02. September 1998 Nr. 36

Zielstrebig daneben

Nach Ansicht von Prof. Dr. Andreas Troge, Präsident des Umweltbundesamtes, ist der sorglose Umgang mit Strom der "Flaschenhals zu einer nachhaltigen Energienutzung" (Pressemitteilung vom 01.09.1998).

Trotz Energieverschwendung leidet die ostdeutsche Stromwirtschaft weiterhin unter Absatzschwierigkeiten (s. Rückblende). Im Kraftwerk Schkopau, das an Dow Chemical, die Deutsche Bahn und die Veag liefert, wird viel zu wenig Braunkohle verbraucht. Die Betriebsräte drängen nun darauf, daß Vorstände und Minister die volle Auslastung garantieren (Spektrum, 3/98, S. 5). Doch statt dessen kündigt der Bundeskanzler neue Gaskraftwerke in Lubmin an (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 35).

Die Energiepolitik erinnert langsam an eine Bemerkung des amerikanischen Autors Mark Twain: "Nachdem sie das Ziel aus den Augen verloren hatten, verdoppelten sie ihre Anstrengungen". Oder an das geflügelte Wort seines Landsmanns Yogi Berra: "Wir haben uns zwar verfahren, kommen aber schnell voran".

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Anstelle des Ortsblatts: Einzig in der Mibrag-Betriebszeitung (Spektrum 3/98, S. 9) wurde schriftlich angekündigt, daß der sächsische Innenminister Klaus Hardraht am 02.09.1998 eine "öffentliche Diskussionsoffensive" mit den Heuersdorfern im Gasthof "Zur Glocke" starten wollte. Bis dahin sollte jedem Haushalt ein (bis heute nicht erhaltener) Brief mit "Angebot zur Entscheidungsfindung" zugestellt worden sein. Die Veranstaltung wurde inzwischen ohne neue Terminfestsetzung abgesagt. (Vielleicht Spektrum 4/98 abwarten?)

Wirtschaftsader: Mit dem ersten Spatenstich für die 37 km lange Autobahn A38 im Leipziger Südraum verbindet sich nach Ansicht des sächsischen Wirtschaftsministers Kajo Schommer eine erhöhte Attraktivität für Investoren im Chemiedreieck (Leipziger Volkszeitung, 27.08.1998, S. 4). Eine intakte Verkehrsanbindung sei insbesondere für das Kraftwerk Lippendorf (vgl. Heuersdorf Aktuell Nr. 32) und das Chemiewerk Böhlen wichtig.

Vorschriften mißachtet: Der Naturschutzbund Deutschlands (Nabu) sowie drei Fischerverbände haben sich gegen den weiteren Ausbau der Wasserkraft in Sachsenausgesprochen (Leipziger Volkszeitung, 27.08.1998, S. 4). Versäumnisse der Behörden hätten zur Austrocknung der Bach- und Flußbetten und zum Verlust von Laichgebieten geführt.

Phönix an der Neiße: Die ostsächsische Gemeinde Ostritz, die zu DDR-Zeiten vom Braunkohlekraftwerk Hagenwerder dominiert war, will sich künftig weitgehend mit Energie aus erneuerbaren Quellen versorgen (Leipziger Volkszeitung, 29.08.1998, S. 4) Ein Teil des Heizenergie- und Warmwasserbedarfs wird bereits durch ein Biomasse-Heizkraftwerk gedeckt.

Krisenfest: Trotz der wirtschaftlichen Schwierigkeiten in Rußland sieht die Verbundnetz Gas AG (VNG/Leipzig) "keine Anzeichen, daß Gazprom seinen Verpflichtungen nicht nachkommen wird" (Mitteldeutsche Zeitung, 29.08.1998, S. WI). Auch die 9 Millionen Tonnen russischen Erdöls, die jedes Jahr von der Mitteldeutschen Erdölraffinerie Leuna 2000 verarbeitet werden, sind nach Angabe dieses Unternehmens stets zuverlässig geliefert worden.

Geschlossene Gesellschaft: Nach Ansicht von Manfred Kraus, Geschäftsführer der bayrischen Gesellschaft für Energiemanagement mbH (GfEM), sind die Elektrizitäts-Versorgungsunternehmen selbst die einzigen wirklichen Energiebroker in Deutschland (Welt am Sonntag, 30.08.1998, S. 58). "Die schieben sich die Kunden gegenseitig zu... Der normale Tarif- und Haushaltskunde bleibt dadurch weiter die Melkkuh der Stromindustrie".

Konkurrenzfähigkeit umstritten: Für George Milojcic, Hauptgeschäftsführer des Deutschen Braunkohlen-Industrie-Vereins (DEBRIV), bedeutet die Braunkohle "sichere - weil wettbewerbsfähige - Arbeitsplätze" (Leipziger Volkszeitung, 01.09.1998, S. 5). Sie sei damit "ein stabiler Wirtschaftsfaktor ersten Ranges". Der Energiebeauftragte der Gemeinde Heuersdorf, Jeffrey H. Michel, verweist hingegen auf Absatzschwierigkeiten für Braunkohlestrom auf dem liberalisierten Energiemarkt. Das Kraftwerk Lippendorf würde lediglich zur Auslastung der Mibrag errichtet (s. Rückblende).

Rückblende

Energie-Versorgung Schwaben, Pressemittelung vom 28.11.1995: "Die MIBRAG hatte schon kurz nach der Wende darauf aufmerksam gemacht, daß nur ein größeres Braunkohlekraftwerk im Leipziger Raum einen wirtschaftlichen Weiterbetrieb ihrer Tagebaue ermöglicht... Erst dieses Kraftwerksprojekt schuf die Voraussetzung für das wirtschaftliche Überleben der MIBRAG und die Erhaltung der Arbeitsplätze im mitteldeutschen Braunkohlerevier".

"Leipzig setzt auf Energiemix", Zeitung für kommunale Wirtschaft, Januar 1996, S. 9: "Beim Stromabsatz verzeichneten die Stadtwerke (Leipzig) erstmals wieder einen leichten Anstieg... Bis zum Jahr 2000 erwartet SWL gegenüber 1994 rd. 30% Verbrauchssteigerung sowohl durch die zunehmende Geräteausstattung in den Haushalten wie durch eine stärkere Elektrifizierung im Gewerbebereich".

Stadtwerke Leipzig, Geschäftsbericht 1996, S. 9: "In der Stromerzeugung war ein leichter Absatzanstieg von 1 % zu verzeichnen".

Stadtwerke Leipzig, Geschäftsbericht 1997, S. 9: "Für die Produktgruppe Strom ist gegenüber dem Vorjahr ein Absatz- und Umsatzrückgang von 2 % zu verzeichnen".