merkel könne man sparsamer heizen, Energiesparlampen kaufen und Geräte nicht ständig im Standby-Modus laufen lassen (Mitteldeutsche Zeitung, 01.12.1997, S. 1). "Damit allein könnten wir ein Kraftwerk pro Jahr einsparen". Mit der Heuersdorfer Braunkohle wird lediglich 1/15 des deutschen Standby-Bedarfs während des 40jährigen Betriebes von Lippendorf gedeckt, doch die Devastierung der Gemeinde wird von vielen für unverzichtbar gehalten.

Verbrechensstandort: Nach Erkenntnis des sächsischen Landeskriminalamtes (LKA)(Leipziger Volkszeitung vom 01.12.1997, S. 4) besteht die "Gewißheit", daß der im September 1996 in Zwenkau ermordete Betreiber einer Bauarbeiter-Kantine am Neubaukraftwerk Lippendorf zur italienischen Mafia gehörte. "Die neuen Länder seien besonders wegen des enormen Investitionsbedarfes und der angebotenen Fördermittel für organisierte Banden interessant". Ein deutscher Schichtführer an der Baustelle wird ebenfalls seit September vergangenen Jahres vermißt (Bild, 22.09.1997, S. 5). Kurze Zeit danach fand eine Razzia mit 800 Beamten in Lippendorf statt (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 1)

Potential erschlossen: Durch den Einbau moderner Heizungen und Wärmedämmung konnte nach Angabe der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) der CO2-Ausstoß privater Wohnungen um 8 Millionen Tonnen pro Jahr gesenkt werden (Leipziger Volkszeitung, 02.12.1997, S. 5). "Ein 1996 aufgelegtes CO2-Minderungsprogramm wurde auf mittlerweile fünf Milliarden aufgestockt". KfW-Investitionsförderungen hätten in diesem Jahr 170 000 Arbeitsplätze gesichert.

Pipeline fertig: Eine 430 km lange Mehrzweckleitung zwischen Rostock und der Buna Sow Leuna Olefinverbund GmbH wurde in Betrieb genommen (Leipziger Volkszeitung, 04.12.1997, S. 6).

Gasnetz privatisiert: Bis zum 23. Dezember sollen alle Kommanditenanteile der "Gasnetz Leipzig GmbH & Co. KG" (GNL) für 185 Millionen DM von der Commerzbank geäußert sein (Leipziger Volkszeitung, 04.12.1997, S. 17). Das Gasnetz wird bis Ende 2010 den Stadtwerken Leipzig zum Kauf angeboten. Mit dem gleichen Modell wurde bereits das gasbetriebene Heizkraftwerk Nord der Stadtwerke für 360 Millionen DM geäußert.

Beschäftigungslage entmutigend: Der Bürgermeister von Regis-Breitingen, Reinhard Mäder, geht von "einer wahrscheinlichen Arbeitslosenquote von 35 % in unserer Region" und demzufolge von "sinkender Kauftraft" aus (Gemeinsame Zeitung, 06.12.1997, S. 1).

EU-Kommission eröffnet Subventionsuntersuchung: "Bedenken" werden über die Energielieferungen an die Buna Sow Leuna Olefinverbund GmbH (zu 80 % im Eigentum der Dow Chemical) geäußert, die "Elemente staatlicher Beihilfen enthalten könnten"(Mitteldeutsche Zeitung, 11.12.1997, S. 7). Mit einem bis zum Jahre 2014 geltenden Vertrag zwischen Dow und dem Stromlieferanten VEBA (zu 58,9% Eigentümer am Kraftwerk Schkopau) seien laut Vertragstext bis 1999 pro Kilowattstunde und Jahr 400 Mark zu zahlen und danach nur noch 130 Mark (Neues Deutschland, 11.12.1997, S. 9). Bei 7000 Betriebsstunden im Jahr ergäbe sich daraus ein Strompreis von 5,7 Pfennig und ab 1999 lediglich 1,9 Pfennig pro Kilowattstunde.

Dokumentation

Prof. Dr. Joachim Grawe, Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW), Zeitung für kommunale Wirtschaft, Dezember 1997, S. 37: "Das deutsche Netz ist sehr stark vermascht, und die Kraftwerke stehen in der Nähe der Verbrauchsschwerpunkte wie beispielsweise an Rhein und Ruhr. Unser Netz ist auf Transporte über längere Entfernungen nicht ausgelegt. Wenn wir einen Einheitstarif festlegen, werden verbrauchsferne Kraftwerke begünstigt. Dann entstehen echte Transporte, die den Bau zusätzlicher Leitungen erfordern. Daran hat niemand Interesse - schon aus Umweltschutzgründen". (In der Nähe des Kraftwerkes Lippendorf gibt es keinen Verbrauchsschwerpunkt im Verhältnis zur Erzeugungsleistung. Ein Block wird im Auftrag zweier süddeutscher Energieversorger errichtet. Vgl. Jeffrey H. Michel, "Kohle zu Strom - und weiter?", UmweltMagazin, Dezember 1997, S. 58 - 59.)

Rückblende

Umweltbundesamt: "Nachhaltiges Deutschland", Berlin, 1997, S. 74 - 75: "Ein solcher ‘hochmoderner' Kraftwerkspark (mit gesteigertem Wirkungsgrad) hätte jedoch in längerfristiger Betrachtung gleichwohl nachteilige Auswirkungen auf die Erreichbarkeit der für Deutschland erforderlichen CO2-Minderung, denn er würde noch in der Mitte des nächsten Jahrhunderts die Struktur unserer Stromerzeugung bestimmen... Es ist also riskant, in einer solchen Situation alles auf eine Karte zu setzen und damit uns und folgenden Generationen die Handlungsspielräume für die Zukunft zu verengen. Für eine Energiestrategie für Deutschland bedeutet dies, daß auf Optionen verzichtet werden sollte, die die mangelnde Flexibilität unserer Energiewirtschaft auch für die Zukunft konservieren oder gar noch erhöhen".

Bayernwerk AG, "Daten und Fakten 1996": "Die politische Grundsatzentscheidung für eine Liberalisierung des Strommarktes ist gefallen. Strom muß wie jedes andere Produkt an den Kunden verkauft werden. Wettbewerb und Markt bestimmen das Bild der Energiewirtschaft".