08. Januar 1998 Nr. 23

Im Osten nichts Neues

Die jüngste UN-Klimakonferenz in Kyoto ist ohne Einfluß auf die ostdeutsche Energiepolitik geblieben. Es wird genauso viel Treibhausgas aus den hiesigen Kraftwerken emittiert, wie wenn Frau Dr. Merkel zu Hause geblieben wäre.

Die freiwillige Klimaschutzverpflichtung der Stromwirtschaft bedeutet dabei, daß bis 2005 ihr eigenes CO2-Reduktionsziel von lediglich 10 Prozent von der Politik hingenommen wird. Die Heuersdorfer sehen keinen Grund, diese Vereinbarung mit dem Verlust ihrer Heimat zu unterstützen. Es gibt genug arbeitslose Ingenieure und Techniker, die bei Stromsparaktionen sinnvoll zu beschäftigen wären.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten.

Erfolgskurs der Braunkohle: Nach Ansicht des Vorsitzenden der Geschäftsführer der Zeppelin Baumaschinen GmbH Ernst Susanek habe die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) ihre wirtschaftliche Lage durch eisernen Einsatzwillen, neues Denken und Mut "stabilisiert" (Spektrum 5/97, S. 14). Auf der 2. Konferenz zur mobilen Gerätetechnik der Braunkohle bemerkte Mibrag-Geschäftsführer David Snyder: "Die Zeiten werden härter, und der Kostendruck wächst". Man müsse sich wahrscheinlich auf zahlreichere und kleinere Abbaustätten einrichten. Der Staatssekretär im Sächsischen Staatsministerium für Wirtschaft und Arbeit Wolfgang Vehse betonte, daß sich die Landesregierung weiterhin für die Braunkohle als Energieträger Nr. 1 einsetzen würde. Die Energierechtsnovelle und die Diskussion um eine CO2-Steuer dürften nicht zu Lasten dieses reichlich vorhandenen Energieträgers gehen.

Konkurs eines Innovationsbetriebes: Das Dieselmotorenwerk Leipzig (DML) hat den Antrag auf Gesamtvollstreckung gestellt (Leipziger Volkszeitung, 12.12.1997, S. 5). Die 65 Mitarbeiter zählende Firma hat sich auf Blockheizkraftwerke spezialisiert, die teilweise mit Biogas aus Kläranlagen betrieben werden. Trotz europaweiter Absatzerfolge mangelte es an regionalen Aufträgen.

Arbeit durch Ressourcenschonung: Nach Einschätzung von Bundesumweltministerin Angela Merkel könnten im Bereich des Energiesparens mindestens 100.000 Arbeitsplätze zusätzlich geschaffen werden (Umweltbundesamt, Presse-Information Nr. 37/97). Den stärksten Beschäftigungszuwachs verzeichnete die Windenergie, bei der in wenigen Jahren 10.000 Arbeitnehmer gezählt werden konnten. Nach einer aktuellen Studie der Amerikanischen Handelskammer in Deutschland stellen hohe Umweltstandards kein Investitionshemmnis dar.

Aus für ostsächsische Braunkohle: Das Kraftwerk Hagenwerder (2 x 500 MW) der Vereinigten Energiewerke AG (Veag) ist mit Auslaufen der Kohleförderung am Jahresende 1997 stillgelegt worden (Leipziger Volkszeitung, 29.12.1997, S. 6). Die ersten Blöcke des Kraftwerkes (4 x 75 MW) wurden bereits 1991, zwei weitere 100-MW-Blöcke im Jahre 1996 abgeschaltet.

Wettbewerbsnachteil: Nach Meinung der Bankgesellschaft Berlin ist die Essener RWE aufgrund eines hohen und teuren Braunkohleanteils von 55 Prozent vergleichsweise schlecht auf die Energiemarktliberalisierung vorbereitet (Stuttgarter Zeitung, 30.12.1997, S. 9).

Boxberg verschlankt: Entgegen früheren Ausbauplänen der Veag wird in diesem Jahr mit dem Bau eines zweiten 800-MW-Blockes im Braunkohlekraftwerk Boxberg nicht begonnen (Lausitzer Rundschau, 03.01.1998, S. 1, 5). Der Vorstand Eckhard Dubslaff begründet diese Entscheidung damit, daß "keiner den Stromabsatz nach 2000 voraussagen kann". Im abgelaufenen Jahr betrug der Absatzrückgang 2,5 Prozent. Für dieses Jahr wird ein Anstieg um etwa 1 Prozent erwartet.

Solare Wohnungsbeihilfe: Die Leipziger Arbeitsgemeinschaft Umweltschutz/Konziliarer Prozeß und der Förderverein SolarCity (Tel. 0341-3912083) streben die Errichtung von thermischen Solaranlagen auf Häusern für und durch Obdachlose an. In der sächsischen CO2-Modellgemeinde Lützschena-Stahmeln konnten bereits in einem Mehrfamilienhaus die jährlichen Heizkosten von über 700 auf ca. 350 DM pro Wohnung durch Wärmedämmung und Solarkollektoren reduziert werden.

Heimlicher Verbündeter: Gerhard Goll, Chef der am Kraftwerk Lippendorf beteiligten Energie Baden-Württemberg (EnBW), sieht im liberalisierten Energiemarkt "vor allem eins: Es kommt zu einem erheblichen Preisverfall" (Focus, 2/1998, S. 162). Um unter dieser Bedingung neue Kunden zu gewinnen, wird die EnBW "komplette Inhouse-Vernetzungen anbieten" und möglicherweise auch "über solche Leitungen stärker in die Steuerung von Gebäuden" einsteigen. Die Gemeinde Heuersdorf verweist seit geraumer Zeit auf den vorprogrammierten Strompreisverfall (Heuersdorf Aktuell Nr. 5) und auf die daraus erwachsende Notwendigkeit zur adaptiven Verbrauchssteuerung durch das "virtuelle Kraftwerk", das als Modellprojekt verwirklicht wird (Heuersdorf Aktuell Nr. 6).

Kosteneffizienz: Durch moderne Techniken und öffentliche Ausschreibungen wird die Sanierung der ostdeutschen Braunkohlereviere statt 30 nur noch 18 Milliarden Mark kosten (Leipziger Volkszeitung, 05.01.1998, S. 1). In diesem Bereich werden 1998 ca. 12.500 direkte und indirekte Arbeitsplätze gesichert (vgl. Heuersdorf Aktuell Nr. 16).

Rückblende

Dietmar Heinze, Vereinigte Energiewerke AG (Veag), in: "Zukunftsfähiges Sachsen", Bautzen, 17.-18.08.1996, S. 29, 31: "Der Stromvertrag aus dem Jahre 1990 setzte der VEAG bei der Entwicklung ihres langfristigen Konzeptes sehr enge Grenzen. Der angestrebte Mix aus verschiedenen Energieträgern für die Stromerzeugung konnte nicht realisiert werden.

Die VEAG mußte ihr Konzept einseitig auf die Verstromung von Braunkohle ausrichten... Eine Verringerung der Anzahl der stromverbrauchenden Geräte ist im Zeitalter der Infobahnen sicher nicht zu erwarten, wohl aber eine Verminderung ihres Strombedarfes".

Dr. Hans-Joachim Ziesing, Deutsches Institut für Wirtschaftsforschung (DIW), Stellungnahme vom 14.10.1997 für das Land Nordrhein-Westfalen, S. 8 - 9: "Hervorzuheben ist, daß sich... der Stromverbrauch... vom gesamtwirtschaftlichen Wachstum 'entkoppelt' hat. Dies schlägt sich auch in einer sinkenden gesamtwirtschaftlichen Stromintensität (Verhältnis von Bruttostromverbrauch zu realem Bruttoinlandsprodukt) nieder... Dabei ist zu berücksichtigen, daß die gesamtwirtschaftliche Stromintensität in Ostdeutschland noch immer um rund 55 % höher ist als in Westdeutschland; dies läßt mit Blick auf die künftige Entwicklung des Stromverbrauchs noch beträchtliche Rationalisierungsreserven erkennen".