24. April 1998 Nr. 29

Energiekonsens im Internet

In Deutschland muß man viel Geduld aufbringen, bis den politischen Bekenntnissen zu einer innovativen Energiepolitik endlich auch Taten folgen. Doch danach wird manches Großkraftwerk als Denkmal an energiepolitisches Wunschdenken bleiben.

Die Devastierung von Heuersdorf ließe sich durch technologisches Energiesparen mühelos verhindern. Damit wären auch regionale Beschäftigungsprogramme in Einklang mit dem Klimaschutz zu bringen.

E-Mail-Botschaften zu energiepolitischen Themen können nunmehr über info@heuersdorf.de übermittelt werden. Wir laden alle Leser dazu ein, ihre eigenen Standpunkte per Internet, Fax oder Post darzulegen.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Klimaerwärmung durch Deliberalisierung?: Wenn der Stromwettbewerb über niedrigere Preise erreicht werde, meinen Bündnis 90 / Die Grünen, dürfte dies wohl kaum zu mehr Klimaschutz führen (UmweltMagazin, April 1998, S. 30).

Absatzrückgang: Die Stromlieferungen der Vereinigten Energiewerke AG (Veag) sind im Jahre 1997 um 5 Prozent auf 47,2 Milliarden kWh zurückgegangen (Leipziger Volkszeitung, 14.04.1998, S. 6). Die dafür verantwortlichen Lieferungen an die Regionalversorger seien damit auf einem historischen Tiefstand. Der Personalbestand von 8163 Mitarbeitern am Jahresende 1997 stellte im Vergleich zum Vorjahr einen Abbau von 1067 Arbeitsplätzen dar.

Ostergabe: Der Windkraftbefürworter Dieter Appenfelder hat am Gründonnerstag Ostereier mit der Aufschrift "Rettet Heuersdorf" in Dresden bei Ministerpräsident Kurt Biedenkopf und Landtagspräsident Erich Iltgen abgegeben (Leipziger Volkszeitung, 15.04.1998, S. 4). In zahlreichen sächsischen Gemeinden wurden Fürbitten für den Erhalt von Heuersdorf gehalten. Der Heuersdorfer Pfarrer Thomas Krieger sieht seinen Platz auf der Seite der Dorfbewohner, "bis der letzte sagt: Ich füge mich". Eine Abbaggerung wäre "Kapitalismus pur: Die Gewinne werden privatisiert, die Verluste vergesellschaftet". Die Angaben der Staatsregierung über entstehende Arbeitsplätze seien "Augenwischerei" (vgl. Rückblende).

Energiesparen angesagt: Als Mitglied von Klima-Bündnis/Allianza del Clima hält die Stadt Leipzig am Ziel einer 50prozentigen Kohlendioxidsenkung bis 2010 fest (Leipziger Volkszeitung, 22.04.1998, S. 21). Nach Angabe von Umweltamtsleiter Christian Aegerterkonnte der CO2-Ausstoß seit 1990 bereits um 28 Prozent reduziert werden. Leipzig verfügt inzwischen über 2400 Quadratmeter thermische Solaranlagen.

Beschäftigungsangaben

Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag), "Zahlen und Fakten" 31.12.1997:

Zahl der Beschäftigten

Tagebau Profen 635 Kohlemisch- und Stapelplatz Profen 44 Tagebau Vereinigtes Schleenhain 69 (nach 1999: ca. 450)* Tagenbau Zwenkau 681 (Schließung 1999) Instandhaltung 403 Zentraler Eisenbahnbetrieb 193 Rekultivierung/Landschaftsgestaltung 35 Erkundung und Entwässerung 128 Kraftwerk Deuben 73 Brikett- und Staubfabrik Deuben 54 Kraftwerk "Phönix" Mumsdorf 77 Brikettfabrik "Phönix" Mumsdorf 103 Kraftwerk Wählitz 34

* Für den Tagebau Vereinigtes Schleenhain werden inzwischen 414 Beschäftigte angegeben.

Rückblende

Prof. Dr. Kurt Biedenkopf am 07.02.1990 (aus Lutz Hoffmann: Warten auf den Aufschwung, Regensburg, 1993, S. 10 - 11): "Wahrscheinlich ist, daß die Produktion (in Ostdeutschland)zunächst rasch sinken wird. Dieser Prozeß wird jedoch nur von kurzer Dauer sein. Denn mit der Währungsunion werden zugleich Gegenkräfte freigesetzt und wirksam. Sie gehen vom neuen Mittelstand aus, von der schnellen Erhöhung der Produktivität durch Investitionen und von der Verbesserung der Versorgung bestehender Produktionen mit Vorprodukten,- um nur einige Ursachen zu nennen. Angesichts der außerordentlich günstigen Bedingungen, die mit der Anlehnung der DDR-Volkswirtschaft an die der Bundesrepublik gegeben sind, wird es nicht mehr als zwei Jahre dauern, bis das gegenwärtige Niveau wieder erreicht sein wird. Durch schnellere Anpassung der Rahmenbedingungen läßt sich dieser Zeitraum eher weiter verkürzen".

Wirtschaftsminister Dr. Kajo Schommer, Schreiben an den Präsidenten des Sächsischen Landtages vom August 1993, zur Drucksache 1/3517 Antrag der Fraktion Bündnis 90/Grüne "Erhalt der Ortschaft Heuersdorf im Landkreis Borna": "Gemäß dem Kabinettsbeschluß des 'Energieprogramm Sachsen' am 6. April 1993 und den am 2. Juni 1992 vom Kabinett beschlossenen 'Leitlinien der Staatsregierung zur zukünftigen Braunkohlepolitik' soll die Braunkohle vornehmlich zur wettbewerbsfähigen Erzeugung von Strom... genutzt werden. Entsprechend den Leitlinien soll der Braunkohleabbau in Sachsen unter Prüfung aller Abbauvarianten umwelt- und sozialverträglich so gestaltet werden, daß weitere Ortsverlagerungen - jedenfalls gegen den überwiegenden Willen der betroffenen Bevölkerung - weitestgehend vermieden werden... Am Standort Lippendorf ist die Errichtung eines Großkraftwerkes geplant, das mit Braunkohle aus dem MIBRAG-Tagebau 'Vereinigtes Schleenhain' befeuert werden soll. Durch die (MIBRAG-)Privatisierung und den Bau werden Investitionen in Milliardenhöhe ausgelöst. Zusätzlich werden ca. 6000 Dauerarbeitsplätze und ca. 4000 Arbeitsplätze während der Bauphase des Kraftwerkes gesichert..." (vgl. Beschäftigungsangaben und Heuersdorf Aktuell Nr. 26).