02. Februar 1999 Nr. 47

Selbsterfüllende Prophezeiung

Die vom Bundesbauministerium auserkorene “Region der Zukunft” im Leipziger Südraum entwickelt sich nun tatsächlich - nach Beendigung der großtechnischen Bauphase - zum Schauplatz für die Beschäftigungskrisen und volkswirtschaftlichen Verzweiflungstaten der Zukunft (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 33, 46) . Nirgendwo sonst werden pro verbleibenden Arbeitsplatz mehr Ressourcen ausgebeutet und so viel Kohlendioxid emittiert wie in dieser Heimat der mitteldeutschen Ökologiebewegung (vgl. Rückblende).

Bisher war kein Konzept für eine langfristig nachhaltige Energieversorgung erkennbar. Da jedoch die Braunkohlereserven in wenigen Jahrzehnten verbraucht sein werden, sollte nun mit dem erzeugten Kohlestrom eine Serienproduktion zur Ausstattung der ressourcenarmen Zukunft betrieben werden.

Andernfalls könnte das Kraftwerk Lippendorf zum technischen Denkmal für ein geflügeltes Wort von Friedrich Schiller werden, der einst in der benachbarten Gemeinde Kahnsdorf gern verweilte: “Der Wahn ist kurz, die Reu’ ist lang”.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Stromhandel eröffnet: Im sächsischen Schkeuditz hat die “Kilowatthandel GmbH” einen Stromeinkaufspool für Gewerbe- und Industriekunden gegründet (Leipziger Volkszeitung, 19.01.1999, S. 11; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 31,34, 39, 45). Der Geschäftsführer Christian Haase beabsichtigt nun eine strategische Ausweitung bis Delitzsch, Eilenburg und Borna. Eine erhöhte Konkurrenzfähigkeit der regionalen Stromverteilungsunternehmen ist aber auch durch die bevorstehende Fusion von den sächsischen RWE-Töchtern Westsächsische Energieversorgung AG (Wesag), Energieversorgung Südsachsen AG (EVS) und Energieversorgung Spree-Schwarze Elster AG (Essag) absehbar (S. 7). Die Sprecherin des Bundesvorstandes von Bündnis 90/Die Grünen, Gunda Röstel, sprach sich für die Etablierung der deutschen Energiebörse in Leipzig aus (Leipziger Volkszeitung, 30.01.1999, S. 7). Mitbewerber sind Frankfurt, Hannover und Düsseldorf. Es bestehe allerdings die Gefahr, daß ein ausländischer Handelsplatz wie z. B. Amsterdam dem Vorhaben zuvorkommen könnte. (Angesichts des Diskussionsrückstands in Deutschland wäre das nicht verwunderlich.)

Zukunftsbedacht: Die Zahl der in der ostdeutschen chemischen Industrie tätigen Produktentwickler liegt mit 21 000 höher, als in den alten Bundesländern (Leipziger Volkszeitung, 19.01.199, S. 7). Der Umsatz von 10 Mrd. DM stellt allerdings nur einen Bruchteil des gesamtdeutschen Branchenergebnisses von fast 200 Mrd. DM dar. Die Produktivität liegt bei 70 Prozent des Westniveaus. Die Umweltministerin von Sachsen-Anhalt, Ingrid Häußler, verlangt eine Sonderlösung für die ostdeutsche Chemieindustrie bei der Ökosteuerreform (Mitteldeutsche Zeitung, 20.01.1999, S. 1). Viele Unternehmen seien auf dem neuesten technologischen Stand und könnten auf eine Verteuerung gar nicht mehr reagieren.

Gestriges: In Störmthal bei Leipzig ist die Ausstellung “Ansichten verlorener Orte” im GallerieCafé (034297 - 48215) eröffnet worden (Leipziger Rundschau, 27.01.1999, S. 5; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 6). Von dort startet auch die Südraumtour “Von der Kohle zum Strom”.

Kohlekumpel: Vor dem Sächsischen Landtag hat Wirtschaftsminister Kajo Schommer mehr Braunkohlekraftwerke in Ostdeutschland gefordert (Leipziger Volkszeitung, 22.01.1999, S. 4; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 43, 44). Andernfalls seien viele der 25 000 Arbeitsplätze (u. a.) im Bergbau (ab 2000 ca. 8 700, s. Heuersdorf Aktuell Nr. 44) und in der (ohnehin weitgehend auslaufenden)Bergbausanierung in Gefahr. Der Leipziger Regierungspräsident Walter Christian Steinbach bezweifelt, daß infolge des mittelfristig erfolgenden Atomausstiegs ein weiterer 900 MW-Braunkohleblock in Boxberg gebaut werden müßte (Leipziger Volkszeitung, 28.01.1999, S. 7; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 30, 31, 35). Die Ost-Braunkohle soll zwar von der neuen Situation profitieren. Doch: “Der Anteil des Atomstroms am Energiemix in Deutschland ist beträchtlich, aber auch die Überkapazitäten im gesamten Stromangebot sind beachtlich”. (Der seit Jahren bestehende Hinweis der Heuersdorfer auf diese Überkapazitäten - früher ohne den Atomausstieg - wurde stets von der sächsischen CDU und SPD mißachtet sowie vom jetzigen Umweltminister Rolf Jähnichen bestritten; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 37.)

Prognosefehler: Nach Angabe von (Mibrag-Geschäftsführer) Bruce Demarcus beim Wirtschaftsverband Kohle ist die ostdeutsche Braunkohleförderung von 300 Millionen Tonnen 1990 auf 65 Millionen Tonnen 1998 zurückgefahren worden (Leipziger Volkszeitung, 27.01.1999, S. 6). (Im bis 2010 geltenden Energieprogramm Sachsen wird auf S. 78 ein Braunkohlebedarf von 108 Millionen Tonnen für das Jahr 1998 vorhergesagt.) Bald gingen aber zwei neue Braunkohlekraftwerke (Lippendorf und Boxberg) mit Kapazität von 2700 MW ans Netz. (Gleichzeitig werden jedoch die kohleintensiven Kraftwerke Thierbach und Alt-Lippendorf mit einer Gesamtleistung von 1.090 MW stillgelegt.)

Spurwechsel: Im Gegensatz zu seiner kürzlichen Befürwortung der ostdeutschen Braunkohle (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 46) ist nach Ansicht des Bundesumweltministers Jürgen Trittin nun “ein Ersatz eins zu eins für abgeschaltete Atomkraftwerke nicht nötig” (UmweltMagazin, Februar 1999, S. 33). Zunächst müssen Überkapazitäten abgebaut, “die großen Potentiale für die Einsparung” erschlossen und erneuerbare Energien ausgebaut werden.

Rückblende

Kristina Kasek, “Zur Wirksamkeit von Interessengemeinschaften im Bezirk Leipzig”, Natur und Umwelt, Zentralvorstand der Gesellschaft für Natur und Umwelt, Kulturbund der Deutschen Demokratischen Republik, 2/1987, S. 46 - 47: “Durch eine gezielte Pressearbeit haben wir uns selbst ins Gespräch gebracht und als Referenten angeboten. In einer Vielzahl von Veranstaltungen in Partei-, Gewerkschafts- und FDJ-Gruppen in Betrieben und wissenschaftlichen Einrichtungen konnten wir bisher mit beitragen, Wissen über Umweltschutzprobleme zu vermitteln, Kenntnisse über den bisherigen Stand in unserem Land weiterzugeben, das Verantwortungsbewußtsein der Werktätigen wie auch der staatlichen Leiter anzusprechen. Wir sind gegen die noch so häufige Begründung: Umweltschutz kostet Geld, und deshalb geht vieles nicht! Wieviel mehr kostet uns das, was wir heute nicht tun in Zukunft? Und wem nutzt es gesagt zu bekommen, was wir nicht können - ist es nicht viel wichtiger zu sagen, was wir können, was wir tun müssen, was geht, auch ohne Unsummen zu kosten, was persönliches Engagement und Ausschöpfen der gesamten Breite des Verantwortungsbereiches eines jeden von uns bewirken?... Im dritten Jahr, in dem wir jetzt eine Bauschuttkippe begrünen... haben wir etwa 3 000 Bäume gepflanzt, Bäume, die wir vorher mühsam aus dem Tagebauvorfeld Cospuden ausgegraben und dann per Fahrrad zur Kippe gebracht haben”.