06. März 1998 Nr. 25

Leitbildwechsel

Vor nicht allzu langer Zeit sollte der Leipziger Südraum zu einem Standort der Schwerindustrie werden. Doch die "schlagende Ader" der Werkstoff-Union (vgl. Heuersdorf Aktuell Nr. 5, 6, 21) entpuppte sich bald als Lehrstück Potemkinscher Anatomie. Nun sollen Fallobstwiesen eine Ersatzperspektive bieten. Trotz des reduzierten Strombedarfs wird aber am Kraftwerk Lippendorf weitergebaut. Die Prognos AG begründet die Kohleverstromung mit einem Preisanstieg beim Erdgas um 80 Prozent innerhalb eines Jahrzehnts. Doch nach Ansicht der Siemens/KWU wird Erdgas über die nächsten 20 bis 30 Jahre die billigste Energie bleiben (Frankfurter Rundschau, 21.01.1998, S. 14).

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Effizienzwettlauf: Während beim Braunkohlekraftwerk Lippendorf ein Wirkungsgrad von 42 Prozent erreicht werden soll, liegt das Wirkungsgradpotential des von der RWE entwickelten "KoBra-Verfahrens" bei 50 Prozent (StromThemen, 2/1998, S. 4). Die Weiterentwicklung von konventionellen Braunkohlekraftwerken mit nochmals optimierter Anlagentechnik ("BoA-Plus) verspricht "das gleiche Wirkungsgradniveau". Der am 15. Dezember in Schwarze Pumpe in Betrieb genommene 800-MW-Block weist gar eine Brennstoffausnutzung von 55 Prozent auf, da neben der Stromerzeugung auch Fernwärme und Industriedampf ausgekoppelt werden.

Preissturz: Nach Ansicht von Brad Niedergall, Vize-Präsident des US-Energiekonzerns Enron für Westeuropa, werden die Strompreise durch den Wettbewerb anfangs um 15 - 20, "später sogar um 50" Prozent sinken (Zeitung für kommunale Wirtschaft, Februar 1998, S. 5). Der deutsche Stromverbrauch blieb 1997 mit 472,6 Milliarden Kilowattstunden wegen der stagnierenden Nachfrage knapp hinter dem Vorjahrsergebnis zurück (Leipziger Volkszeitung, 10.02.1998, S. 5). Die der sächsischen Energiepolitik zugrunde gelegte Prognos-Studie sagt dennoch einen jährlichen Zuwachs des Stromverbrauchs von 0,8 Prozent bis 2010 voraus.

Zukunftsregion gedeiht: Der Thüringer Landkreis Altenburger Land, die Südraum Leipzig GmbH und das Projekt Grüner Ring der Stadt Leipzig haben ein Entwicklungskonzept für den 650 Quadratkilometer großen Südraum beschlossen (Leipziger Volkszeitung, 10.2.1998, S. 4). Florian Beigel, deutscher Stararchitekt mit Büro in London, hat die europaweite Ausschreibung für die Brikettfabrik Witznitz mit dem Konzept eines Industrieschlosses "in der Kunstlandschaft Tagebau" gewonnen (Leipziger Volkszeitung, 18.02.1998, S. 8). Ein Dreiphasenplan sieht Fallobstwiesen und Gemüsefelder, später auch Versorgungsviadukte und Gartenhofhäuser im Südraum vor. Manches Restloch könne gar "als Stätte der Besinnung, als Friedhof" dienen.

Nebenkosten: Wegen Beeinträchtigungen der Grundwasserqualität durch den Braunkohletagebau wurde im Leipziger Südraum eine 31 Kilometer lange, 43 Millionen DM teure Trinkwasserleitung in Betrieb genommen (Leipziger Volkszeitung, 23.02.1998, S. 4).

Zukunftsfähige Beschäftigung: Die IG-Bauen-Agrar-Umwelt und die Vereinigung Eurosolar haben eine Initiative für regenerative Energien und solares Bauen gegründet (Frankfurter Rundschau, 21.01.1998, S. 13). Das englische Königliche Institut für internationale Angelegenheiten sieht im jüngsten EU-Weißpapier über erneuerbare Energien den Ansatz für mehr Beschäftigung im ländlichen Raum (Financial Times, 04.02.1998, S. 21). Das Netto- Beschäftigungspotential wird auf 500.000 direkte und indirekte Arbeitsplätze beziffert. Die Deutsche Shell AG errichtet für 30 Millionen DM eine Solarzellen-Fabrik in Gelsenkirchen, durch die bis zu 60 direkte und 250 indirekte Arbeitsplätze entstehen werden ("Erneuerbare Energie", Deutsche Shell Aktiengesellschaft, Hamburg, 1998, S. 10). In der Magdeburger Sket Maschinen- und Anlagenbau sollen demnächst durch die Fertigung von Windkraftanlagen 200 Arbeitsplätze entstehen (Mitteldeutsche Zeitung, 20.02.1998, S. 6). Deutschland hat mit 5200 Windkraftanlagen seine Führungsposition vor den USA weiter ausgebaut (Leipziger Volkszeitung , 04.03.1998, S. 6).

Kohlehilfen bis 2006 gefordert: Die von der Bundesregierung vorgesehene Schutzfrist für die ostdeutsche Braunkohle bis 2003 sei nach Ansicht des IGBCE-Gewerkschaftschefs Horst Freese "nicht ausreichend" (Leipziger Volkszeitung, 18.02.1998, S. 8). Die Kohle sei dennoch - trotz erheblicher Anpassungsschwierigkeiten - "grundsätzlich wettbewerbsfähig". Die Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft AG (Mibrag) investiert 400 Millionen DM in die Umrüstung des Tagebaus "Vereinigtes Schleenhain" (Leipziger Rundschau, 18.02.1998, S. 3).

Sonnenfinsternis: Bei einem Forum des Leipziger Vereins "Solar City" beklagten sich die geladenen Oberbürgermeister-Kandidaten über die Auflösung des städtischen Energiereferats und die fehlende Solarenergienutzung auf dem Dach des Hauptbahnhofes (Leipziger Volkszeitung, 05.03.1998, S. 16). Die Neue Messe sei "eine riesige Energieverschwendungsanlage".

Neuerscheinung

Jahrbuch BergbauFolgeLandschaft 1997, Dachverband Bergbaufolgelandschaft e. V. und Stiftung Bauhaus Dessau, zu beziehen von: Pro Leipzig e. V., Waldstraße 65, 04105 Leipzig, Tel. (0341) 9801894, Preis 35,-- DM. Die Ausgabe 1996 ist ebenfalls noch erhältlich.

Rückblende

Umweltminister Arnold Vaatz, "Die Zukunft der sächsischen Energieversorgung bei einer länderübergreifenden Energie- und Umweltpolitik", Energiekolloquium 15. - 16.04.1993, Europa-Haus Leipzig, S. 8: "Die interdisziplinäre Umweltpolitik wird durch den Beschluß des Energieprogramms Sachsen zum maßgeblichen Bestandteil der sächsischen Energiepolitik. Das Energieprogramm ist durchgängig auf Umwelt- und Sozialverträglichkeit ausgerichtet, die gleichrangige Ziele neben Wirtschaftlichkeit und Versorgungssicherheit darstellen".

Umweltstaatssekretär Dieter Angst, Politische Ökologie, Sonderheft 4, September 1992, S. 41: "Denn dadurch, daß jegliche Gesamtplanung gleichermaßen auf den ökologischen Prüfstand genommen wird, wird die Umweltverträglichkeit beziehungsweise -unverträglichkeit der Entwicklungsplanung deutlich... Dabei bleibt festzustellen, daß Irren nicht nur menschlich ist, sonder als Recht auch einem politischen Verantwortlichen zugestanden werden muß. Was aber bei einem solchen Planungsansatz weiterhin ausgeschossen wird, ist, daß sich der gegen eine umweltverträgliche Entwicklung Entscheidende nicht darauf berufen kann, er habe nicht übersehen können, wie sich seine Entscheidung auswirkt. Darauf kommt es aber vor allem an".