30. Juni 1999 Nr. 58

Ewig Gestriges

Ständiges "überholen ohne einzuholen" macht viele alte Sprachgewohnheiten wieder lebendig. Wegen mangelnder Wertschöpfung bleibt die ostdeutsche Wirtschaft immer noch auf Devisen Durch Rentner angewiesen. Die Abkürzung SBZ läßt sich heute mit "Solidaritätsbeitragszone" übersetzen. Die neuen Bundesländer sind auch zum größten Intershop der Welt geworden: Die Ware wird aus dem Westen geliefert, das meiste Geld zum Einkaufen kommt ebenfalls von dort.

Fast 1/5 der deutschen Bevölkerung lebt im Osten, doch lediglich 3,7 Prozent des nationalen Exportvolumens entstehen hier. Nur massive Transferzahlungen können die kapitalintensive Infrastruktur vor dem Totalkollaps bewahren.

Die Landesregierungen von Sachsen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg reagieren auf diese Situation mit vertrauter zentralistischer Einbildungskraft. Anstatt ökologische Nachhaltigkeit konsequent zu verfolgen, wird die heimische Braunkohle auf Kosten der Umwelt und künftiger Generationen verschleudert.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Gewinnsteigerung: Nach Beendigung der Entwicklungsarbeiten für neue Kraftwerksturbinen werden nun 850 meist hochqualifizierte Mitarbeiter bei Siemens/KWU in Franken entlassen(Nürnberger Nachrichten, 16.06.1999; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 25, 30). Die Firma verspricht sich gleichzeitig eine Verfünffachung des Geschäfts aufgrund des Nachfragebooms in den USA.

Unnachgiebig: Trotz der voraussichtlichen Ansiedlung einer Strombörse in Frankfurt/Main (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 57) hält die Leipziger Power Exchange (LPX) an ihrer Gründungsabsicht fest (Leipziger Volkszeitung, 18.06.1999, S. 6) Gemäß einstimmigem Beschluß des Stadtrats tritt Leipzig der Entwicklungsgesellschaft bei und stattet sie mit einem Investitionskapital von fünf Millionen DM aus (s. Zitierfähiges). Die MVV Energie (Mannheim) hat vor Billigstromangeboten wegen undurchschaubarer Preisaufschlägegewarnt (Freie Presse, 19.06.1999). Die Karlsruher Stadtwerke verweisen auf fehlende bundeseinheitliche Verfahrensregeln zur Versorgung von Privatkunden. Der Bund der Energieverbraucher bietet seinen Mitgliedern nichtatomaren Strom mit 20prozentigem Preisnachlaß an, von dem die Hälfte wiederum Energiesparaktionen zugute kommt.

Erblast: Trotz Ablehnung durch SPD und Grüne wird laut Bundeswirtschaftsminister Werner Müller eine definitive Entscheidung über westliche Kredithilfen für zwei ukrainische Atomkraftwerke erst im September fallen (Bonner Stadt-Anzeiger, 18.06.1999). Die außenpolitische Handlungsfähigkeit der Bundesregierung dürfe "keinen Schaden nehmen". Die Union befürwortet die Kredite (auch zur Wahrung der Schöpfung; s. Rückblende).

Ernüchterung: Nach Erkenntnis der Mitteldeutschen Zeitung (19.06.1999) ist der Vertrag der Mitteldeutsche Braunkohlengesellschaft mbH (Mibrag) mit der Treuhand "wegen veränderter Marktbedingungen nicht haltbar" (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 18, 54; vgl. Zitierfähiges). Der damalige Privatisierungsverantwortliche Klaus Schucht wurde nun am 18. Juni aufgrund seines internen Wissens zum neuen Mibrag-Aufsichtsratsvorsitzenden gewählt. Angesichts der Förderung von 13,1 Millionen Tonnen Rohbraunkohle im Bereich der Mibrag 1998 (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 57) und 41 Millionen Tonnen bei der Laubag (Berliner Morgenpost, 21.06.1999) liegt die Gesamtfördermenge um gut 50 Prozent niedriger, als im "Energieprogramm Sachsen" prognostiziert wurde (S. 83: 109,2 Millionen Tonnen 1998).

Verzögerter Einsatz: Im Gegensatz zur ursprünglich geplanten Inbetriebnahme am 01.02.1999 (s. Heuersdorf Aktuell Nr. 30) beginnt der Dauerbetrieb von Block S des Kraftwerks Lippendorf nun im Dezember 1999 (Leipziger Volkszeitung, 21.06.1999, S. 5). Eigentümer sind die Bayernwerk Konventionelle Wärmekraftwerk AG und die EnBW Kraftwerke AG. Der Kraftwerksblock mit 933 MW Bruttoleistung weist einen Wirkungsgrad von 42 Prozent auf.

Bedrohung pur: Für die Föderation der Rotkreuz- und Rothalbmondgesellschaften stehen der Menschheit "Superdesaster" infolge wachsender Verstädterung, Verelendung und der globalen Erwärmung bevor (Handelsblatt, 25.06.1999, S. 10). Laut Aussage der Münchner Rück betrugen Versicherungsverluste in der vergangenen Dekade das Sechsfache im Vergleich zu den 60er Jahren. Es drohe der "Bankrott" der Branche. Doch bis jetzt hat kaum ein Staat das Kyoto-Protokoll zur Reduzierung der weltweiten Treibhausgasemissionen ratifiziert.

Hohe Zuwächse: Bei einem Besuch der Enercon-Produktionsstätte in Magdeburg stellte Umweltminister Jürgen Trittin bis 2010 eine Steigerung der Windenergie-Stromerzeugung auf 20 bis 30 Milliarden kWh in Aussicht (ca. zweimal Lippendorf) (Neues Deutschland, 25.06.1999, S. 10). Dazu soll die Abschaffung des Fünf-Prozent-Deckels auf der Verbundebene angestrebt werden. Eine Erhöhung der Beschäftigungszahl im ehemaligen Sket-Betrieb von 180 auf 380 Arbeitnehmer ist für den von Enercon vorgesehenen Produktionsausbau auf zwei 1,5-MW-Turbinen pro Woche zugesagt worden.

Zitierfähiges

Eberhard Meller, Geschäftsführer der Vereinigung Deutscher Elektrizitätswerke (VDEW), Welt am Sonntag, 20.06.1999, S. 67: "Aber Leipzig hält an einer eigenen Strombörse fest. Welche Chancen geben Sie den Sachsen?" E. M.: "Keine große. Es wird sich mittelfristig nur eine Börse durchsetzen. Und dafür hat Frankfurt die besseren Karten".

Margaret Thatcher: "I want my money back".

Rückblende

"Unsere Verantwortung für die Schöpfung", 37. Bundesparteitag der CDU in Bremen, CDU-Dokumentation 29/1989, S. 42: "Kernenergie darf nicht als Alibi für den Verzicht auf Sparsamkeit, auf Forschung und auf finanzielle Förderung erneuerbarer Energieträger dienen. Wir fördern mit Nachdruck alle alternativen Energiequellen, auch die Wasserstofftechnologie. Die Grundentscheidung und der dadrauf aufgebaute Stand an Sicherheit machen für uns Kernenergie verantwortbar. Diese Entscheidung entläßt uns aber nicht aus der Verpflichtung, mit großem Nachdruck auch neue technische Antworten auf den Energiehunger der Welt zu finden. Die Verbindung von Kohle und Kernenergie ist intensiv zu verfolgen".