19. Mai 1999 Nr. 54

Neuer Gärtner

Im September 1997 versicherte Gerd Spaniol, Geschäftsführer und Arbeitsdirektor der Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag), daß Kohle und Strom aus dem Leipziger Südraum "konkurrenzfähig" seien - auch unter den härteren Bedingungen des liberalisierten Strommarktes (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 19).

Nun wird aber von dem inzwischen als "angeschlagen" geltenden Unternehmen bekanntgegeben, daß der frühere Wirtschaftsminister von Sachsen-Anhalt, Klaus Schucht, neuer Aufsichtsratsvorsitzender wird (AP, 13.05.1999). Man erhoffe sich daraus Hilfe beim Aushandeln neuer Verträge mit der Treuhand-Nachfolgerin BvS. Schucht sei bei der Treuhand "Vater der Privatisierung der Mibrag" gewesen. Niemand wisse besser als er, was damals ausgehandelt worden sei.

Es ist recht seltsam, welch hohe Diskrepanz zwischen den Gewinnerwartungen der Mibrag-Eigentümer und den Renditeaussichten ihrer Milliardeninvestition besteht. Das Kraftwerk Schkopau nimmt nur die Hälfte der vorgesehenen Kohlemenge ab. Herr Spaniol bezeichnete das Projekt deswegen am 23.02.1999 im Leipziger Fernsehen als "Fehler". Doch Herr Schucht war stets aktiver Förderer dieses Kraftwerks.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Band läuft: Die erste Braunkohle aus dem Mibrag-Tagebau Vereinigtes Schleenhain wurde über eine neun Kilometer lange Bandanlage in das Kraftwerk Lippendorf gebracht (Leipziger Volkszeitung, 14.05.1999, S. 6). Der erste Kraftwerksblock (S) läuft im Juni an und geht Ende des Jahres in Dauerbetrieb. Der zweite Block (R) folgt im Jahr 2000. Im kommenden Sommer verlassen Arbeitsdirektor und Geschäftsführer Personal Gerd Spaniol sowie Terry V. Rogers, Geschäftsführer Technik, das Unternehmen. Spaniol wechselt in den Vorstand der Lausitzer Braunkohle AG (Laubag). Beim Aufsichtsratsvorsitz der Mibrag tritt der 69jährige Klaus Schucht in die Nachfolge des aus Altersgründen ausscheidenden Wolfgang Oehme.

Leipzig kommt: Die Leipziger Kilowatthandel GmbH will sich als Deutschlands erster Internet-Strombroker etablieren (Leipziger Volkszeitung, 14.05.1999, S. 13). Interessenten können sich unverbindlich zur Teilnahme an Einkaufsgemeinschaften vormerken lassen.

Neues Image: Nach dem Vorbild westdeutscher Stromversorger tritt nun auch die Vereinigte Energiewerke AG mit den Buchstaben VEAG in der Öffentlichkeit auf (Neues Deutschland, 15.05.1999, S. 8; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 53). Im Vergleich zum Vorjahr fiel der Stromerlös 1998 um einen Pfennig auf durchschnittlich 9,83 Pf/kWh. Das Unternehmen kauft deshalb elektrische Energie in Polen hinzu, um konkurrenzfähig zu bleiben.

Atomreich: Die Fertigstellung des Kernkraftwerks Temelin wurde vom tschechischen Kabinett beschlossen, obwohl die Lagerung ausgebrannter Kernbrennstäbe noch nicht geklärt ist (Handelsblatt, 14.05.1999, S. 16; Sächsische Zeitung, 15.05.1999, S. 4; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 53). Um Massenentlastungen in der nordböhmischen Braunkohleindustrie zu verhindern, soll der ab September 2000 erzeugte Atomstrom exportiert werden. Im Jahr 1998 wurden aus Kernkraftwerken in den EU-Ländern 808 Milliarden Kilowattstunden Strom (das 62fache von Lippendorf) produziert (Frankfurter Rundschau, 18.05.1999). Der staatliche Stromkonzern Electricité de France (EdF) will mit Investitionen von mindestens 15 Milliarden DM in den deutschen Markt einsteigen und einen 25,2prozentigen Anteil an der Energie Baden-Württemberg (EnBW) erwerben. Der überwiegend aus Atomkraft stammende französische Strom soll über Energiebörsen nach Deutschland geliefert werden.

Die Lausitz lebt: Die für die sorbische Gemeinde Horno tätige Anwältin Ursula Phillip-Gerlach hält die geplante Umsiedlung der Bevölkerung nach deutschen und europäischen Normen für rechtswidrig, da sich die Bundesrepublik völkerrechtlich zur Einhaltung des Europäischen Minderheitsschutzes verpflichtet habe (Berliner Morgenpost, 15.05.1999; s. Informationen im Internet). Manfred Stolpe wurde aufgefordert, die Entscheidung rechtlich zu überprüfen. Bei der Grundsteinlegung der Lausitzring-Tribüne würdigte der Ministerpräsident seinerseits "den Überlebens- und Zukunftswillen der Region", wodurch auch "die künftigen Schumachers aus der Lausitz kommen" könnten (Sächsische Zeitung, 15.05.1999, S. 1).

Abgesang: Der umweltpolitische Sprecher der SPD-Landtagsfraktion Johannes Gerlach hat den Rückgang der Förderung für regenerative Energien in Sachsen von 23,4 Millionen DM im Jahre 1995 auf 3,2 Millionen Mark 1998 kritisiert (Leipziger Volkszeitung, 19.05.1999, S. 9).

Informationen im Internet

Bündnis 90/Die Grünen: "Wer immer über die Arbeit der Bundestagsfraktion auf dem laufenden sein will, abonniert den superschnellen und einfachen Basisdienst. So funktioniert's: Unter www.gruene-fraktion.de einfach den Punkt infoabo anklicken und das Formular ausfüllen".

Horno: Im Gegensatz zu 29 Hornoern (oft auch Grundeigentümer) und der Grünen Liga, die am 17.12.1998 abgewiesen wurden, gelang es am 22.04.1999 dem englischen Schriftsteller Michael Gromm mit seiner Klage (http://home.t-online.de/home/energiearchiv/horno.htm):

* als Sorbe und damit als klagebefugt anerkannt zu werden

* wegen nicht aussichtsloser Rechtslage Prozeßkostenhilfe zugestanden zu bekommen.

Heuersdorf: Zeitung für kommunale Wirtschaft, 5/1999, S. 8: "Unter Heuersdorf/Sachsen liegt Braunkohle, der Ort soll umgesiedelt werden. Bürger wehren sich - darüber informieren die von Jeffrey H. Michel, dem Heuersdorfer Energiebeauftragten, betreuten Seiten ebenso engagiert und parteilich wie über die Energiewirtschaft in Ostdeutschland insgesamt. Daß die Heuersdorf-Seiten dem Energieträger Braunkohle freundlich zugetan wären, kann niemand behaupten".

Rückblende

"Hohlspiegel. Aus dem 'Handelsblatt'", Der Spiegel, 53/1998, S. 186: "Von diesen Transfers flössen erhebliche Beträge in den Westen zurück, sagte Schucht, der nach seinem Ausscheiden Ende Januar die Landesregierung weiter beraten wird und auch als Aufsichtsrat der Mittelhochdeutsche Braunkohle AG (Mubarak) im Gespräch ist."