12. März 1999 Nr. 49

Schnellschuß

Die Stadt Leipzig, der Freistaat Sachsen, die SachsenLB und die skandinavische Strombörse Nord Pool haben eine Absichtserklärung über die Aufnahme eines Stromhandels in Leipzig unterzeichnet (Der Tagesspiegel, 18.02.1999; Leipziger Amts-Blatt, 27.02.1999). Für Sachsens Wirtschaftsminister Kajo Schommer kann durch dieses Projekt die Angleichung der Strompreise zwischen Ost- und Westdeutschland beschleunigt werden.

Eine Strombörse lohnt sich nur dann, wenn die Bezugsbedingungen für den Endverbraucher günstiger werden. Mit jeder Preissenkung wird es aber schwieriger, die Fixkosten der Energiewirtschaft zu amortisieren.

Damit schwindet die Aussicht auf neue Braunkohlekraftwerke. Diese Hoffnung kann ebenfalls nicht durch einen Verzicht auf die Kernenergie erfüllt werden. Nach Ansicht von Ernst Ulrich von Weizsäcker (Wuppertal-Institut) wäre ein Atomausstieg erst nach 30 Jahren ökologisch vertretbar, wenn der Wechsel zu erneuerbaren Energien erfolgt (Leipziger Volkszeitung, 12.02.1999, S. 2).

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Rendite zuerst: Der Vorstandsvorsitzende der Energie Baden-Württemberg (EnBW), Gerhard Goll, verweist auf die vorherrschende Annahme in der Stromversorgungswirtschaft von “40 Vollastjahren eines Kernkraftwerks” (Stuttgarter Nachrichten, 17.02.1999). Der Verkauf des landeseigenen 25prozentigen EnBW-Anteils (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 17) werde wahrscheinlich in diesem Jahr geklärt, da es “in Europa kein interessanteres Angebot” gibt. (Ungeachtet jeder fehlenden Versorgungsnotwendigkeit trägt der Lippendorf-Anteilseigner EnBW die staatspolitische Forderung nach einem “Sonderopfer” der Heuersdorfer mit.)

Absatzplateau: Die Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) hat im IV. Quartal 1998 wegen der Abschaltung alter Veag-Kraftwerke lediglich 12,5 Millionen Tonnen Braunkohle gefördert (Leipziger Volkszeitung, 23.02.1999, S. 5). (Nach Hinzurechnung der Mibrag-Lieferungen dürfte sich der ostdeutsche Kohleabbau auf ca. 70 Millionen Tonnen pro Jahr einpegeln.)

Menetekel: Nach Ansicht von Friedrich Gerstengabe, Forscher am Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung, steht Europa angesichts zunehmender Niederschläge “offensichtlich am Beginn eines neuen Klima-Regimes” (Mitteldeutsche Zeitung, 24.02.1999). Wolfgang Methling (PDS), Umweltminister von Mecklenburg-Vorpommern, erwägt die Gründung einer landeseigenen Agentur für Energie und Klimaschutz (Neues Deutschland, 24.02.1999, S. 3). Der Leipziger Stadtrat hat auf Antrag von Annette Körner (Bündnis 90 / Die Grünen) ein neues Klimaschutzprogramm verabschiedet, um die Zielvorgaben des weltweiten Klimabündnisses besser zu erfüllen (Leipziger Volkszeitung, 25.02.1999, S. 15). Abbaggerung kritisiert: In bezug auf die drohende Zerstörung von Heuersdorf hat der britische Denkmalschutzverein Society for the Protection of Ancient Buildings (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 45) den Mibrag-Anteilseigner PowerGen angemahnt, im Ausland nichts zu tun, wofür sie in Großbritannien keine Erlaubnis erhalten würde (SPAB News, 1/1999, S. 11).

Geteilte Ansichten: Die Deutsche Shell AG und die Hamburgische Elektricitäts-Werke AG (HEW) haben die Firma “newpower” für Elektroenergie aus regenerativen Quellen gegründet (Shell-Pressemitteilung, 26.02.1999). Der grüne Strom wird zunächst im Stadtgebiet von Hamburg zum Aufpreis von 9,2 Pf/kWh angeboten. Der Neubau von Windkraftanlagen und Photovoltaikanlagen ist geplant. Auf der Expo 2000 in Hannover könnte jedoch die Errichtung eines solaren Aufwindkraftwerks an der mangelnden Finanzierung scheitern (UmweltMagazin, 3/1999, S. 68). Die Rot-Grüne Regierung wolle nach Aussage des federführenden Ingenieurbüros Schlaich, Bergermann & Partner (Stuttgart) das Projekt nicht unterstützen, da Kohle und Gas für die nächsten 50 Jahre ausreichend vorhanden seien. Aufgrund der vermeintlichen Unvereinbarkeit des Stromeinspeisungsgesetzes mit dem EU-Wettbewerbsrecht möchte die PreussenElektra in Zukunft lediglich 12 Pf/kWh für den Fremdbezug von Strom aus Windkraftanlagen bezahlen (Der Spiegel, 10/1999, S. 106).

Meilensteine: In Böhlen bei Lippendorf werden bis Ende 1999 von der Buna Sow Leuna Olefinverbund GmbH (BSL) Investitionen von über 1,6 Milliarde DM getätigt worden sein (09.03.1999, S. 5; s. Rückblende). Laut Information der Mitteldeutschen Bergbau-Verwaltungsgesellschaft mbH (LMBV) ist die Sanierung stillgelegter Braunkohletagebaue in Ostdeutschland bereits zu zwei Drittel abgeschlossen (Leipziger Volkszeitung, 08.03.1999, S. 7). Doch bei der Planung des Expo-2000 Projekts “Landschaftspark Cospuden” herrscht bei beteiligten Naturschutzverbänden der Eindruck, daß ganzheitliche Informationen über die Renaturierung des ehemaligen Tagebaus vorenthalten werden (Löwenmaul, 12/1998, S. 5). So sei z. B. der Bestand des auf der Roten Liste stehenden Eiszeitreliktkrebses gefährdet.

Bluesfabrik: Am 06. Juli treten im Konzert Ray Charles und die Raelettes in der Elf-Raffinerie in Leuna auf (Leipziger Wochenkurier, 10.03.1999, S.11). Bis dahin könnte auch der EU-Wettbewerbskommissar festgestellt haben, ob die frühere Bundesregierung an diesem Standort einen Subventionsbetrug zu vertuschen versucht hat (Leipziger Volkszeitung, 18.02.1999, S. 7 und 01.03.1999, S. 6).

Schwefelfreier Strom: Der erste Block des Neubaukraftwerks Lippendorf geht im Herbst 1999 ans Netz, der zweite Block folgt im Jahr 2000 (Freie Presse, 09.03.1999). Die Fels-Werke GmbH und die Rheinisch-Westfälische Kalkwerke AG liefern jeweils 150.000 Tonnen Kalk pro Jahr per Bahn aus dem Harz für die Rauchgasentschwefelung. Aus der entstehenden Rohgipsmenge von bis zu 1 Millionen Tonnen wird der französische Baustoff- Konzern Lafarge in Lippendorf Baumaterialien herstellen.

Rückblende

“Umweltschutz Ost bekommt Milliarden-Spritze”, Leipziger Volkszeitung, 26.09.1995, S. 1: “Bis zur Jahrtausendwende sind für Umweltschutzinvestitionen in den neuen Ländern 23,5 Milliarden Mark öffentliche Mittel fest eingeplant, kündigte gestern Umweltministerin Angela Merkel (CDU) an. Allein für die Altlastsanierung von früheren DDR-Unternehmen werden zehn Milliarden Mark bereitgestellt. Ferner gibt es für die Sanierung von 23 Großprojekten wie Böhlen, Buna oder Leuna sechs Milliarden. Darüber hinaus werden für die Sanierung der Braunkohleregionen bis 1997 insgesamt 7,5 Milliarden Mark ausgegeben”.