23. März 1999 Nr. 50

Zwangsumtausch

Mancher Neuwagen der Mittelklasse ist 4 Meter lang und kostet 35.000 DM. Stoßstange an Stoßstange zwischen Lippendorf und Leipzig sind das 130 Millionen Mark. Genauso viel wurde für die Fernwärmeleitung vom Kraftwerk Lippendorf in die Messestadt investiert (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 3). Die Trasse ist damit etwa 75 % pro Meter teurer als die Erdgasleitung “Europipe” unter der Nordsee (vgl. Stern 8 / 1998, S. 156).

Trotz Beihilfen aus dem Bund-Länder-Fernwärmesanierungsfonds müssen die hohen Investitionskosten auf möglichst viele Kunden umgelegt werden. Nachdem das Leipziger Musikerviertel Anfang der 90er Jahre auf Erdgas umgestellt wurde, soll nun zugunsten der Fernwärme das Gasnetz stillgelegt werden (Wochenkurier, 10.03.1999, S. 1). Einige Hausbesitzer wollen deswegen gegen die Stadtwerke klagen.

Die Lippendorfer Wärmeauskopplung bleibt insgesamt gering. Entgegen der ursprünglichen Planung wird weder die Stadt Borna noch der Leipziger Südraum noch Markkleeberg mit Lippendorfer “Abfallwärme” versorgt. Doch ungeachtet des niedrigen Energiebedarfs und aller früheren Ministerzusagen (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 29, Rückblende) soll Heuersdorf abgebaggert werden.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Höchstpegel: Wegen ökologischer Schäden und der Mißachtung geltender Vorschriften besteht in Sachsen ein Bauverbot für Kleinwasserkraftanlagen (Leipziger Volkszeitung, 13.03.1999, S. 6). Der Verband der Wasserkraftbetreiber verweist auf 250 laufende Genehmigungsverfahren mit einem Investitionsvolumen von 400 Millionen Mark, die von dieser Maßnahme betroffen sind.

Zurück in die Zukunft: Angesichts möglicher Fehldeutungen des Jahrhundertwechsels durch elektronische Computer und Steuerungsanlagen (“Jahr-2000-Problem”) werden in den USA Systemausfälle bei Atomkraftwerken befürchtet (Leipziger Volkszeitung, 10.03.1999, S. 1). Die Städtischen Werke Magdeburg (SWM) übernehmen bei unvorhergesehenen Ausfällen keine Garantie für die Stromversorgung (Magdeburger Volksstimme, 13.03.1999, S. 1). Nach Angabe der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW) liegen die Stromversorger jedoch insgesamt bei ihren Vorbereitungen auf das Jahresende im Zeitplan (Die Welt, 16.03.1999, S. 18). Im Notfall könnten die Stromnetze auch von Hand geschaltet werden.

Klimaschutz-Subbotnik: Die Stadtwerke Leipzig unterstützen in Rötha (nahe Lippendorf) ein Aufforstungsprojekt des Vereins “Prima Klima” und der Stiftung “Wald für Sachsen” als CO2-Ausgleichsmaßnahme für den Energieverbrauch des eigenen Verwaltungs- und Beratungsgebäudes (Leipziger Volkszeitung, 22.03.1999, S. 13). Rund 50 Enthusiasten haben am Sonnabend dem 20. März die ehemalige Hochkippe des Tagebaus Espenhain bepflanzt.

Einsparungen ohne Mühe: Durch den Einsatz von intelligenter Haustechnik konnte im amerikanischen Laredo (Texas) der Stromverbrauch um über 20 Prozent gesenkt werden (Die Welt, 16.03.1999, S. 32). Im US-Bundesstaat Kalifornien ist eine automatisierte Strombörse in Betrieb gegangen (PowerValue Magazine, Januar/Februar 1999, S. 18). Der Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) verweist darauf, daß der Standby-Verbrauch eines Videorecorders jährliche Stromkosten von 40 Mark verursacht (Braunschweiger Zeitung, 28.01.1999). Der Leerlauf aller elektronischen Geräte kostet einen Haushalt zwischen 125 und 350 Mark pro Jahr. (Der Verzicht auf die Heuersdorfer Braunkohle durch Energiesparmaßnahmen könnte die Verbraucher um ca. 15 Milliarden DM entlasten.)

Kostenspiel: Nach Schätzung von Deutsche Bank Research würde ein Atomausstieg über 20 Jahre den Strompreis lediglich um 1 Pf/kWh verteuern (Leipziger Volkszeitung, 13.03.1999, S. 8). Infolge der Marktliberalisierung sei aber gleichzeitig mit mittelfristigen Preissenkungen von 20 bis 30 Prozent zu rechnen. Der Finanzvorstand der Vereinigte Energiewerke AG (Veag), Gottfried Spelsberg-Korspeter, hat die negativen Folgen der Ökosteuer für die ostdeutsche Wirtschaft beklagt (Der Tagespiegel, 17.03.1999). Allein bei der Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) müßten Rückstellungen von ca. 1 Milliarde DM aufgelöst und die Hälfte dieses Betrags als Steuern gezahlt werden. Die Förderung von Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen werde die Veag geschätzte 10 Prozent ihres Jahresumsatzes kosten. (Muß Heuersdorf dennoch abgebaggert werden?) Der Bezug von rund 600 Gigawattstunden Strom (gleich 1/20 von Lippendorf bzw. ½ der Heuersdorfer Kohle) für den landeseigenen Gebäudebestand in Baden-Württemberg kostet jährlich 130 Millionen Mark (entsprechend 21,7 Pf/kWh) (Stuttgarter Nachrichten, 17.03.1999). Der dortige Finanzminister Gerhard Stratthaus rechnet mit kurzfristigen Preisnachlässen von 10 Prozent. Die Flughafen Frankfurt-Main AG hat für etwa die gleiche Strommenge lediglich 8 Pf/kWh mit örtlichen Lieferanten vereinbart (Handelsblatt, 31.12.1998, S. 11).

Spätes Erwachen: Während es deutschlandweit bereits 30 Quadratmeter Solarkollektoren pro 1000 Einwohner gibt, konnte in Sachsen bislang nur ein Drittel davon erreicht werden (Leipziger Volkszeitung, 17.03.1999, S. 4). Staatsminister Rolf Jähnichen hat deshalb zur “Solarinitiative 1999/2000" mit dem Hinweis aufgerufen, daß der “Anschluß an die Nutzung der regenerativen Energien” nicht verpaßt werden dürfe. (Ein kommunales Solarprogramm des Europäischen Energie- und Umweltparks der Region Leipzig [EUP Leipzig] wurde 1994/95 infolge der Nichteinhaltung von Fördermittelzusagen durch das sächsische Umweltministerium verhindert.)

Vorsätze vergessen: Nach Aussage von Konrad Kleinknecht, Vorstandsmitglied der Deutschen Physikalischen Gesellschaft, ist man dort “beunruhigt, daß wir im Augenblick nicht sehen, wer bei den Konsensgesprächen den Schutz der Erdatmosphäre vor dem Treibhausgas Kohlendioxid ernst nimmt. Der Klimaschutz hat keine Lobby” (Süddeutsche Zeitung, 23.03.1999). Die bisherigen CO2-Reduzierungen “beruhen nicht auf der eigenen Leistung des westdeutschen Landesteils”, sondern auf dem Zusammenbruch der ostdeutschen Industrie.

Rückblende

“Heuersdorf bleibt”, Leipziger Volkszeitung, 21.10.1993, S. 1: “‘Heuersdorf bleibt, das ist sicher!’, teilte Sachsens Landwirtschaftsminister Rolf Jähnichen gestern vor Journalisten in Borna mit. Der geplante Bau eines neuen Braunkohlenkraftwerks in Lippendorf sei dadurch in keiner Weise gefährdet. Damit könne die Gemeinde auch in den Genuß von Fördermitteln kommen, die im Rahmen eines von Jähnichen vorgestellten Programms ‘Ländlicher Raum’ zur Verfügung stehen würden”.