22. Oktober 1998 Nr. 39

Neuer Energiemix

Das vom Lausitzer Braunkohletagebau bedrohte Dorf Horno will sich als erste deutsche Kommune an der "Aktion Stromwechsel" von Greenpeace beteiligen. "Hätten die Energiekonzerne für den sauberen Strom gesorgt," betonte am 25. September Bürgermeister Bernd Siegert, "dann müßten wir uns jetzt nicht über die Zerstörung unseres Dorfes und der Region sorgen".

Diese Erkenntnis liegt im Trend der Zeit. Die Energie Baden-Württemberg und die Bayernwerk AG bieten ihren Kunden grünen Strom aus Windkraft und Photovoltaik an. Dennoch soll die Gemeinde Heuersdorf für ihren gemeinsamen Block S im Kraftwerk Lippendorf abgebaggert werden.

Da nun plötzlich wegen unbefriedigender Umsätze die Mitteldeutsche Braunkohlegesellschaft mbH (Mibrag) verkauft werden soll (Leipziger Volkszeitung, 20.10.1998), steht die Wirtschaftlichkeit der Braunkohle insgesamt in Frage. Viele Verbraucher zahlen gern etwas mehr für umweltfreundlichen Strom, doch wer möchte schon die Kosten für energiepolitische Fehleinschätzungen einer abgewählten Bundesregierung übernehmen?

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Eingemeindung vollzogen: Die sorbische Gemeinde Horno wurde mit den Kommunal- und Bundestagswahlen offiziell aufgelöst (Die Welt, 28.09.1998). Zur Verhinderung einer Abbaggerung wird weiterhin die Möglichkeit einer Klage vor dem Europäischen Gerichtshof gegen die Mißachtung des Minderheitsschutzes geprüft.

Wachsender Energiehunger: Eine Studie der Internationalen Union der Erzeuger und Verteiler elektrischer Energie (UNIPEDE) prognostiziert bis 2010 einen jährlichen Anstieg des europäischen Stromverbrauchs um 1,6 Prozent (fakten, 9/98). Die deutschen Stromversorger rechnen jedoch bis 2001 mit einem Kapazitätszuwachs von lediglich 0,6 Prozent.

Roßkur: Die Bayernwerk AG nimmt das zu 90 Prozent ausgelastete Steinkohlekraftwerk Aschaffenburg (159 MW) vom Netz, da die Stromerzeugungskosten "deutlich über dem Marktpreis" liegen (Main-Echo, 09.10.1998). Betriebsleiter Hans-Jürgen Hoferichter verwies in einer Betriebsversammlung darauf, daß an den "Spotmärkten" die Kilowattstunde derzeit schon für weniger als drei Pfennig zu haben sei. Europaweit gebe es 30 000 Megawatt nicht vermarktbare Überkapazität, 900 allein beim Bayernwerk. Der Hinweis der Gemeinde Heuersdorf, die Stillegung hänge mit der Inbetriebnahme des Kraftwerks Lippendorf zusammen, wurde vom Bayernwerk dementiert (22.10.1998). Die Entscheidung resultiere vielmehr aus der "Nichtwettbewerbsfähigkeit" auf dem liberalisierten Energiemarkt.

Dynamik durch Diversifizierung: Für Gerhard Goll, den Vorstandsvorsitzenden der am Kraftwerk Lippendorf beteiligten Energie Baden-Württemberg (EnBW), seien Erlöseinbußen von 30 bis 35 Prozent auf dem liberalisierten Strommarkt "nichts Außergewöhnliches" (Vis-A-Vis Magazin, Oktober 1998, S. 29). Der Unternehmensgewinn soll jedoch durch "Produkte und Dienstleistungen" wieder gesichert werden. Die EnBW beteiligt sich an der Stromhandelsgesellschaft "Deutsche Energy One" (DEO) mit der zu BASF gehörenden Wintershall, der Mannheimer MVV Energie und der Wirtschaftlichen Vereinigung deutscher Versorgungsunternehmen (Stuttgarter Nachrichten, 06.10.1998).

Gewinn erwirtschaftet: Die Westsächsische Energie Aktiengesellschaft (Wesag) hat das Geschäftsjahr 97/98 mit einem Überschuß von 8,7 Millionen DM abgeschlossen (Leipziger Volkszeitung, 10.10.1998, S. 6). Während Großkunden durch Stromrabatte von 11 Prozent gehalten werden, wird für private Haushalte "Preisstabilität" bis zum 31.10.2000 gewährt. Der von der Wesag gelieferte Strom wird zu 93 Prozent aus Braunkohlekraftwerken bezogen.

Rückzug in Aussicht: Die verringerte Nachfrage nach Braunkohle hat sich im 3. Quartal 1998 negativ auf das Geschäftsergebnis des Mibrag-Gesellschafters Morrison-Knudsen Corporation ausgewirkt (Unternehmensbericht an die US-Aktien-Aufsichtsbehörde, SEC form 10-Q). Als Ausgleich für die mangelnde Auslastung des Tagebaus Profen kündigte ihr Partner NRG Energy den Bau eines 400-MW-Braunkohlekraftwerks in Sachsen-Anhalt für 800 Millionen DM an (Handelsblatt, 19.10.1998, S. 13, vgl. Rückblende). Damit sollen 2 000 Arbeitsplätze gesichert und weitere 120 bis 150 Stellen neu geschaffen werden. Kurz darauf bekundete aber die Rheinbraun-Tochter Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) Interesse an einer Übernahme der Mibrag, die aufgrund der schlechten Ertragslage veräußert werden soll (Leipziger Volkszeitung, 20.10.1998, S. 6, vgl. Heuersdorf Aktuell Nr. 36).

Energiewende strategisch angehen: Die energiepolitische Sprecherin der sächsischen PDS-Landtagsfraktion Monika Runge hat sich für eine "Parallelität" beim Ausstieg aus der Atomenergie und aus der Braunkohleverstromung ausgesprochen (Leipziger Volkszeitung, 22.10.1998, S. 4).

Rückblende

"Hochspannung auf dem Strommarkt", Süddeutsche Zeitung, 07.12.1994: "Die Veag Vereinigte Energiewerke AG, Berlin, stemmt sich gegen den Bau eines neuen Braunkohlenkraftwerks bei Profen in Sachsen-Anhalt. Diesen 500-Megawatt-Block will die amerikanische NRG Energy Inc., Minneapolis, zusammen mit der Mitteldeutsche Energieversorgung AG (Meag), Halle, und der Energieversorgung Sachsen Ost AG (Esag), Dresden, errichten... Die Veag befürchtet durch den Vorstoß der Amerikaner auf dem ostdeutschen Strommarkt eine unmittelbare Gefahr für ihren Stromabsatz. 'Wenn das Kraftwerk Profen... gebaut und der Strom in Ostdeutschland abgesetzt wird, entfällt die wirtschaftliche Grundlage für den Bau eines zweiten Veag-Kraftwerksblocks in Boxberg', heißt es bei der Veag auf Anfrage. Damit wären Tausende von Arbeitsplätzen, vor allem auch bei der Lausitzer Braunkohle AG (Laubag), Senftenberg, gefährdet... Bei einer Gesamtförderung von rund 15 Millionen Tonnen jährlich wird das neue Kraftwerk Lippendorf in Sachsen zwar zu den sicheren Abnehmern gehören. Auch das Buna-Kraftwerk in Schkopau soll mit Mibrag-Kohle befeuert werden. Dies reicht jedoch nicht aus, um die Förderkapazität auszulasten".