17. Februar 1999 Nr. 48

König Kunde

“Die englischen Oberbefehlshaber”, bemerkte einst Georg Orwell, “betrachteten jeden Krieg als eine Wiederholung des vorangegangenen”. Sie klammerten sich stets an veraltete Methoden und Waffen. Sonst hätten sie eingestehen müssen, daß sich die Welt ändert.  

Die sächsische Stromwirtschaft ist vortrefflich dazu geeignet, die DDR-Schwerindustrie zu versorgen. Hat die Planwirtschaft jedoch unter chronischer Energieknappheit gelitten, weiß man heute nicht mehr, wohin mit dem überschüssigen Strom. Wurden in der DDR 4/5 des elektrischen Stroms aus Braunkohle erzeugt, beträgt dieser Anteil nun bei der Veag 93 Prozent.

Es gibt aber immer wieder Hoffnung, wie Orwell feststellt. Jeder Krieg in England fing mit einer Reihe von Desastern an, doch danach wurde die Situation von sozial relativ niedriggestellten Bürgern gerettet. Im August 1997 gab der Veag-Vorstandschef Jürgen Stotz in Greifswald eine ähnliche Erkenntnis zu Protokoll: Der Energiemarkt der Zukunft wird kundengesteuert sein. Bislang hat er es allerdings versäumt, diese Äußerung im Leipziger Raum zu wiederholen.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Der Staat und der Müll: Bei einer Anhörung zur Abfallwirtschaft im Sächsischen Landtag befürworteten die von der CDU bestellten Fachleute die Verbrennungstechnik (Leipziger Volkszeitung, 02.02.1999, S. 4). Die Experten der SPD plädierte für alternative Behandlungsverfahren (“Kalte Rotte”). Der von der PDS geladene Professor Michael Braungart (Lüneburg) forderte jedoch, den enormen Investitionsaufwand der Beseitigungsanlagen in die Entwicklung abfallarmer Technologien umzulenken.

Konzeptvielfalt: Nachdem der Tagebau Zwenkau im Sommer 1999 ausläuft, wird die Sanierung und Flutung von der Lausitzer- und Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) eingeleitet (Leipziger Volkszeitung, 02.02.1999, S. 13). In wenigen Jahren sollen Badestrände, Häfen und ein Neubaugebiet den Zwenkauer See säumen. In dem neu erschienenen Werk “Naturschutz in den neuen Bundesländern - ein Rückblick” (BdIW-Verlag, Postfach 543, 35017 Marburg) wird die Verwandlung des ehemaligen Tagebaus Zechau bei Altenburg in ein Naturschutzgebiet beschrieben (S. 671). Ein Verzeichnis von Bergbaufolgeinitiativen enthält das Jahrbuch 1998 BergbauFolgeLandschaft (Pro Leipzig, Waldstraße 65, 04105 Leipzig), das in diesem Jahr der Lausitz gewidmet ist (s. Dokumentation). Nach einer Ankündigung des Leipziger Regierungspräsidenten Walter Christian Steinbach wird ab Frühjahr 1999 die denkmalgeschützte Brikettfabrik in Neukirchen / Gemeinde Wyhratal durch 20 bis 30 arbeitslose Jugendliche saniert (hallo! Leipzig, 06.02.1999, S. 2).

Liberalisierung wirkt: Als Reaktion auf die Konkurrenz der Kilowatthandel GmbH (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 47) treten nun die Stadtwerke Schkeuditz in Verhandlungen mit der Westsächsischen Energieversorgung AG (Wesag) über neue Verträge mit Preisreduzierungen für alle Kunden ein (Leipziger Volkszeitung, 05.02.1999, S. 15). Greenpeace hat bislang über 50 000 Absichtserklärungen für die “Aktion Stromwechsel” aus CO2-verminderten Energiequellen gesammelt (Greenpeace Nachrichten, 2/1999, S. 5).

Kampf der Giganten: Nach Auskunft des Rheinbraun-Vorstandsmitglieds Dieter Henning (Zeitung für kommunale Wirtschaft, 2/1999, S. 12) streben die deutschen Braunkohleproduzenten eine langfristig stabile Förderung von 170 Millionen Tonnen im Jahr an (1997: 177 Mio. t). In bestehenden und in neuen Kraftwerken “soll und wird die Braunkohle wettbewerbsfähig bleiben”. Doch nach der Übernahme eines 2,5prozentigen Anteils an der russischen Gazprom durch die Ruhrgas AG könnte in baldiger Zukunft elektrischer Strom zu Dumpingpreisen aus grenznahen Kraftwerken nach Westeuropa geliefert werden (Wirtschaftswoche, 31.12.1998, S. 9).

Dienstleistungsidylle: Während der frühere Bezirk Leipzig 1990 das viertwichtigste Industriezentrum der DDR war (nach Halle, Chemnitz und Dresden; s. Rückblende), steht nach Erkenntnis der Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung (GfK) der heutige Landkreis Leipzig nur noch auf dem 349. Platz bei der Industriedichte aller deutschen Regionen (Leipziger Volkszeitung, 16.02.1999, S. 11). Die Stadt Leipzig ist mit 23 Industriebeschäftigten pro 1000 Einwohner erst an 419. Stelle. Einen Lichtblick bietet die aus der Konkursmasse der Werkstoffunion entstandene BGH Edelstahl Lippendorf GmbH, in der 115 Mitarbeiter beschäftigt sind (Leipziger Volkszeitung, 17.02.1999, S. 6). Beim Vorgängerbetrieb gingen 225 Millionen DM Fördermittel verloren (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 1, 5, 6, 10, 15, 21), da es keine Absatzperspektive für hochwertige Nickel-Kupfer-Legierungen gab. Im neuen Unternehmen wird 350 bis 500 Millimeter dicker Stahl für den Ölplattformbau gepreßt.

Dokumentation

Matthias Platzeck, Jahrbuch BergbauFolgeLandschaft 1998, Dessau, 1998, S. 5: “Infolge des drastischen Rückgangs verloren in der Lausitzer Braunkohleindustrie ca. 90 000 Arbeiter ihre Beschäftigung. Von vormals 17 Braunkohletagebauen verbleiben nur fünf als Langfristtagebaue, davon liegen drei im Land Brandenburg... So rechnet die Landesregierung in Brandenburg auch nach dem Jahr 2000 mit einer Braunkohleförderung von 35 bis 40 Mio. t/a”.

Rückblende

Lexikon Städte und Wappen der DDR, Leipzig, 1984, S. 250: “Leipzig: Die zweitgrößte Stadt der DDR zählt 562000 Ew. ... Die vielseitige Industriestruktur wird geprägt durch den (Schwer-) Maschinenbau zur Herstellung von Verlade-, Transport- und Förderanlagen (VEB Schwermaschinenbau ‘S. M. Kirow’, VEB Verlade- und Transportanlagen ‘Paul Fröhlich’), Chemieanlagen, Metalleichtbaukonstruktionen (VEB Kombinat Metalleichtbau L.), Metallguß, Gießereianlagen, Werkzeug-, polygraphische (VEB Kombinat Polygraph ‘Werner Lamberz’), Land- (VEB Bodenbearbeitungsgeräte), Nahrungsmittelmaschinen, Getrieben, Kugellagern, Pumpen, Hydraulikanlagen und anderen Zulieferteilen. Bedeutend sind auch der Bau von elektrotechnischen, feinmechanischen, Medizin- und Laborgeräten, die chemischen, polygraphischen (u. a. Graphischer Großbetrieb INTERDRUCK), Textil-, Konfektions-, Rauchwaren- (VEB Brühlpelz), Lebensmittel-, Holz-, Musikinstrumenten-, Bau- und Baumaterialienindustrie (darunter Großplattenwerk für Wohnungsbau)”.