27. August 1998 Nr. 35

Energie aus dem Tal der Ahnungslosen

Wenn Braunkohle weiterhin gefördert wird, stellt Pfarrer Thomas Krieger fest, hat kein Heuersdorfer etwas dagegen (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Leipzig, 13.08.1998, S. 22). Doch bei den zugrunde gelegten Gutachten würden sie sich fragen, "wessen Gut denn eigentlich geachtet wird?"

Der Zugriff eines Braunkohleunternehmens würde z. B. damit begründet, daß die Preise für Erdgas in den nächsten zehn Jahren erheblich in die Höhe schnellen. Doch hier klafft eine erhebliche Lücke zwischen Regierungswunschdenken und den meisten Industrieprognosen.

Der Anspruch kommender Generationen auf die heimische Braunkohle bleibt ein höheres Recht als jeder bedenkenlose Ausverkauf. Die sächsische Energiepolitik gleicht indes der Empfehlung an eine Hausfrau, "in der Erdbeerzeit möglichst alle Einweckgläser mit Erdbeeren zu verbrauchen".

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Über alle Köpfe: Eine "Wunschliste" einiger umzugswilliger Heuersdorfer wurde "nach bestem Wissen und Gewissen" vom Bürgermeister der Stadt Regis-Breitingen, Reinhard Mäder, für eine eventuelle Umsiedlung erarbeitet (Leipziger Volkszeitung, Ausgabe Borna, 06.08.1998). (Herr Mäder hatte aber am 05.07.1997 den Heuersdorfern im Amtsblatt erklärt, "daß ich in keiner Weise gewillt bin, mich in Ihre dörflichen Angelegenheiten... einzumischen... Mit einem Gesetzentwurf, wie dem vom 13. März 1997, ist niemandem geholfen! Im Gegenteil, man schiebt staatlicherseits die Verantwortung auf eine Ebene ab, die in keinster Weise fähig und befugt ist, dieses Problem für alle gütig zu lösen".) Nach Angabe des Heuersdorfer Bürgermeisters Horst Bruchmann hätte sich weder "die Staatsregierung noch der Regiser Bürgermeister... sich an uns gewandt, um eine Legitimation für die Liste zu erhalten". Die Fachabteilung Städtebau beim Sächsischen Innenministerium befaßt sich inzwischen damit und soll mit der Mibrag intensiv darüber gesprochen haben.

Big Business: Der Chef der British Petroleum, John Browne, sieht in globaler Erwärmung eine Tatsache und "keine Hypothese" (INC., Juni 1998, S. 67). Bis in 10 Jahren soll BP Solar zu einem Milliarden-Dollar-Geschäft entwickelt werden. Zugunsten der Braunkohle legten dennoch die Vereinigten Energiewerke AG (Veag) beim Bundesverfassungsgericht Beschwerde gegen das neue Stromeinspeisungsgesetz ein, das "gegen das Prinzip der wettbewerblichen Chancengleichheit" verstoße (Leipziger Volkszeitung, 14.08.1998, S. 6).

Neue Seilschaften: Das Landeskriminalamt ermittelt wegen Geldwäsche gegen acht Tatverdächtige, darunter die Whyrataler Entwicklungsgesellschaft, die 1997 als Investor für eine Diskothek in der Neukirchener Brikettfabrik auftrat (Leipziger Volkszeitung, 15.08.1998, S. 4).

Immer dabei: Das Christliche Umweltseminar Rötha wurde mit dem Freiherr-vom-Stein-Preis der Alfred Toepfer Stiftung FVS Hamburg ausgezeichnet (Amstblatt, Landkreis Leipziger Land, 7/1998, S. 1). Hervorgegangen aus einer DDR-Protestgruppe ("Eine Mark für Espenhain") habe sich das Seminar nach der Wende "zu einem Motor bei der Umsetzung eines neuen Leitbildes" entwickelt, so die Preisurkunde. Landrat Werner Dieck bemerkte in der Laudatio: "Heute sitzen Bergleute, Planer, Einwohner von Gemeinden, Gewerkschafter gemeinsam am Tisch und legen die Zukunft der Region verbindlich fest, dies unter anderem in Braunkohlenabschlußplänen für die Tagebaue... Das Christliche Umweltseminar Rötha ist dabei immer präsent". (Das Seminarsmitglied und heutiger SPD-Regierungspräsident Walter Christian Steinbach hat seit Jahren einen Sitz im Aufsichtsrat der Mitteldeutschen Braunkohlengesellschaft (Mibrag), die trotz fehlender energiewirtschaftlicher Notwendigkeit den Menschen in Heuersdorf mit Enteignung droht.)

Strom-Shopping eingeleitet: Der Deutsche Industrie und Handelstag (DIHT) hat in einigen westdeutschen Regionen einen Strom-Pool mit Schwerpunkt im Mittelstandsbereich gegründet (Frankfurter Allgemeine Zeitung, 12.08.1998, S. 15). Der Geschäftsführer der VASA Energy, Marcus Mattis, stellt auf dem Energiemarkt "eine Gründer- und Aufbruchstimmung" fest. Die umweltpolitische Sprecherin der Bundestagfraktion Bündnis 90/Die Grünen Michaele Hustedt will "nicht nur den Großkunden, sondern auch den Mittelstand, den Stadtwerken und jedem einzelnen Bürger die freie wahl des Stromlieferanten ermöglichen". Zur Versorgung ihres eigenen Haushalts wurde nun ein Durchleitungsantrag für Strom von der Windenergie Nordeifel GmbH gestellt (Pressemitteilung vom 21.08.1998).

Teuere Verbundenheit: Nach einer vom Bundesbauministerium geförderten Untersuchung betrugen 1995 die Verbraucherkosten für Fernwärme im Durchschnitt 400 bis 600 Mark (gleich 33 bis 42 Prozent) mehr, als bei einer Ölheizung (hallo! Leipzig, 15.08.1998, S. 5). In den neuen Bundesländern sind 90 Prozent aller größeren Wohnblocks an die Fernwärme angeschlossen. Nach einer Analyse der Wibera-Wirtschaftsberatung (Düsseldorf) hat Sachsen mit 111,9 Prozent auch die teuersten Industriestrompreise Ostdeutschlands (Leipziger Volkszeitung , 25.08.1998, S. 6).

Braunkohle zum Trotz: Anläßlich eines Besuches in Stralsund hat Bundeskanzler Helmut Kohl die Errichtung zweier Gaskraftwerke am Standort der Energiewerke Nord in Greifswald-Lubmin durch Konzerne aus Schweden und Finnland angekündigt (Leipziger Volkszeitung, 21.08.1998). Das Investitionsvolumen für das erste Kraftwerk mit 1200 MW wird von der VASA Energy mit ca. 1 Milliarden DM angegeben (d. h. lediglich 30 Prozent der Baukosten pro Kilowatt des Kraftwerks Lippendorf) (Pressemitteilung vom 20.08.1998).

Rückblende

"Westkonzerne verstromen Ostdeutschland", Badische Zeitung, 07.09.1994: "Wegen des geringen Strombedarfs wurden die 1991 angestellten Planungen für die Modernisierung und den Neubau des ostdeutschen Kraftwerksparks gestreckt. Statt zweier Kraftwerksblöcke mit jeweils 800 Megwatt Leistung wird im sächsischen Boxberg vorerst nur ein Block errichtet. Um den Absatz der ostdeutschen Braunkohle zu sichern, haben sich die Käufer der Veag gegenüber der Treuhandanstalt verpflichtet, in Westdeutschland keine eigenen Grundlastkraftwerke (das sind Atomkraft- oder Braunkohlekraftwerke) zu bauen, solange nicht mit dem Bau des zweiten Blocks in Boxberg begonnen ist". (Nach VEAG-Angabe besteht nun bis 2006 kein Bedarf nach einem zweiten Block. Vgl. Heuersdorf Aktuell Nr. 31.)