9. Januar 1997 Nr. 5

Ressourcenausbeutung trotz Überkapazitäten

Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" hat am 16.12.1996 (S. 96) bestätigt, was viele längst wissen: Der Stromverbrauch in Deutschland nimmt kaum noch zu. Moderne Kraftwerke gibt es mehr als reichlich. Die Stromwirtschaft weist Überkapazitäten von 20 - 30 Prozent auf. Nach der Liberalisierung des EU- Energiemarktes können die Strompreise um 40 Prozent fallen.

Das gibt jedem zu denken, der heute in neue Energieanlagen investiert, um erst morgen Strom in das europäische Netz einzuspeisen. Es wird in Zukunft länger dauern, um die getätigten Kapitalinvestitionen wieder zu amortisieren. Die Sättigung des Energiemarktes zwingt bereits zu Entlassungen (allein 450 Mitarbeiter bei der Bayernwerk AG bis 2000).

In den ostdeutschen Braunkohlerevieren werden aber weitere Bodenschätze abgebaut und Landschaften zerstört, um sich mit einem Stromexport von bis zu 60 % am europäischen Überflußmarkt zu beteiligen. Nirgends gibt es so viele Industriekraftwerke mit so wenig Industrie wie in den neuen Bundesländern.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Heuersdorf-Film preisgekrönt: Auf dem internationalen Filmfestival "Ekotopfilm ‘96" in Zilina (Slowakei) wurde die Filmreportage von Frank Alleweldt "Wende oder Ende? Aufstand in Heuersdorf" in der Kategorie "journalistische Programme" mit dem Hauptpreis ausgezeichnet. Die Erstausstrahlung fand am 10.10.1995 im Dritten Programm des Westdeutschen Rundfunks statt. Der Film zeigt, daß die Kohle unter Heuersdorf durch die Erschließung von regenerativen Energien und Einsparstrategien technologisch zu erübrigen wäre.

Windpark im Leipziger Südraum geplant: Auf der Kulkwitzer Flur nahe dem ehemaligen Kohlerevier sollen sechs Windturbinen mit Nennleistung von jeweils 500 Kilowatt entstehen. Das Vorhaben wird vom Leipziger Planungsausschuß befürwortet (Leipziger Volkszeitu ng, 19.12.1996, S. 18). Den Angaben zufolge könnten mit diesen Windgeneratoren knapp 6000 Tonnen Rohbraunkohle im Jahr eingespart werden. Damit wäre zwar nur eine Arbeitsschicht pro Jahr in einem Block des neuen Kraftwerks Lippendorf zu ersetzen. Die Senkung des Energieverbrauchs würde jedoch den anteiligen Versorgungsbeitrag der Windkraft erhöhen.

Biomasse als Braunkohlezusatz: Versuche der Bayernwerk AG mit der Beifeuerung von Stroh- und Ganzpflanzenpreßlingen im Kraftwerk Schwandorf haben keine prinzipielleVeränderung des Betriebszustandes gezeigt. Mit Biomasse würden dazu auch "viele zukunftsträchtige neue Arbeitsplätze mit Standortbildung" entstehen (UmweltMagazin, Dezember 1996, S. 51).

Ökologisch gerechter Bergbau in der Lausitz: Nach dem Gesetzentwurf im Brandenburger Landtag zur umstrittenen Umsiedlung der Gemeinde Horno soll die dortige Braunkohle unter "Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen und bei schonender Nutzung des Bodens" gewonnen werden (Juckreiz - Die Jugendumweltzeitung für Berlin, Nr. 15, S. 2).

Solarforschungsstelle aufgelöst: "Weil die Bundesmittel für Untersuchungen zum Verwerten der Sonnestrahlen schrumpfen" wurde am 31.12.1996 die Außenstelle des Fraunhofer Institutes für Solare Energiesysteme (ISE) in Leipzig geschlossen (Leipziger Volkszeit ung, 20.12.1996, S. 4). Die Forscher betreuten seit 1991 das bundesweite 1000-Dächer-Programm für Photovoltaikanlagen und realisierten eine Fassade mit transparenter Wärmedämmung an einer Schule im Leipziger Vorort Lindenthal.

Regionale Wirtschaftsentwicklung zum Vorteil anderer: Die Leipziger Volkszeitung kommentiert (03.01.1997, S. 3): "Milliardenprojekte wie ‘Leuna 2000' oder das Kraftwerk Lippendorf bescheren westdeutschen oder ausländischen Unternehmen traumhafte Umsätze. D ie hiesigen Firmen jedoch sind gerade in der Lage, Baugruben auszuheben, Beton zu schütten oder Kies zu karren".

Übernahmeangebot für die Werkstoff-Union: Nach Angabe des Betriebsrats liegt "eine schriftliche Kaufabsicht eines amerikanischen Unternehmens vor" (Leipziger Volkszeitung 07.01.1997, S. 1). Für die stromintensive Herstellung "hochwertiger Legierungen" wurd e bislang ein Leistungsbedarf von 50 bis 100 MW geschätzt. (Die Angabe 600 MW in der Leipziger Volkszeitung vom 27.06.1996 beruhte auf Fehlinformationen.)Wichtig für die Standorterhaltung sind auch die Strombezugsbedingungen, die dem liberalisierten EU-Ene rgiemarkt vorgreifen könnten. Wegen der Abschreibung ihrer neuen Kraftwerke hält die Vereinigte Energiewerke AG jedoch die Braunkohle erst mittelfristig für wettbewerbsfähig (UmweltMagazin November 1996, S. 21). Eine Übergangsregelung bei der Liberalisieru ng von neun bis zehn Jahren sei deshalb für die ostdeutschen Energieversorger erforderlich.

Heuersdorf in der evangelischen Presse

In Ausgabe 41 der "Briefe zur Orientierung im Konflikt Mensch - Erde" sind zwei denkwürdige Beiträge über Heuersdorf enthalten. Kontaktanschrift: Kirchliches Forschungsheim, Friedrichstraße 1a, 06886 Lutherstadt Wittenberg, Telefon (0 34 91) 40 26 01, Fax 40 02 13.

Rückblende

Der Klimaforscher Dr. Hartmut Graßl vor dem "22. UmweltForum" am 23.11.1995 im Sächsischen Landtag: "Ich lese Ihnen jetzt vor, was auch für die Bundesrepublik Deutschland Völkerrecht ist, weil unser Parlament, der Bundestag, die Klimakonvention ratifiziert hat. Darin steht: Das Endziel dieses Übereinkommens ist es, die Stabilisierung der Treibhausgas- konzentrationen in der Atmosphäre auf einem Niveau zu erreichen, auf dem eine gefährliche Störung des Klimas verhindert wird.... Deswegen kann ich als Wissens chaftler... nur sagen:Man möge die Aktionen doch an der Leitsubstanz der Industriegesellschaft festmachen! Diese Leitsubstanz ist das Kohlendioxid. Daran gibt es überhaupt keinen Zweifel". (Die Verbrennung einer Tonne mitteldeutscher Braunkohle erzeugt eine Tonne Kohledioxid. Das neue Kraftwerk Lippendorf soll 10 Millionen Tonnen CO2 im Jahr emittieren.)