14. Mai 1999 Nr. 53

 Braunes Gold als Landeswährung

Auf der Jahrestagung des Deutschen Braunkohlen-Industrie-Vereins (DEBRIV) wurde ein stabiler Braunkohleabbau von ca. 170 Millionen Tonnen pro Jahr in Aussicht gestellt (Leipziger Volkszeitung, 08.05.1999, S. 9). Damit werden 1/5 der deutschen CO2-Emissionen langfristig festgeschrieben. Das nationale Klimaschutzziel läßt sich unter diesem Umstand nur noch dann erreichen, wenn bis 2005 der Verbrauch an Erdgas, Steinkohle und Erdöl um mehr als 15 % zurückgefahren wird. Die Umsetzung dürfte allerdings schwer, wenn nicht sogar unmöglich sein.

Die Braunkohleindustrie ist auch zuversichtlich, die künftigen Preissenkungen der Stromversorger abfangen zu können. Das bedeutet jedoch eine erhebliche Einschränkung ihrer Rendite. Die Forderung der Heuersdorfer, die Devastierung ihres Ortes durch Kohlelieferungen aus Profen zu erübrigen, wäre andererseits billiger als eine Umsiedlung. Diese Alternative wird trotzdem von der Sächsischen Landesregierung als unwirtschaftlich abgetan. Demokratische Mehrheiten können sich manchmal verrechnen, wenn nur eine Minderheit finanziell benachteiligt wird.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

 Wechseln zum Besseren: In Brandenburg werden nach Angabe des Wirtschaftsministers Burkhard Dreher bereits 35.000 Haushalte mit erneuerbarer Energie versorgt (Leipziger Volkszeitung, 26.04.1999, S. 6). Die Dresdner Landesgeschäftsstelle von Bündnis 90/Die Grünen hat seinen Stromliefervertrag mit dem Regionalversorger Energieversorgung Sachsen Ost AG (Esag) gekündigt, um elektrische Energie aus regenerativen Quellen zu beziehen (Pressemitteilung vom 27.04.1999). Neuer Lieferant ist die Naturstrom AG, die einen Zuschlag von 8 Pf/kWh berechnet. Ab dem 01.07.1999 soll Ökostrom jedoch auch von der Esag zu den gleichen Bedingungen erhältlich sein (Leipziger Volkszeitung, 24.04.1999, S. 6). Im Auftrag von 600 Mitgliedsbetrieben des sächsischen Hotel- und Gaststättenverbands im Regierungsbezirk Leipzig verhandelt die Kilowatthandel GmbH mit dem Regionalversorger Wesag, um günstigere Strompreise zu erzielen (Leipziger Volkszeitung, 06.05.1999, S. 10; s. Heuersdorf Aktuell 47, 48). Wird eine 20prozentige Preissenkung nicht erreicht, sollen Verhandlungen mit anderen Energieanbietern aufgenommen werden.

Lange Leitung: Für den Geschäftsführer des Verbandes der Industriellen Energie- und Kraftwirtschaft (VIK), Hans-Jürgen Budde, sei der diskriminierungsfreie Zugang jedes Stromlieferanten zum potentiellen Kunden zwingend notwendig (Süddeutsche Zeitung, 07.05.1999, S. 26). Die Durchleitungspreise in Deutschland seien aber zum Teil 50 Prozent höher als in England, Schweden oder Norwegen. Der Sächsische Wirtschaftsminister Kajo Schommer sieht in der Durchleitung von Strom das “zentrale Wettbewerbsinstrument” für die Unternehmen (Leipziger Volkszeitung, 11.05.1999, S. 5).

Vertraute Töne: In der Tschechischen Republik wird für die Baufertigstellung des Atomkraftwerks Temelin (2000 MW) mit der Aussicht auf Stromexporte nach Westeuropa argumentiert (Deutschlandfunk, 12.05.1999; s. www.ecn.cz/temelin/tem_knw.htm; www.infoenergie.cz). Gegner des Projektes verweisen jedoch auf die erheblichen Überkapazitäten in der Europäischen Union, die einem profitablen Absatz entgegenstehen.

Korrekturbedarf: In einer Studie des amerikanischen Massaschusetts Institute of Technology wurde nachgewiesen, daß unter Fortsetzung gegenwärtiger Trendentwicklungen im Bereich der Elektrizitätswirtschaft in Neuengland (USA) die im Kyoto-Protokoll vereinbarten CO2-Stabilisierungen nicht erreichbar sind (http://web.mit.edu/energylab/www/). Die Stromversorger müßten deshalb für gezieltes Energiesparen belohnt werden. In den USA lagen die Treibhausgasemissionen 1997 insgesamt um 11,1 Prozent über dem Wert von 1990 (UmweltMagazin, 5/1999, S. 26). Gut drei Viertel davon geht auf den CO2-Anstieg zurück. Nach neuesten Berechnungen der wissenschaftlichen Informationsbehörde (EIA) im amerikanischen Energieministerium werden die Kyoto-Ziele im Jahre 1999 bereits um 39 Prozent verfehlt (Zeitung für kommunale Wirtschaft, 5/1999, S. 12).

Erntezeit: Aufgrund eines leicht positiven Jahresergebnisses hat die Vereinigte Energiewerke AG (Veag) erstmals die Zahlung einer Dividende in Aussicht gestellt (Die Welt, 14.05.1999; s. Rückblende). Die Klausel zum Schutz der ostdeutschen Braunkohle sei nicht angewendet worden, vielmehr wurden alle Anträge auf Durchleitung genehmigt. Ca. 15 Prozent des eigenen Stromes werden außerhalb der neuen Bundesländer abgesetzt. Die Zahl der Mitarbeiter wurde im vergangenen Jahr um fast 1230 auf 6936 reduziert. In diesem Jahr sollen weitere 750 Stellen gestrichen werden. Hinsichtlich der Einrichtung einer deutschen Strombörse “schlägt unser Herz für Leipzig”, versicherte Veag-Vorstandsvorsitzender Jürgen Stotz.

 Rückblende

“Veag rechnet mit Einbußen”, Die Welt, 19.03.1996: “Im Gegensatz zu den neun Verbundunternehmen im Westen erzeugt die Veag ihren Strom fast ausschließlich - zu 95 Prozent - aus Braunkohle. Das sichert zwar Tausende Arbeitsplätze im Lausitzer sowie im mitteldeutschen Revier. Doch die Einseitigkeit, so (Jürgen) Stotz, ‘ist sicher kein Optimum’. Zwar könne Braunkohle, deren Preis langfristig gut kalkulierbar sei, durchaus umweltverträglich verstromt werden. Aber die erforderlichen Kraftwerke seien etwas teurer. Entscheidender im Zusammenhang mit der Debatte um die Einführung einer Energiesteuer: ‘Braunkohle ist politisch nicht ohne Risiko.’ Von den Braunkohleschürfern Laubag AG, Senftenberg, und Mibrag GmbH, Theißen, erwartet Veag-Lenker Stotz einen Beitrag zur Finanzierung des ‘Energiekonsenses Ost’. Das jüngst mit der Politik ausgehandelte Moratorium (es soll verhindern, daß das Preisniveau Ost über dem des Westens liegt) entlastet die Stromkunden in den nächsten fünf Jahren um eine Mrd. DM. Der Veag dürfte dadurch eine Mindereinnahme von 700 Mio. DM entstehen. Den Restbetrag von rund 300 Mio. DM will Stotz auf Laubag und Mibrag abwälzen: ‘Das heißt, wir würden pro Tonne Braunkohle eine Mark weniger bezahlen.’(...) Der Vorstandschef betont, daß die Veag trotz der hohen investiven Aufwendungen Möglichkeiten zu Sonderabschreibungen nicht beanspruche: ‘Wir schreiben linear statt degressiv ab und haben deshalb 10 bis 15 Jahre lang die Kapitalkosten am Hals.’ Die Aktionäre (Bayernwerk, Preussenelektra, RWE und ein Versorgerkonsortium) könne erst im nächsten Jahrtausend mit einer Dividende rechnen. Trotzdem prüft das Kartellamt gegenwärtig die Preispolitik der Veag”.