08. Juli 1999 Nr. 59

Zwei Paar Schuhe

Das Regionalforum Mitteldeutschland hat am 01. Juli zu einer "Zukunftskonferenz" eingeladen, bei der die Entwicklung der Mitteldeutschen Region im Mittelpunkt stand (Leipziger Volkszeitung, 01.07.1999, S. 5). Der Südraum Leipzig mausert sich "in atemberaubendem Tempo", meint Sachsens Umweltminister Rolf Jähnichen (Dresdner Morgenpost, 30.06.1999, S. 12).

Die Beschäftigung von 700 Mitarbeitern durch Dow Chemical in Böhlen ist ein erfreuliches Anzeichen dafür. Die Kunststoff-Grundproduktion von 450.000 Tonnen pro Jahr wird auf den Marktbedarf z. B. in Polen und Tschechien abgestimmt. Doch anders sieht es beim Braunkohlestrom aus. Denn die Osteuropäer wollen Energie nach Deutschland liefern, um westliche Industrieerzeugnisse bezahlen zu können.

Die Redaktion

Aktuelle Nachrichten

Preiseinbruch: Die Leipziger Kilowatthandel GmbH hat durch eine Vereinbarung mit derDeutsche Tractebel AG, einer Tochter des belgischen Energieversorgers Tractebel SA, einen Liefervertrag mit 30 Gewerbe- und Haushaltskunden in der Stadt Schkeuditz abgeschlossen(Leipziger Volkszeitung, 29.06.1999, S. 13; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 47, 54). Die erzielten Tarife liegen im Durchschnitt um 30 Prozent unter dem Preis der Schkeuditzer Stadtwerke. Der Firmensitz der Kom-Strom AG wird von Odernhelm (Pfalz) nach Leipzig verlegt (Leipziger Volkszeitung, 30.06,1999, S. 6). Nach Angabe des Aufsichtsratsvorsitzenden Wolfgang Wille (der auch Geschäftsführer der Stadtwerke Leipziger GmbH ist) soll über diesen Weg Strom in ganz Deutschland verbilligt verkauft werden. Die Schutzklausel für den Braunkohlestrom würde sich deshalb eher zum Nachteil für die ostdeutsche Wirtschaft auswirken (Leipziger Volkszeitung, 01.07.1999, S. 5).

Spannungsfeld Horno: Nachdem das Cottbusser Verwaltungsgericht das Klagerecht des von Sorben abstammenden Schriftstellers Michael Gromm gegen das Oberbergamt anerkannt hatte, wurde vier Wochen später seine Klage vom Richter Boris Wolnicki abgewiesen (Neues Deutschland, 29.06.1999, S. 9; s. Heuersdorf Aktuell Nr. 54). Die Gemeindeverwaltung Jänschwalde hat dennoch den Abriß von zwei Häusern in Horno durch die Lausitzer Braunkohle AG (Laubag) abgelehnt, da das Schicksal des Ortes noch nicht besiegelt sei (Berliner Morgenpost, 01.07.1999). Das diesjährige Landesjugendcamp der evangelischen Kirche in Berlin und Brandenburg fand in Horno mit 2500 Teilnehmern statt (Lausitzer Rundschau, 03.07.1999, S. 6). Ortsvorsteher Bernd Siegert und der Umweltbeauftragte der Landeskirche, Reinhard Dalchow, forderten eine erneute Prüfung, ob der Tagebau nicht doch an dem Ort vorbeigeführt werden könnte (Berliner Morgenpost, 05.07.1999). Der Heuersdorfer Energiebeauftragte Jeffrey Michel verwies auf überzogene Braunkohleprognosen in den neuen Bundesländern. Lehrlinge aus dem Kraftwerk Jänschwalde verteidigten die Abbaggerung von Horno jedoch als notwendiges Übel.

Prinzipientreue: Die Vorsitzende des 247.000 Mitglieder zählenden Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND) Angelika Zahrnt hat ihre seit 1972 bestehende Mitgliedschaft in der SPD gekündigt (Rheinischer Merkur, 01.07.1999). Ihrer Ansicht nach würde sich Bundeskanzler Gerhard Schröder "als oberster Lobbyist der Auto- und Stromkonzerne" verstehen. (Heuersdorf ist BUND-Mitglied.)

Noch mehr Energie: Aus der Esso-Studie "Öldorado 99" geht hervor, daß die weltweit "sicher bestätigten" Reserven an Erdöl und Erdgas weiter zugenommen haben. Die Nord-Süd-Initiative Germanwatch kritisiert die Unternehmenspolitik der Esso AG angesichts der fortgesetzten Gefährdung des globalen Klimas (s. Dokumentation).

Pro Braunkohle: Der CDU-Bundestagsabgeordnete Michael Luther hat bei der "künftig vom Bundestag einzurichtenden Enquete-Kommission zu Energiefragen" sowohl einen Sachverständigen für Braunkohle als auch einen Abgeordneten aus dem Braunkohlerevier als Teilnehmer gefordert (Pressemitteilung 07.07.1999). Anläßlich des Besuches einer CDU/CSU- Bundestagsdelegation in der Lausitz wurde erklärt, man sei "von der Zukunftsfähigkeit dieses Energieträgers überzeugt".

Dokumentation

"OELDORADO '99", Esso AG (http://www.esso.de/infoservice/downloads/files/oeldorado99.pdf): "Die Vorräte an sicher bestätigten Reserven bei Öl und Gas waren noch nie so hoch wie heute. Dies geht aus der Broschüre 'Oeldorado '99' hervor, die die Esso A.G. am 2.7.1999 in Frankfurt vorstellte. Durch einen Zuwachs von 1,5 Prozent gegenüber dem Vorjahr erreichten die weltweiten Ölreserven 1998 mit 141 Milliarden Tonnen den höchsten je erzielten Wert. Dieser Anstieg von über 2 Milliarden Tonnen ist die Folge verbesserter Explorationstechnik und der trotz des niedrigen Ölpreises fortgesetzten Suche nach Erdöl. Der weltweite Ölverbrauch stieg 1998 lediglich um 7 Millionen Tonnen auf 3,35 Milliarden Tonnen, ein Zuwachs von 0,2 Prozent. (...) Auch die sicher bestätigten Erdgasreserven stiegen weltweit erfreulich an, nämlich um 1,1 Prozent auf 146 Billionen Kubikmeter. Die größten Vorräte liegen zu nahezu gleichen Teilen im Nahen Osten und in Rußland, damit bleibt Rußland mit 48 Billionen Kubikmetern mit Abstand das Land mit den reichsten Gasreserven der Welt. Der Weltgasverbrauch lag 1998 mit 2.400 Milliarden Kubikmetern um 1 Prozent über dem Vorjahr. Dabei zeigte Westeuropa mit einem Verbrauchszuwachs von 12 Milliarden Kubikmetern den stärksten Anstieg. Nachdrücklich wies die Esso A.G. darauf hin, daß die sicher bestätigten Reserven nur ein kleiner Teil der tatsächlich vorhandenen Öl- und Gasvorräte seien. Es handelt sich dabei nur um die bereits durch Bohrungen bestätigten, mit heutiger Technik und zu heutigen Preisen wirtschaftlich förderbaren Mengen. 'Neue Funde, verbesserte Fördertechnik und weitere Kostensenkungen werden dazu führen, daß weder wir, noch unsere Enkel, noch deren Enkel das Ende des Ölzeitalters erleben werden', erklärte K.-H. Schult-Bornemann, Leiter der Presse- und Informationsabteilung, vor dem Presseclub in Frankfurt".

"Schreiben Sie an die Esso AG!", Germanwatch e. V. (http://www.germanwatch.org): "Die Esso AG ist zusammen mit ihrer Muttergesellschaft Exxon einer der wichtigsten Erdölproduzenten und -verarbeiter. Zugleich ist dieser Konzern der letzte große Erdölkonzern, der sich weigert, wesentlich dazu beizutragen, das Klima zu schützen oder anders gesagt: das Unternehmen fährt munter fort, das Klima zu gefährden. Eine Änderung der Unternehmenspolitik ist nur bei öffentlichem Druck zu erwarten - zumal von Verbrauchern und Verbraucherinnen, die Erdölprodukte kaufen. (...) Daher bitten wir Sie: schreiben Sie an Esso!".