10. September 1998 Nr. 37

Reiche Väter, arme Söhne

Wer unseren Lebensstandard erhalten - und wenn möglich weiter erhöhen will, der muß nach Ansicht des sächsischen Landwirtschaftsministers Dr. Rolf Jähnichen die "Realitäten" zur Kenntnis nehmen, daß neben "dem Kohlestrom... höchstens noch der Atomstrom kostengünstig zu produzieren" sei (Gemeinsame Zeitung, 04.09.1998, S.1).

Die Vorstellungskraft eines Landwirtschaftsministers reicht eventuell nicht aus, um ökologisch vorteilhafte Gaskraftwerke und Stromeinsparaktionen einzuordnen. Sollte aber seine Kompetenz bald auf das Umweltressort ausgeweitet werden, wird hoher Sachverstand auch bei Energiefragen verlangt.

Mit dem Braunkohleabbau werden bereits große agrarwirtschaftliche Flächen geopfert, um lediglich auf dem Stromüberflußmarkt aufzutreten. Friedrich Nietzsche hat einst bemerkt, daß die Lebenden von den Toten regiert werden. Wo regionale Nachhaltigkeit verlorengeht, wird eine Hypothek im Namen künftiger Generationen aufgenommen, die keine Bank unterschreiben würde.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Statt Sachsenstrom: Nach Auskunft des Sächsischen Staatsministeriums für Umwelt und Landesentwicklung (Schreiben vom 31.08.1998) wird in der Tschechischen Republik der Bau des Kernkraftwerks Temelin fortgeführt. Mit der Fertigstellung wird bis 2000/2001 gerechnet.

Abrechnungspraxis beanstandet: Vom ZDF-Magazin "Frontal" wurde geschätzt, daß jede zweite Stromrechnung in Deutschland zu hoch ist (Sendung vom 01.09.1998). Die Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW) bestreitet diese Behauptung (http://www.strom.de).

Rosinen gesichert: Nach dem Kauf dreier Kraftwerke im amerikanischen Nordosten hat der Energiekonzern Pacific Gas & Electric einen Stromliefervertrag mit rund 200 Hi-Tech-Firmenim US-Bundesstaat Massachusetts abgeschlossen (Providence Journal-Bulletin, 02.09.1998).

Botschaft: Staatsminister Dr. Rolf Jähnichen vertrat in einem offenen Brief die Ansicht, daß (nicht näher bezeichnete) "Eiferer und Ideologen" den Energiebedarf bezweifeln oder alternative Energiequellen fordern würden (Gemeinsame Zeitung, 04.09.1998, S. 1). Er verwies auf ein bestehendes Angebot der Mibrag zur "kostenneutralen“ Umsiedlung von Heuersdorf (die aber bei einer Wiederbeschaffung nicht kostendeckend wäre). Die vom Regiser Bürgermeister Mäder an das Innenministerium unterbreiteten Vorschläge zur Ansiedlung eines "Neu-Heuersdorf in Regis-Breitingen" seien "notwendig und vernünftig".

Kohle in Bedrängnis: Auf den von der IG Bergbau, Chemie, Energie organisierten "Halterner Gesprächen" bemerkte Friedrich Späth, Vorstandsvorsitzender der Ruhrgas AG, das Erdgas sei vor allem in Ostdeutschland "auf dem Vormarsch" (Leipziger Volkszeitung, 07.09.1998, S. 7). Dieter Henning, Vorstandsvorsitzender der Rheinbraun AG, verwies auf die Versorgungssicherheit und den arbeitsmarktpolitischen Vorzug von Braunkohle gegenüber Gas. Die Konkurrenzfähigkeit im Vergleich zu Importsteinkohle und Gaskraftwerken erfordere dennoch einen "Brennstoffvorteil" durch umfassende Rationalisierungsmaßnahmen sowie europäische Umweltauflagen statt übertriebener deutscher Sonderansprüche.

Rein konjunktiv: Die Einwohner der Gemeinde Horno haben sich im Falle einer Umsiedlung mehrheitlich für einen Wohnort in der Kreisstadt Forst ausgesprochen (Süddeutsche Zeitung, 08.09.1998). Während sich Brandenburgs Umweltminister Matthias Platzeck erleichtert über das Abstimmungsergebnis zeigte, betonte Bürgermeister Bernd Siegert, der Erhalt des Dorfes bleibe weiterhin das Ziel. Man wolle nun im November vor den Europäischen Gerichtshof ziehen.

Städte klinken aus: Mit der Gründung der Arbeitsgemeinschaft Energie Baden-Württemberg können nun 75 Stadtwerke neue Strombezugsverträge über 11,5 Mrd. kWh/a (rund 90 Prozent der künftigen Jahreserzeugung des Kraftwerks Lippendorf und ein Fünftel des Strombedarfs im deutschen Südwesten) abschließen (StromThemen, 9/98, S. 4). Neben der Energie Baden-Württemberg (EnBW) (einem 25prozentigen Eigentümer in Lippendorf) wolle man künftig auch mit anderen Stromlieferanten verhandeln. Die EnBW strebt bereits eine Einigung mit der Freiburger Energie- und Wasserversorgung AG (FEW) über Stromlieferungen von der Zürcher Watt AG an (Stuttgarter Nachrichten, 08.09.1998) (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 34).

Liberalisierung winkt: Das Städtische Klinikum St. Georg hat sich verpflichtet, künftig seinen gesamten Bedarf an Erdgas und Strom von den Stadtwerken Leipzig zu beziehen(Leipziger Volkszeitung, 10.09.1998, S. 13). Im Gegenzug werden Energiedienstleistungen der Stadtwerke eingesetzt und die Palette gemeinsamer Initiativen ausgeweitet.

Überteuert: Nach Ansicht von RWE könnten sich Kraftwerkstypen mit hohen Fixkosten und niedrigen Brennstoffkosten als wenig konkurrenzfähig erweisen (Rheinischer Merkur, 10.09.1998) Da Kernkraftwerke rund 2800 Mark pro kW kosten, wird kommentiert, "erledigt sich die Kernenergiefrage quasi von selbst". (Lippendorf ist aber genauso teuer.)

Dokumentation

Unabhängiges Institut für Umweltfragen, Ergebnisse der schulischen Energieeinsparaktion "Fifty/fifty in Berlin" zur Reduzierung des Stromverbrauchs (Juni 1997 - Juni 1998): 12. Grundschule -25,5 %, 3. Grundschule -12,4 %, 3. Gymnasium -32,9 %, 1. Sonderschule -32,9 %, 2. Sonderschule -13,2 %, durchschnittliche Veränderung -26,8 %.

VDEW: Durchschnittliche Ausnutzungsdauer der deutschen Grundlastkraftwerke1997 in Stunden: Kernenergie 7645, Braunkohle 6438, Laufwasser 5086.

Rückblende

Walter Greiling, "Chemie erobert die Welt", Dresden, 1943, S. 307: "Heute steht schon fest, daß im Jahre 2000 kein Erdöl mehr vorhanden sein wird. Die Kohlevorkommen aber dürften bestimmt noch ein ganzes Jahrtausend den Bedarf der Menschen decken."