12. April 1999 Nr. 51

Schummel zwischen den Zeilen

Der Vorstandsvorsitzende der Vereinigten Energiewerke AG (Veag), Jürgen Stotz, sieht im Atomausstieg die Chance, daß die Braunkohlekraftwerke Jänschwalde und Boxberg auch nachts, an Wochenden und im Sommer voll ausgefahren werden (ADN, 02.03.1999). Bislang hätten sie eher im Mittellastbereich produziert.

Diese Äußerung läßt erkennen, daß die ostdeutschen Großkraftwerke bei weitem nicht ausgelastet sind. Doch die Veag und die Sächsische Staatsregierung haben stets (auch unter der früheren atomfreundlichen Bundesregierung) versichert, das Kraftwerk Lippendorf könnte ununterbrochen 7500 Stunden pro Jahr 40 Jahre lang laufen. Die Abbaggerung von Heuersdorf sei deshalb zwingend erforderlich.

Nun beweisen die Veag-Kraftwerke selbst, daß diese Stromabnahme nicht immer erreichbar ist. Warum nimmt aber der Sächsische Landtag keine Kenntnis davon? Die "Heuersdorf-Frage" muß dort und nicht im Gerichtssaal entschieden werden, um als demokratisch legimitiert zu gelten.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Wachsendes Bekenntnis: Durch Baumspenden u. a. auf der diesjährigen TerraTec und einer Baumpflanzaktion des umweltpolitischen Arbeitskreises der sächsischen PDS am 26.03.1999 stehen bereits zwei Dutzend Bäume im "Zukunftswald Heuersdorf" am nördlichen Ortsausgang.

Jobwunder: Nach Aussage des sächsischen Umwelt- und Landwirtschaftsminister Rolf Jähnichen sollen alle 947 derzeit Beschäftigten des auslaufenden Braunkohlekraftwerks Thierbach mit Sicherungs- und Demontagearbeiten im Kraftwerk Lippendorf bzw. in Nachfolgebetrieben weiterbeschäftigt werden (Leipziger Volkszeitung, 24.03.1999, S. 5). Die erforderliche Umschulung soll aus einem Teil der Abfindungssummen finanziert werden (30.03.1999, S. 10).

Rückgang: Werden derzeit noch 3000 Menschen beim Bergbausanierungsbetrieb Lausitzer und Mitteldeutsche Bergbau-Verwaltungsgesellschaft (LMBV) beschäftigt, sollen in diesem Jahr ca. 700 ausscheiden (Der Tagesspiegel, 24.03.1999). Der Leipziger Geologie-Professor Lothar Eissmann plädiert für den Erhalt der Bergbaufolgelandschaften als Teil der Kulturgeschichte, anstatt die Restlöcher in "Badewannen" umzuwandeln (Leipziger Volkszeitung, 09.04.1999, S. J5).

Altlast: Die Erben des bis 1934 an den ostdeutschen Braunkohlebetrieben beteiligten Industriellen Ignaz Petschek fordern von der bundesdeutschen Treuhandnachfolgerin BvS eine Entschädigung von mindestens 400 Millionen Mark (Focus, 13/1999 S. 288 - 289). Als Kaufpreis bei der Privatisierung sollen nach der Wende "700 Millionen für die Laubag sowie 290 Millionen für die Mibrag" gezahlt worden sein. "Dem Vernehmen nach überweisen die Käufer - gestreckt über 40 Jahre - weitere sechs Milliarden Mark für Abbaurechte...".

Subventionsparadies: Mit Steuergeldern von "weit über 30 Mrd. DM" und weiteren Milliarden an Konzerninvestitionen zur Wiederbelebung des mitteldeutschen Chemiedreiecks (s. Rückblende) hätte man "die größten Chemiekonzerne der Welt, z. B. Dow Chemical oder auch BASF" kaufen können, bemerkt der frühere Vorstandsvorsitzende der Geschäftsführung der Mitteldeutschen Olefinverbund Buna SOW Leuna Olefin GmbH, Reinhard H. Brümmer (Die Welt, 24.03.1999, S. U3). Die Abwasserbehandlung wird vom Steuerzahler subventioniert. "Das gleiche trifft für die Energieversorgung für die Standorte Bitterfeld, Leuna und Buna zu... hier wurden Milliarden in neue Anlagen gesteckt, die heute alle zu teuer arbeiten, so daß der Stromkauf auch wieder subventioniert werden muß". (Das Kraftwerk Schkopau ist trotzdem nur zu etwa 50 % ausgelastet; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 28, Kleine Anfrage im Sächsischen Landtag, Drucksache 2/7865.)

Zukunftsaussichten: Im Jahr 1998 wurden in Deutschland immer noch 857 Millionen Tonnen Kohlendioxid emittiert (UmweltMagazin, April 1999, S. 14). (Obgleich damit seit 1990 der CO2-Ausstoß um 13,1 % reduziert werden konnte, kann das 25prozentige Reduktionsziel bis 2005 nur durch strenge klimapolitische Auflagen erreicht werden.) Im Leipziger Vorort Machern wurde die weltweit erste Brennstoffzelle als Energieanlage für Ein- und Zweifamilienhäuser vom Verbundnetz Gas (VNG) installiert (Leipziger Volkszeitung, 27.03.1999, S 11). Bei einem europaweiten Absatz von 200.000 Anlagen wird ein Preis von 5000 DM für denkbar gehalten.

Preisrutsch: Die am Kraftwerk Lippendorf beteiligte Bayernwerk AG hat zusammen mit der österreichischen Verbund AG den Bezug von jährlich zehn Milliarden Kilowattstunden (kWh) elektrischen Stroms aus Rußland vereinbart (Die Welt, 27.03.1999, S. 18). Die Bezugspreise liegen bei 3 bis knapp 5 Pf/kWh frei deutsche Grenze.

Neue Impulse: Nach einem Plan des Umweltpolitikers Michael Müller (SPD) soll alle zwei Jahre ein "Bericht zur Lage der Natur" mit Aussagen über den "Umweltverzehr" erscheinen (Focus, 13/1999, S. 46). Der umweltpolitische Sprecher von Bündnis 90/Die Grünen, Reinhard Loske, schlägt eine gesamtdeutsche Quote von 8 % für die Abnahme von ostdeutschem Braunkohlestrom durch jeden bundesdeutschen Stromversorger vor (Neues Deutschland, 01.04.1999, S. 11; s. Rückblende). Der Stromwettbewerb soll gleichzeitig in den neuen Bundesländern zugelassen werden, wo ebenfalls "politische Signale für Effizienz, Klimaschutz und erneuerbare Energien" zu setzen wären. Der sächsische Wirtschaftsminister Kajo Schommer verhindert aber diese Entwicklung mit der Einstellung, "Energieeinsparung brauchen wir nicht - wir haben die Braunkohle".

Vermarktungserfolg: Nach einem im März 1999 abgeschlossenen Vertrag können nun bis zu 80.000 Abnehmer der Evangelischen Kirche Deutschlands (EKD) ihren Strom von den Stadtwerken Hannover und der PreussenElektra AG beziehen (Zeitung für kommunale Wirtschaft, April 1999, S. 8). Neben dem normalen Tarif kann auch elektrische Energie aus regenerativen Quellen bei einem Preisaufschlag von 4 - 8 Pf/kWh vereinbart werden.

Rückblende

Braunkohlelagerstätten der DDR, Braunkohlenbrikettierung, Leipzig, 1984, S. 41: Das Flöz I greift aus dem Profener Lagerstättengebiet nach Osten über und erreicht in den Lagerstätten um Groitzsch und Schleenhain in einzelnen Senken nochmals bedeutende Mächtigkeiten (bis etwa 25 m). Die geologischen Unterschiede in der Ausbildung des Flözes spiegeln sich in den rohstofflichen Charakteristika wider... In günstigen Bereichen weist das Flöz einen Schwelkohlenanteil von 50 bis 60 % auf mit Teergehalten (d) zwischen 18 und 20 %. Das Flöz I stellt damit eine beachtliche Rohstoffbasis für die Bereitstellung hochwertiger Schwel- und Extraktionskohlen dar.